Himmelschronik: Die Nacht mit 25 Stunden — Orioniden, Zeitumstellung und der Staub eines Kometen

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Zwischen dem 21. und dem 26. Oktober 2026 passieren vier Dinge hintereinander: Sternschnuppen, ein rückläufiger Merkur, eine Nacht mit 25 Stunden und ein Vollmond. In diesem Beitrag steht, was davon ein echtes Ereignis ist, was bloß Verwaltung — und was du siehst, wenn eine Sternschnuppe fällt.

Eine Sternschnuppe ist kein Stern.

Sie ist ein Staubkorn, und du weißt, woher es stammt.

Historische Illustration des Vollmonds mit Kratern uüber einer Landschaft – Symbolbild für die Dunkelrot-Himmelschronik

Inhalt

  1. Die Woche im Überblick
  2. Was da verglüht
  3. Der Komet, der 2061 wiederkommt
  4. Caroline Herschel, die für ihre Arbeit bezahlt wurde
  5. Die Nacht, die 25 Stunden hat
  6. Die Deutung — und wo sie aufhört
  7. Fünf Dinge für diese Woche
  8. Dunkelrot-Reminder: Du musst nichts auffangen

1. Die Woche im Überblick

DatumWas
21./22. OktoberMaximum der Orioniden, bis zu 20 Sternschnuppen pro Stunde
24. OktoberMerkur wird rückläufig; Venus steht in unterer Konjunktion
Nacht zum 25. OktoberEnde der Sommerzeit, die Uhr geht um 03:00 Uhr zurück auf 02:00 Uhr
26. OktoberVollmond um 05:11 Uhr, traditionell Jägermond

Drei Himmelsereignisse und ein Verwaltungsakt. Die Reihenfolge ist Zufall, aber eine schöne: Erst fällt etwas vom Himmel, dann verschiebt jemand die Zeit, dann wird es hell genug, dass man ohnehin nichts mehr sieht.

Denn der Mond ist in dieser Woche das Problem. Zum Maximum der Orioniden ist er zunehmend und steht abends und in der ersten Nachthälfte am Himmel. Die gute Zeit liegt deshalb nach Monduntergang, in den Stunden vor der Dämmerung — also genau dann, wenn der Radiant im Orion ohnehin am höchsten steht.

Quellen mit den genauen Zeiten: timeanddate.de.


2. Was da verglüht

Das Wort Sternschnuppe führt in die Irre, genauso wie Finsternis und Equinox es getan haben. Mit Sternen hat die Sache nichts zu tun.

Was du siehst, ist ein Staubkorn. Meistens kleiner als ein Reiskorn, oft nur Bruchteile eines Millimeters. Es trifft mit etwa 66 Kilometern pro Sekunde auf die obersten Schichten der Atmosphäre — das sind rund 240.000 Kilometer in der Stunde, und die Orioniden gehören damit zu den schnellsten Meteoren überhaupt.

Bei dieser Geschwindigkeit verbrennt das Korn nicht durch Reibung, wie man oft liest. Es schiebt die Luft vor sich her, die dabei schlagartig verdichtet und tausende Grad heiß wird. Das Korn verdampft, und die Luft um seine Bahn herum leuchtet. Der Strich, den du siehst, ist nicht das Staubkorn. Er ist die Luft.

Das Ganze passiert in achtzig bis hundert Kilometern Höhe und dauert unter einer Sekunde. Danach ist nichts mehr da.

Und noch etwas: Alle Meteore eines Stroms scheinen aus einem Punkt zu kommen, dem Radianten — bei den Orioniden liegt er im Sternbild Orion, nahe Beteigeuze. Auch das ist Perspektive. Die Körnchen fliegen in Wahrheit parallel, so wie Schneeflocken parallel auf die Windschutzscheibe zufliegen und trotzdem aus einem Fluchtpunkt zu strömen scheinen.

Du siehst einen Fluchtpunkt und hältst ihn für eine Quelle. Das ist inzwischen das dritte Mal in dieser Reihe.


3. Der Komet, der 2061 wiederkommt

Der Staub kommt nicht von irgendwo. Die Orioniden stammen vom Halleyschen Kometen.

Ein Komet ist ein Brocken aus Eis, Staub und Gestein. Kommt er der Sonne nahe, verdampft das Eis und reißt Staub mit. Dieser Staub bleibt auf der Bahn liegen, über Jahrhunderte, als eine Art Spur. Die Erde kreuzt diese Spur zweimal im Jahr: im Oktober und noch einmal Anfang Mai, wo derselbe Komet die Eta-Aquariiden verursacht.

Der Komet selbst braucht rund 76 Jahre für einen Umlauf. Zuletzt war er 1986 hier, das nächste Mal 2061.

