KERNSTÜCK: Faltet mir nicht die Hände!

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KERNSTÜCK: Faltet mir nicht die Hände!

Meine Bettdecke kommt mit

Bei meiner eigenen Beerdigung hätte ich durchaus etwas mitzureden. Ich möchte auf meiner eigenen Bettdecke liegen, den Kopf auf meinem Kopfkissen. Dazu ein blauer Rollkragenpullover, eine bequeme Jeans und bitte einen Zopf.

Frau liegt zwischen Trockenblumen im Gras
Photocredit: @_softember_

Aber faltet mir bloß nicht die Hände über der Bettdecke!

Das habe ich 2023 aufgeschrieben. Im Rahmen der Colors-of-Death-Challenge habe ich mich mit meinem Tod beschäftigt, bis hin zu der Frage, was ich dabei eigentlich anhaben möchte. Eine erstaunlich konkrete Angelegenheit für etwas, das ich ansonsten ganz gerne noch eine Weile auf Abstand halten würde.

Über die Kleidung konnte ich nachdenken. Über die Hände auch. Da hatte ich sogar eine ziemlich klare Haltung.

Mit dem Totsein ist es komplizierter.

Ich kann mir eine Beerdigung vorstellen, auf der Menschen sich an mich erinnern. Ich kann mir wünschen, dass Musik läuft und jemand einen auf mich trinkt. Sobald ich allerdings versuche, mir vorzustellen, dass diese Menschen anschließend nach Hause fahren und ich tatsächlich nicht mehr dabei bin, komme ich an eine Grenze.

Die Welt würde ja weitermachen. Auch meine kleine Welt, in der ich bisher ziemlich selbstverständlich vorkomme.

Auf dunkelrot würde noch stehen, was ich geschrieben habe. Irgendwo wäre ein Foto von mir zu sehen. Vielleicht würde jemand einen alten Beitrag finden und gar nicht wissen, dass die Frau dahinter nicht mehr lebt. Das Internet hat schließlich keine verlässliche Türglocke, an der der Tod klingelt und Bescheid sagt.

Schon damals gehörte zu meiner Beschäftigung mit dem Tod deshalb auch mein digitaler Nachlass. Unzählige Zugänge, Nachrichten, Spuren. Mein Leben passt offenbar nicht einmal nach seinem Ende in einen einzigen Ordner.

Der Gedanke hat etwas Komisches. Und etwas sehr Ernstes, sobald ich an die Menschen denke, die sich irgendwann darum kümmern müssten.

Das ist eine der merkwürdigen Eigenschaften dieses Themas: Eben geht es noch um Passwörter, im nächsten Moment darum, wie es sich anfühlt, eine Nachricht nie wieder beantwortet zu bekommen.

Ich schreibe im November über Abschied, Sterben, Tod und Trauer. Hier auf dem Blog, zwischen Büchern und dem übrigen Leben. Genau dort gehört das Thema für mich hin. Ich möchte ihm einen Platz geben, an dem man weder besonders feierlich noch besonders tapfer sein muss.

Du kannst diesen Text lesen, obwohl gerade niemand gestorben ist. Du kannst ihn auch weglegen, wenn dir schon diese ersten Absätze zu nah kommen.

Ich selbst schreibe als jemand, die sich mit dem Thema beschäftigt hat und trotzdem keine souveräne Antwort auf die eigene Endlichkeit besitzt. Meine Ausbildung zur Trauerbegleiterin hat mir keine Sondervereinbarung mit dem Tod eingebracht.

Ich hätte sie vermutlich gelesen. Auch das Kleingedruckte.

Engelsstatue im Nebel auf einem alten Friedhof
Photocredit: @_softember_

Mein Onkel fehlt in diesem Text

Als mein geliebter Onkel viel zu früh starb, war ich Mitte zwanzig. Sein Tod traf mich und die Menschen in meinem Umfeld hart. Darüber habe ich bereits in meinem alten Text geschrieben.

Es war ein Schlüsselerlebnis für meine Beschäftigung mit dem Tod. Mehr möchte ich aus dieser Erinnerung hier nicht machen, als ich tatsächlich erzählt habe. Ein Mensch, den ich liebte, starb. Schon in diesem kurzen Satz steckt mehr, als sich ordentlich erklären lässt.

Beim Schreiben fällt mir auf, wie schnell aus einem Menschen eine biografische Station werden kann. Ein Verlust, danach eine Ausbildung, später ein Text darüber. Als ließe sich im Rückblick eine nachvollziehbare Entwicklung daraus bauen.

Aber mein Onkel war kein Anlass für meine persönliche Entwicklung. Er war mein Onkel.

