Warum sollte ausgerechnet beim Abschied alles schwarz und grau sein? Jasmin Marks und Sebastian Böttcher haben mit Colors of Death Deutschlands erstes gemeinnütziges Institut für Endlichkeitskompetenz gegründet. Sie wollen den Tod nicht schönfärben, sondern ihm seine Farben zurückgeben.
Mit Colors of Death verbindet mich schon eine kleine Geschichte. Bereits 2023 habe ich mich im Rahmen ihrer Sichtbarkeitschallenge mit dem Thema meiner eigenen Endlichkeit beschäftigt. Damals entstand mein Beitrag „Mein Tod und ich“. Und ich erinnere mich noch gut daran, wie ungewöhnlich es sich anfühlte, nicht erst angesichts eines konkreten Verlustes über den Tod nachzudenken, sondern einfach so, mitten im Leben.
Denn warum tun wir eigentlich so, als würde uns dieses Thema nichts angehen, solange wir gesund sind und der Alltag einigermaßen funktioniert? Wir planen Urlaube, Geburtstage und die nächsten Jahre. Aber über unseren letzten Abschied sprechen wir lieber nicht. Dabei kann gerade diese Auseinandersetzung erstaunlich viel darüber erzählen, was uns im Leben wirklich wichtig ist.
Genau deshalb mag ich den Ansatz von Colors of Death. Hier geht es nicht darum, den Tod schönzureden oder die Trauer mit buntem Konfetti zuzudecken. Sondern darum, offener, selbstbestimmter und vielleicht auch ein bisschen mutiger über unsere Endlichkeit nachzudenken. Ich freue mich sehr, dass Jasmin Marks und Sebastian Böttcher für mein Special dabei sind und mit uns ihre Gedanken über Abschied, Vorsorge, Verbundenheit und die vielen Farben des Lebens teilen.
Interview mit Colors of Death
Wie ist Colors of Death entstanden, und wofür steht der Name?
Alles begann mit Jasmin und ihrer Entscheidung, die eigene Beerdigung zu planen. Nicht, weil sie sterben wollte, sondern weil sie ihre Liebsten im Ernstfall nicht mit all den Entscheidungen alleinlassen wollte. Doch als kreativ-strukturierter Kopf war es mit ein paar ausgefüllten Vorsorgedokumenten nicht getan. Sie begann, weiterzudenken: Was passiert eigentlich davor und danach? Was brauchen die Menschen, die bleiben, wirklich, außer Antworten auf bürokratische Fragen? Und warum sollte ausgerechnet beim Abschied alles schwarz und grau sein?
Aus diesen Fragen entstand unser Buch „Colors of Death / Warum es an deiner Beerdigung Konfetti regnen darf – für ein mutiges Denken über den letzten Herzschlag hinaus“ und schließlich unser gemeinnütziges Unternehmen. Als Bildungs- und Aufklärungsinstitut gehen wir neue Wege und verbinden Themen aus bisher getrennt betrachteten Welten. Denn der Tod hat nicht nur eine Farbe. Er ist so bunt wie die Gefühle, die er auslöst, und so vielfältig wie die Möglichkeiten, mit Endlichkeit umzugehen.
Heute wollen wir Menschen verbinden – Jung und Alt, Gesund und Krank. Denn bei aller Unterschiedlichkeit haben wir eines gemeinsam: unsere Sterblichkeit. Mit unserer Arbeit stärken wir Begegnungen in Krisen, Sprachfähigkeit, mentale Stärke, Handlungs- und Veränderungskompetenz. Damit wir nicht erst im Angesicht des Todes lernen, mit Endlichkeit umzugehen, sondern mitten im Leben.
Wir wollen den Tod nicht schönfärben, sondern ihm seine Farben zurückgeben. Und damit auch dem Leben mit all den vielen kleinen Endlichkeiten.
Warum sollten wir früher, offener und bunter über den Tod sprechen?
Weil wir alle sterben werden, aber vorher ziemlich viel zu leben haben! Der Tod ist die einzige Deadline, die wirklich für uns alle gilt. Nur den Termin kennen wir nicht. Wer sich frühzeitig mit seiner Endlichkeit beschäftigt, kann bewusster entscheiden, was wirklich zählt. Und lernt dabei etwas, das weit über den Tod hinausgeht: mit Krisen, Verlusten und Veränderungen umzugehen, die das Leben nun mal mit sich bringt.