Rechne das kurz für dich aus. Für die meisten, die das hier lesen, ist 2061 keine abstrakte Zahl. Es ist eine Frage.

Edmond Halley hat den Kometen nicht entdeckt — er ist seit Jahrtausenden beobachtet und in chinesischen Aufzeichnungen bis 240 vor unserer Zeitrechnung zurückverfolgt worden. Was Halley tat, war anderes und schwerer: Er verglich die Bahnen mehrerer Kometen aus verschiedenen Jahrhunderten, stellte fest, dass drei davon verdächtig ähnlich waren, und schloss daraus, dass es immer derselbe war. Dann sagte er seine Wiederkehr voraus.

Er starb 1742. Der Komet kam 1758. Die Vorhersage hat ihn um sechzehn Jahre überlebt.

Das ist der eigentliche Punkt an dieser Geschichte: Ein Mensch hat etwas berechnet, dessen Eintreffen er nicht mehr erleben konnte, und hat es trotzdem aufgeschrieben.

Vollmond uüber Bäumen am Nachthimmel – Stimmungsbild für die Dunkelrot-Himmelschronik

4. Caroline Herschel, die für ihre Arbeit bezahlt wurde

Kometen sucht man nicht mit Rechnung, sondern mit Geduld. Man geht Nacht für Nacht dieselben Himmelsfelder durch und merkt sich, was dort hingehört, damit man bemerkt, wenn etwas Neues auftaucht.

Caroline Herschel hat das dreißig Jahre lang getan.

Geboren 1750 in Hannover, als Kind an Typhus erkrankt und dadurch klein geblieben, von der Mutter für den Haushalt vorgesehen. Ihr Bruder Wilhelm holte sie 1772 nach England, zunächst als Sängerin — er war Musiker, sie hatte eine gute Stimme, und sie trat tatsächlich auf. Als er sich immer mehr der Astronomie zuwandte, wandte sie sich mit.

Sie polierte Spiegel, sie führte Buch, sie saß im Dunkeln und notierte, was er ihr zurief. Und irgendwann bekam sie ein eigenes Teleskop und suchte selbst.

Acht Kometen hat sie entdeckt, zwischen 1786 und 1797. Dazu mehr als ein Dutzend Nebel, und später die mühsame Arbeit, die niemand haben will: Sie überarbeitete Flamsteeds Sternkatalog, fand darin fehlerhafte Einträge und ergänzte über 500 Sterne, die dort fehlten.

1787 setzte König Georg III. ihr ein Gehalt von 50 Pfund im Jahr aus — als Assistentin ihres Bruders. Es ist das erste bekannte Gehalt, das in England eine Frau für wissenschaftliche Arbeit bekommen hat.

Sie hat das in ihren Aufzeichnungen nüchtern vermerkt und dazugeschrieben, es sei das erste Geld gewesen, das sie in ihrem Leben als ihr eigenes betrachten konnte.

1828 bekam sie die Goldmedaille der Royal Astronomical Society. 1835 wurde sie deren Ehrenmitglied — gemeinsam mit Mary Somerville, als erste Frauen. Ehrenmitglied deshalb, weil ordentliche Mitglieder damals keine Frauen sein konnten. Sie starb 1848 mit siebenundneunzig Jahren.

(Wikipedia)

Dass ihr Bruder Uranus entdeckt hat, wissen die meisten. Dass sie danebensaß und mitschrieb, deutlich weniger. Darüber steht mehr in der nächsten Ausgabe.


5. Die Nacht, die 25 Stunden hat

In der Nacht zum 25. Oktober endet die Sommerzeit. Um drei Uhr wird die Uhr auf zwei Uhr zurückgestellt, und diese Nacht hat 25 Stunden.

Es ist das einzige Ereignis dieser Woche, das nichts mit dem Himmel zu tun hat. Der Himmel merkt davon nichts. Die Erde dreht sich exakt so weiter wie vorher, die Sonne geht auf, wann sie aufgeht, und die einzige Veränderung findet auf Zifferblättern statt.

Trotzdem ist es die Umstellung, die man spürt, und nicht die Tagundnachtgleiche einen Monat vorher. Ab Sonntagabend wird es eine Stunde früher dunkel, und das ist der Moment, in dem im Oktober die Stimmung kippt.

Dass wir überhaupt eine einheitliche Uhrzeit haben, ist keine dreihundert Jahre alt. Vorher galt in jeder Stadt die Sonne: Mittag war, wenn die Sonne am höchsten stand, und das war in Köln eben ein paar Minuten später als in Berlin. Vereinheitlicht wurde das nicht aus Ordnungsliebe, sondern wegen der Eisenbahn. Fahrpläne funktionieren nicht, wenn jeder Bahnhof seine eigene Zeit hat.