Das möchte ich auseinanderhalten. Ich kann beschreiben, was sein Tod in meinem Leben ausgelöst hat. Daraus wird für mich trotzdem kein guter Grund dafür, dass er sterben musste.

Mit dem Wort Sinn bin ich an dieser Stelle vorsichtig. Es lässt sich leicht hinschreiben, besonders wenn man über das Leben eines anderen Menschen spricht. Für die Person, die fehlt, ist damit nichts gewonnen.

Vielleicht kennst du dieses Unbehagen, wenn ein Verlust schon gedeutet wird, während du noch versuchst zu begreifen, was überhaupt passiert ist. Wenn jemand bereits von einer neuen Stärke spricht und du gerne einfach dein früheres Leben zurückhättest.

Mich interessiert an Trauer auch das, was sich einer brauchbaren Geschichte widersetzt. Was sich nicht so erzählen lässt, dass am Ende alle verständnisvoll nicken und mit einem guten Gefühl nach Hause gehen.

Ein Mensch kann fehlen, ohne dass daraus etwas entstehen muss.

Und eine Beziehung hört für mich nicht deshalb auf, Bedeutung zu haben, weil niemand mehr ans Telefon gehen kann. Was zu diesem Menschen gehört, verschwindet nicht gleichzeitig mit ihm aus der Welt. Es bleibt in denjenigen, die ihn gekannt haben. Allerdings nicht schön sortiert und jederzeit leicht zugänglich.

Manchmal stelle ich mir vor, wie unpassend unsere üblichen Vorstellungen von Erledigung hier sind. Wir beantworten eine Nachricht, schließen eine Aufgabe ab, räumen etwas zurück an seinen Platz. Dann ist es fertig.

Für einen fehlenden Menschen gibt es diesen Handgriff nicht.

Ich möchte deshalb auch in diesem Text kein Datum setzen, bis zu dem ein Verlust sich anders anfühlen sollte. Der Kalender kann zuverlässig anzeigen, wie lange etwas her ist. Wie nah es dir gerade ist, steht dort nicht.

Vielleicht liegt ein Tod viele Jahre zurück und du könntest heute darüber sprechen, als wäre er gestern gewesen. Vielleicht fehlen dir ausgerechnet an einem Jahrestag die erwarteten Gefühle. Ich möchte aus beidem keine Prüfung machen.

Schon gar keine, die du auch noch bestehen musst.

Herbstlicher Blumenstrauß im Glas am Fenster
Photocredit: @_softember_

Eine Ausbildung, keine fertigen Antworten

Meine Ausbildung zur Familientrauerbegleiterin habe ich bei Mechthild Schröter-Rupieper gemacht. Bereits 2023 habe ich darüber geschrieben, dass ich davon auch in meinem Alltag als Lehrerin zehre.

Das ist mir an dieser Verbindung wichtig: Trauer bleibt nicht vor der Schule stehen, bis der Unterricht vorbei ist. Menschen bringen ihr Leben mit. Auch den Teil, über den sie gerade nicht sprechen können oder möchten.

Im Stundenplan gibt es dafür selten ein passendes Feld.

Ich will hier keine Begegnung aus der Begleitung nacherzählen, die jemand anderes mir anvertraut hat. Und ich möchte mir auch keinen besonders berührenden Satz ausleihen, nur damit deutlich wird, dass ich etwas von diesem Thema verstehe.

Mich beschäftigt vielmehr die Frage, was ich einem Menschen zumute, wenn ich seine Trauer möglichst schnell erträglicher machen möchte. Für wen soll sie dann eigentlich erträglicher werden?

Es ist schwer, neben jemandem zu sitzen und nichts reparieren zu können. Ich verstehe den Impuls, etwas Hilfreiches sagen zu wollen. Einen Satz finden, der wenigstens für einen Moment die Schwere nimmt.

Nur ist der Wunsch, zu helfen, noch keine Garantie dafür, dass das Gesagte hilft.

Man kann mit den besten Absichten an jemandem vorbeireden. Besonders dann, wenn man schon weiß, was die andere Person jetzt brauchen müsste, bevor sie überhaupt etwas gesagt hat.

Für diesen Text möchte ich deshalb auch keine Liste mit richtigen und falschen Trostsätzen aufmachen. Sonst säßen wir am Ende womöglich noch voreinander und kontrollierten unsere Formulierungen. Das wäre eine weitere Anstrengung in einer Situation, in der ohnehin schon viel anstrengend ist.

Mir geht es um die Bereitschaft, sich korrigieren zu lassen.

Wenn du sagst, dass dir etwas nicht hilft, sollte es möglich sein, das stehen zu lassen. Ohne dass du anschließend die guten Absichten deines Gegenübers würdigen und dessen Enttäuschung auffangen musst.