Offene Gespräche schaffen außerdem eine besondere Nähe und Verbundenheit. Sie lassen Beziehungen tiefer werden und können selbst dann noch tragen, wenn Trennung, Abschied oder der letzte Herzschlag uns voneinander scheiden. Denn wer offen über den Tod spricht, nimmt nicht dem Leben die Leichtigkeit, sondern gibt ihm mehr Tiefe.
Was erlebt ihr, wenn Menschen zum ersten Mal mit euch über ihren eigenen Tod sprechen?
Oft beginnt es mit einem nervösen Lachen und endet mit erstaunlicher Lebendigkeit. Menschen erzählen von Ängsten, aber plötzlich auch von Wünschen, Sehnsüchten und Dingen, die sie schon viel zu lange aufgeschoben haben. Viele finden im Alltag kaum Raum für solche Gespräche und sind dankbar, in unseren Gemeinschaften zu erleben, wie befreiend und verbindend es sein kann, sich gemeinsam der eigenen Endlichkeit zu nähern.
Es ist ein bisschen wie früher als Kind, wenn man mit der Taschenlampe unter das Bett leuchtete: Plötzlich war das vermeintliche Monster gar nicht mehr so gruselig. Oft sind es unsere eigenen Gedanken, die das Thema größer und bedrohlicher machen, als es sein muss. Oder aber Menschen im Umfeld, die uns das aufgrund ihrer eigenen Angst weismachen. Und wer sich traut, dem Tod ins Gesicht zu schauen, entdeckt dabei erstaunlich viel vom eigenen Leben.
Euer Gesprächskartenset: Wie setzt man es ein, zu zweit, in der Familie oder mit Freundinnen?
Am besten mit Neugier, Offenheit und vielleicht einem guten Glas Wein. Die Karten laden dazu ein, Fragen zu stellen, die im Alltag selten Platz finden. Eigentlich sind es ganz einfache Fragen. Doch wenn wir keine Antworten hinterlassen, können genau diese Fragen für unsere Liebsten irgendwann ziemlich schwer wiegen.
Unser Kartenset besteht aus 2 × sechs Karten mit sechs Zitaten und unterschiedlichen Fragen auf der Rückseite, wie sie beispielsweise auch ein Bestatter stellen könnte. Das Besondere: Man spielt mindestens zu zweit. Beide beantworten die jeweilige Frage zunächst still für sich und überlegen gleichzeitig, was wohl der andere antworten würde. Anschließend wird verglichen. Wie gut kennen wir uns eigentlich? Und wo liegen wir völlig daneben?
Genau daraus entstehen oft überraschende, berührende und manchmal herrlich lustige Gespräche. Zu dritt oder viert funktioniert das Ganze wunderbar im Kreis. Es geht schließlich nicht darum, die richtigen Antworten zu finden, sondern miteinander ins Gespräch zu kommen. Denn manchmal braucht es nur eine gute Frage, um sich noch einmal ganz neu kennenzulernen.
Was ist die Emotionale Checkliste, und was hat sie, was eine Patientenverfügung nicht hat?
Checklisten für den Todesfall gibt es zuhauf. Sie helfen uns, Vollmachten, Verfügungen, Versicherungen und den Nachlass zu regeln. Und das ist unglaublich wichtig! Doch zwischen all den Formularen, Unterschriften und Notfallordnern vergessen wir häufig das Menschliche. Denn eine Patientenverfügung regelt medizinische Entscheidungen, eine Vorsorgevollmacht bestimmt, wer für uns handeln darf, und eine Bestattungsverfügung hält unsere Wünsche für den Abschied fest. Aber wer denkt eigentlich an die Menschen, die mit all dem weiterleben müssen?
Genau hier setzt unsere kleine inspirierende Checkliste an. Sie eröffnet einen anderen Einstieg in die Vorsorge, fernab der üblichen Bürokratie. Was könnte meinen Liebsten nach meinem Tod Trost spenden? Welche Gesten, Briefe oder Erinnerungen kann ich schon heute vorbereiten? Und wie kann ich nicht nur meinen Papierkram, sondern auch meinen emotionalen Keller aufräumen?
Denn Vorsorge bedeutet für uns vor allem Fürsorge. Es geht nicht nur darum, alles geregelt zu haben, sondern darum, den Menschen, die bleiben, Orientierung, Handlungssicherheit und ein Stück Liebe über den letzten Herzschlag hinaus mitzugeben.
Was steckt hinter dem Kleinen Erbe?