Seitdem ist die Uhrzeit eine Vereinbarung und nicht mehr eine Beobachtung. Zweimal im Jahr ändern wir die Vereinbarung und merken dabei kurz, dass es eine ist.


6. Die Deutung — und wo sie aufhört

Ab hier geht es um Deutung, nicht um Messung. Die Tabelle oben ist gerechnet. Was jetzt kommt, ist es nicht.

Am 24. Oktober wird Merkur im Skorpion rückläufig, und am 26. steht der Vollmond im Stier, mit der Sonne gegenüber im Skorpion.

Der Stier ist das Zeichen des Behaltens. Was ich habe, was mir gehört, was bleibt. Der Skorpion ist das Zeichen des Geteilten und des Verwickelten — was mir nicht allein gehört, was ich abgeben muss, was unter der Oberfläche liegt.

Ein Vollmond auf dieser Achse stellt deshalb selten die Frage, ob du genug hast. Er stellt die Frage, was davon wirklich deins ist.

Dazu passt der traditionelle Name dieses Vollmonds. Jägermond heißt er, weil in dieser Zeit die Vorräte für den Winter gemacht wurden — und weil man dafür nachts Licht brauchte. Der Name kommt nicht aus einem Ritual. Er kommt aus Logistik.

Das ist mir sympathischer als jede Deutung: ein Vollmond, der seinen Namen hat, weil er praktisch war.


Junge Frau vor einem großen Vollmond – Symbolbild für die Dunkelrot-Himmelschronik

7. Fünf Dinge für diese Woche

1. Steh vor der Dämmerung auf, nicht am Abend

Die Orioniden zeigen sich am besten in den letzten Stunden vor Sonnenaufgang, wenn der Mond untergegangen ist. Am 22. Oktober heißt das: zwischen etwa vier und sechs Uhr.

2. Schau nicht in den Orion

Das klingt falsch, ist aber richtig. Direkt am Radianten sind die Spuren kurz, weil sie auf dich zukommen. Die langen, schönen Striche siehst du 30 bis 60 Grad daneben. Leg dich hin und nimm möglichst viel Himmel ins Blickfeld.

3. Gib deinen Augen zwanzig Minuten

Dunkeladaption dauert. Ein einziger Blick aufs Handy setzt sie zurück. Wenn du Licht brauchst, nimm rotes.

4. Nutz die geschenkte Stunde nicht

In der Nacht zum 25. bekommst du eine Stunde dazu. Der Reflex ist, sie zu verplanen. Der bessere Vorschlag ist, sie nicht zu verplanen — es ist die einzige Stunde im Jahr, für die niemand eine Verwendung vorgesehen hat.

5. Schreib einen Satz für 2061 auf

Der Komet kommt wieder, und dieses Datum ist erreichbar. Schreib einen Satz auf einen Zettel, mit Datum, und leg ihn irgendwo hin, wo er überlebt. Es muss nichts Großes sein. Es geht nur darum, einmal etwas zu formulieren, das für einen Zeitpunkt gedacht ist, den du nicht überblickst.


8. Dunkelrot-Reminder: Du musst nichts auffangen

Es gibt diesen Brauch, sich bei einer Sternschnuppe etwas zu wünschen. Schnell, bevor sie weg ist.

Ich mag den Brauch. Aber die Eile daran mag ich nicht.

Eine Sternschnuppe dauert weniger als eine Sekunde. In dieser Sekunde sollst du erkennen, was dir fehlt, es in Worte fassen und formulieren — und wenn du zu langsam bist, war es umsonst.

Das ist ungefähr die Bewegung, die viele ohnehin den ganzen Tag machen. Schnell reagieren. Nichts verpassen. Die Gelegenheit erkennen, bevor sie vorbei ist.

Das Staubkorn, das da verglüht, ist seit Jahrhunderten unterwegs. Es hat auf der Bahn eines Kometen gelegen, der zuletzt 1986 hier war, und es wird in einer Sekunde zu Licht und ist dann weg.

Es braucht nichts von dir. Es braucht keinen Wunsch, keine Reaktion, keine schnelle Entscheidung.

Du darfst einfach zusehen und nichts damit machen.

Nicht alles, was vorbeizieht, ist eine Gelegenheit.


Eine Sternschnuppe ist kein Stern.

Sie ist ein Staubkorn von etwas, das 2061 wiederkommt.

Und sie leuchtet nicht selbst. Sie bringt die Luft zum Leuchten.


🌙 Diese Reihe: Die Himmelschronik erscheint zweimal im Monat — immer dann, wenn am Himmel etwas passiert, das sich zu erklären lohnt.

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📖 Weiterlesen: Himmelschronik #4 — Venus rückläufig, die Schleife, die niemand erklären konnte

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