Heute stand ein kleines Schaf mitten auf der Straße.
Es gehörte zu niemandem, jedenfalls nicht sichtbar.
Es blökte nach etwas, das ich ihm nicht geben konnte.
Und während ich dort stand, wurde mir klar, dass wir alle manchmal auf einer Landpassage stehen.
Zwischen dem, was wir lieben, und dem, was wir verlieren.
Zwischen Hoffnung und Abschied.
Zwischen dem Wunsch, festzuhalten, und der Erkenntnis, dass manche Dinge ihren eigenen Weg gehen.
Das kleine Schaf stand dort, verloren, rufend, nicht dort, wo es hingehörte.
Es sah mich an, als wüsste ich die Antwort.
Aber ich wusste sie nicht.
Ich wusste nur, dass ich anhalten musste.
Dass man nicht einfach vorbeifährt, wenn etwas Lebendiges Hilfe braucht.
Später kam eine Frau.
Sie wusste, was zu tun war.
Und das kleine Schaf war nicht mehr allein.
Seitdem denke ich daran.
Denn vielleicht bin ich heute selbst dieses Schaf.
Ein wenig verloren.
Ein wenig zu laut vor Angst.
Ein wenig auf der Suche nach dem Weg zurück.
Denn heute hat mir eine Tierärztin gesagt, dass meine Katze einen Tumor hat.
Nicht einen Abszess.
Nicht etwas, das wieder weggeht.
Einen Tumor.
Im Maul.
Im Knochen.
Fünfzehn Jahre Leben liegen zwischen uns.
Fünfzehn Jahre Schnurren.
Fünfzehn Jahre Fell auf Pullovern, auf Sofas, auf Lieblingsdecken.
Fünfzehn Jahre Zuhause.
Und plötzlich gibt es einen Freitag.
Einen Freitag, von dem sie nichts weiß.
Es gibt eine Landpassage
zwischen dem, was wir lieben,
und dem, was wir verlieren.
Kein Meer trennt die beiden.
Kein Sturm.
Kein Abgrund.
Nur ein schmaler Weg
durch das Herz.
Heute gehe ich ihn.
Mit Tränen in den Augen,
einer Katze an meiner Seite,
einem Namen auf den Lippen,
der nicht antwortet.
Und doch gehe ich.
Denn Liebe ist nicht das Festhalten.
Liebe ist das Dasein.
Sie sitzt nachts am Küchentisch.
Sie streicht über graues Fell.
Sie zählt Atemzüge.
Sie füllt Näpfe.
Sie wartet.
Sie hofft.
Liebe fragt nicht,
ob sie am Ende gewinnt.
Sie bleibt.
Sie bleibt beim alten Tier,
dessen Augen sagen:
„Danke, dass du da bist.“
Sie bleibt bei einem Menschen,
der vielleicht gerade verloren,
verletzt oder verschwunden ist.
Sie bleibt sogar bei sich selbst,
wenn die Welt für einen Moment
aus den Fugen gerät.
Die Landpassage ist kein schöner Ort.
Hier stehen wir zwischen
Noch-da
und
Nicht-mehr.
Zwischen Hoffnung
und Abschied.
Zwischen dem Wunsch,
alles festzuhalten,
und der Erkenntnis,
dass manche Dinge
weiterziehen müssen.
Das Lamm auf der Straße
wusste nicht,
wohin es gehörte.
Meine Katze weiß nicht,
dass Freitag kommt.
Und ich weiß nicht,
was morgen geschieht.
Aber vielleicht genügt für heute:
Dass wir einander hatten.
Dass Fell an meiner Kleidung hängt.
Dass Erinnerungen in den Zimmern wohnen.
Dass Liebe Spuren hinterlässt,
selbst dort,
wo Worte fehlen.
Vielleicht ist das die eigentliche Landpassage.
Nicht der Weg vom Leben zum Tod.
Nicht der Weg vom Wir zum Vielleicht.
Sondern der Weg,
auf dem wir lernen,
dass nichts für immer bleibt,
und dass Liebe trotzdem
nicht umsonst war.
Sie war nie umsonst.
Nicht eine einzige Nacht.
Nicht ein einziges Schnurren.
Nicht ein einziger Blick.
Und irgendwo zwischen
Trauer und Dankbarkeit
beginnt ein neues Land.
Dorthin gehe ich jetzt.
Langsam.
Weinend.
Liebend.
Mit leeren Händen.
Und einem Herzen,
das trotz allem
noch an das Gute glaubt.
Meine alte Katze schläft.
Ihr Fell riecht nach Zuhause.
Und irgendwo in der Welt fehlt ein Mensch, dessen Stimme ich heute gern gehört hätte.
So viel Liebe.
So viel Sorge.
So viele offene Türen.
Und doch:
Das kleine Schaf wurde gefunden.
Die Katze hat heute gefressen.
Der Abend ist gekommen,
obwohl ich dachte,
ich schaffe ihn nicht.
Vielleicht ist das alles,
was wir manchmal wissen dürfen.
Nicht,
dass alles gut wird.
Sondern,
dass wir nicht jede Straße
allein überqueren müssen.
Dass Liebe bleibt,
auch wenn Antworten fehlen.
Dass Abschied
nicht das Gegenteil von Liebe ist,
sondern ihr letzter Dienst.
Und dass das Leben,
selbst an den dunkelsten Tagen,
immer wieder kleine Wesen schickt,
die uns daran erinnern:
Du musst nicht alles retten.
Du musst nur anhalten.
Hinschauen.
Lieben.
Und da sein.
Der Rest findet manchmal. seinen Weg nach Hause
weil an einem einzigen Tag plötzlich alles von Liebe handelte:
Die Liebe zu einem Tier.
Die Liebe zu einem Menschen.
Die Liebe zum Leben.
Und die schwerste Form von Liebe überhaupt:
Dasein, obwohl man weiß, dass man loslassen muss. ❤️
Nachtrag
Lotti ist am 5. August 2026 gestorben.
Fünfzehn Jahre war sie bei mir.
Fünfzehn Jahre Zuhause.