Stell dir vor, du stirbst morgen. Die Menschen, die du liebst, stehen plötzlich vor unzähligen Fragen: Was ist jetzt zu tun? Wo fange ich an? Was hättest du dir gewünscht? Welche Entscheidung ist die richtige? Sie schauen dich fragend an. Doch du kannst nicht mehr antworten. Scheiß Vorstellung, oder?
Genau hier setzt „Mein Kleines Erbe“ an. Eine liebevoll gestaltete, erweiterte Bestattungsverfügung, mit der du deinen Abschied vorbereiten und deinen Liebsten Orientierung und Handlungssicherheit schenken kannst.
Das Besondere ist die Ansprache: Du musst keine langen Texte schreiben oder selbst die richtigen Worte finden. Vieles kannst du einfach ankreuzen. Doch statt nüchterner Formulierungen findest du persönliche, liebevolle Botschaften. Zum Beispiel: „Ich vertraue dir, dass du für mich und für dich die richtige Entscheidung treffen wirst.“ Oder Worte der Dankbarkeit dafür, dass jemand eines Tages diesen letzten Weg für dich geht.
Du kannst deine Beerdigung bis ins kleinste Detail planen oder bewusst Entscheidungen offenlassen. Es geht darum, deinen Liebsten Leitplanken zu schenken. Kleine Brotkrumen, die Orientierung geben, wenn plötzlich alles Kopf steht, und ihnen gleichzeitig die Freiheit lassen, den Abschied auch nach ihren eigenen Bedürfnissen zu gestalten.
Denn wir können unseren Liebsten die Trauer nicht ersparen. Aber wir können ihnen Sorgen, Zweifel und schwierige Entscheidungen abnehmen. „Mein Kleines Erbe“ ist Fürsorge auf Papier. Und eine liebevolle Art zu sagen: „Ich kann damit sterben, wenn du damit leben kannst.“ (Jasmin Marks)
Viele unserer Leserinnen begleiten gerade ihre alten Eltern. Wie findet man einen Einstieg ins Gespräch, ohne dass es gleich schwer wird?
Indem man aufhört, Antworten einzufordern! Denn wer seine Eltern unvermittelt nach ihren Bestattungswünschen fragt, bekommt nicht selten zu hören: „Willst du mich etwa schon unter die Erde bringen?“ Und schon entsteht Trennung statt Verbindung.
Deshalb sagen wir immer liebevoll provokant: Verlange nichts, sondern geh mit gutem Beispiel voran! Denn wer sagt eigentlich, dass nicht du morgen stirbst und deine Eltern plötzlich vor genau den Fragen stehen, die du gerade für sie klären möchtest?
Beschäftige dich also zuerst mit deiner eigenen Endlichkeit. Entdecke, wie spannend, kreativ und lebensbejahend diese Reise zum Lebensende und zurück sein kann. Und erzähle davon! Vielleicht von der wunderschönen Urne, die du für dich entdeckt hast, oder einer verrückten Idee für deine Abschiedsfeier. Teile deine Gedanken, statt Fragen zu stellen. Lass deine Begeisterung ansteckend wirken.
So kann sich ganz von selbst ein Raum öffnen, in dem auch deine Eltern neugierig werden und anfangen zu erzählen. Und wenn nicht? Dann ist das auch in Ordnung. Manche Gedanken brauchen Zeit, um zu wachsen. Deshalb warte nicht, bis deine Eltern ein Alter erreicht haben, in dem das Thema vermeintlich ansteht. Fang heute an. Vielleicht hörst du Wochen oder Monate später plötzlich: „Du, ich habe mir da doch noch mal Gedanken gemacht …“
Denn Verbindung entsteht durch Einladung, nicht durch Erwartung. Und manchmal braucht eine gute Frage einfach Zeit, bis eine Antwort reif ist.
Ihr seid auch in der Bildung unterwegs. Was nehmen Teams, Schulen oder Unternehmen aus euren Angeboten mit?
Eine Kompetenz, die wir alle brauchen, aber kaum irgendwo lernen: Endlichkeitskompetenz. Denn Endlichkeit begegnet uns nicht erst beim Sterben, sondern überall dort, wo etwas zu Ende geht: Beziehungen, Lebensphasen, Gewohnheiten, Sicherheiten oder berufliche Rollen.
Dabei nutzen wir den Tod ganz bewusst als Referenzpunkt. Denn er ist die wohl erschütterndste Form von Endlichkeit und diejenige, die uns häufig am meisten Angst macht. Der Tod ist unser Referenzpunkt. Das Leben ist unser Trainingsfeld. Was wir im Umgang mit der eigenen Sterblichkeit lernen, hilft uns auch, Krisen, Verlusten und Veränderungen im Alltag zu begegnen.
In unseren Workshops erleben Menschen, wie ähnlich sie sich in ihren grundlegenden Ängsten, Wünschen und Bedürfnissen sind und wie unterschiedlich sie gleichzeitig denken, fühlen und handeln dürfen. Sie üben Kommunikation, Achtsamkeit und Impulsdistanz, hinterfragen alte Glaubenssätze und entwickeln mehr emotionale Sicherheit und Handlungskompetenz. Vor allem aber entsteht etwas, das uns besonders am Herzen liegt: echte Verbindung. Mit sich selbst und miteinander, über das, was uns alle verbindet – unsere Sterblichkeit.
Gerade bei jungen Menschen erleben wir eine große Offenheit und Neugier. Sie fragen viel selbstverständlicher: Warum machen wir das eigentlich so? Müssen Abschied, Trauer und Tod wirklich so aussehen, wie wir es seit Generationen kennen? Nein, müssen sie nicht! Auch Vorstellungen, Rituale und Kulturen dürfen sich verändern. Und Veränderung beginnt nicht damit, dass wir auf die Gesellschaft warten. Sondern damit, dass wir selbst anfangen, anders zu denken, zu fühlen und zu handeln.
Welchen Gedanken möchtet ihr unseren Leserinnen mitgeben?
Warte nicht darauf, dass der Tod irgendwann an deine Tür klopft und du gezwungen bist, dich mit ihm auseinanderzusetzen. Begegne ihm freiwillig. Heute. Mitten im Leben!
Denn dabei kannst du etwas unglaublich Wertvolles entdecken: Du hast viel mehr Gestaltungskraft, als du vielleicht glaubst. Nicht nur für deinen letzten Abschied, sondern für all die kleinen und großen Endlichkeiten, die dir auf deinem Lebensweg begegnen. Wir sind nicht nur Opfer dessen, was uns im Leben widerfährt. Auch wenn wir nicht alles verhindern oder kontrollieren können, haben wir Einfluss darauf, wie wir dem begegnen. Du kannst lernen, dich in Momenten der Trauer selbst zu halten, anderen Halt zu geben und auch in Krisen handlungsfähig zu bleiben. Nicht alles liegt in unserer Hand. Aber oft viel mehr, als wir denken.
Wer möchte ich auf dem Weg zu meiner eigenen Endlichkeit sein? Für mich selbst und für all die Menschen, denen ich auf diesem Weg begegne? Denn du kannst nicht entscheiden, wie viel Zeit dir bleibt. Aber du kannst mitgestalten, wer du in dieser Zeit sein möchtest.
Jasmin Marks & Sebastian Böttcher
Über Colors of Death
Jasmin Marks und Sebastian Böttcher sind Gründer von Colors of Death®, Deutschlands erstem gemeinnützigen Institut für Endlichkeitskompetenz. Die beiden sind geschieden, aber noch lange nicht getrennt, denn sie verbindet eine gemeinsame Mission: den Tod zurück ins Leben zu holen. Jasmin mit Kreativität, Herz und Tiefgang, Sebastian mit Klarheit, Humor und strategischem Weitblick. Gemeinsam zeigen sie, dass Endlichkeit nicht nur Abschied bedeutet, sondern auch Raum für Veränderung, Verbundenheit und neue Anfänge schafft.
Website: colors-of-death.de · Instagram: @colors.of.death · LinkedIn: Jasmin Marks
Verlosung: das Gesprächskartenset von Colors of Death
Colors of Death verlost ein Gesprächskartenset für zwei oder mehr: 2 × sechs Karten mit Zitaten und Fragen, die zu überraschenden, berührenden und manchmal herrlich lustigen Gesprächen über das Leben und den Abschied einladen. Das Set wird direkt von Colors of Death an die Gewinnerin oder den Gewinner verschickt.
🎁 Die Verlosung läuft auf Instagram bei @dunkelrot.de – mitmachen bis 10. November 2026, 23:59 Uhr. Teilnahme ab 18 Jahren mit Wohnsitz in Deutschland, die Bedingungen stehen im Instagram-Beitrag. Der Verlosungsbeitrag startet am Dienstag, 3. November, um 18 Uhr.
Fotos: Nike Gais / Colors of Death. Das Interview wurde schriftlich geführt.