Auch eine Einladung zum Reden kann sich wie eine Aufgabe anfühlen. Jetzt ist jemand da, jetzt hat sich jemand Zeit genommen, jetzt müsstest du eigentlich erzählen. Vielleicht möchtest du aber gerade über etwas völlig anderes sprechen. Oder überhaupt nicht.

Ich möchte dir hier keine Dankbarkeit für Aufmerksamkeit abverlangen.

Was helfen könnte, lässt sich manchmal erst herausfinden, wenn die eigene Vorstellung von Hilfe etwas leiser wird. Vielleicht ist es ein Gespräch. Vielleicht eine konkrete Entlastung im Alltag, bei der du nicht erst alles erklären und organisieren musst.

Das Kleine hat dabei nicht automatisch weniger Gewicht als ein langes Gespräch über den Verlust.

Der Alltag verlangt auch nach einem Tod weiterhin Dinge von uns. Er hält sich mit seinen Forderungen erstaunlich wenig zurück. Es muss eingekauft werden, obwohl sich gerade nichts normal anfühlt. Ein Formular möchte ausgefüllt werden. Irgendwo wartet eine Antwort.

Ich finde, man darf darüber sprechen, wie banal das sein kann. Und wie erschöpfend.

Als ausgebildete Trauerbegleiterin möchte ich nicht den Eindruck erwecken, ich stünde außerhalb dieser menschlichen Ratlosigkeit. Ich schreibe diesen Text nicht von einem Ort aus, an dem ich den Tod verstanden habe.

Ich kann mich mit ihm beschäftigen. Ich kann genauer hinsehen. Das ist etwas anderes, als ihm gewachsen zu sein, wenn er einen Menschen betrifft, den ich liebe.

Verblühende Blumen im Gegenlicht
Photocredit: @_softember_

Ein Buch darf auch liegen bleiben

Bücher gehören auf dunkelrot zum Alltag. Also gehören sie auch in dieses Special. Bücher über Tod, Trauer und Abschied

Trotzdem möchte ich an dieser Stelle kein Buch zu einer Lösung erklären.

Ein Text kann Worte anbieten, die einem selbst fehlen. Man kann beim Lesen an einer Stelle hängen bleiben und denken: Ja. So ungefähr. Vielleicht reicht dieses Wiedererkennen schon für den Moment.

Es muss daraus keine Erkenntnis entstehen, die man anschließend anwenden kann.

Gerade bei Büchern über Trauer finde ich die Erwartung schwierig, man müsse nach der letzten Seite irgendwie weiter sein. Als habe man sich nun ausreichend mit dem Thema beschäftigt und könne das Gelesene in Fortschritt umwandeln.

Du schuldest einem Buch keinen Fortschritt.

Vielleicht liest du drei Seiten und klappst es wieder zu. Vielleicht magst du die Sprache nicht. Vielleicht klingt ein Satz, den andere tröstlich finden, für dich unerträglich. Das macht weder dich zu einer schlechten Leserin noch deine Trauer zu einer besonders komplizierten Angelegenheit.

Ein Buch trifft auf ein bestimmtes Leben, an einem bestimmten Tag. Es kann gerade passen. Es kann auch zu früh kommen oder überhaupt nicht.

Ich möchte hier deshalb keine persönliche Rettungsgeschichte über einen Titel erzählen, die ich so nicht erlebt oder beschrieben habe. In der Büchersammlung zu diesem Special haben die einzelnen Bücher ihren Platz. Hier interessiert mich, was Lesen überhaupt anbieten kann, ohne mehr zu versprechen, als zwischen zwei Buchdeckel passt.

Vielleicht vor allem Gesellschaft, bei der man nicht antworten muss.

Die schreibende Person kann etwas aussprechen, das im eigenen Umfeld kaum vorkommt. Wut auf einen verstorbenen Menschen beispielsweise. Oder die Schwierigkeit, um jemanden zu trauern, mit dem längst nicht alles gut war.

Der Tod macht aus einer Beziehung nicht nachträglich eine einfache Beziehung. Für mich muss ein Text auch diese Unordnung aushalten können.

Ich möchte keine Verstorbenen, die auf einer Buchseite plötzlich nur noch liebenswert sein dürfen. Menschen hinterlassen Erinnerungen an das, was schön war, und manchmal ebenso deutlich an das, was gefehlt hat. Auch daran kann man nach einem Tod noch zu tragen haben.

Es gibt außerdem Tage, an denen ein Buch über Tod und Trauer genau das Letzte wäre, was du lesen möchtest.

Dann darf es etwas anderes sein. Du musst dich nicht auch noch in deiner freien Zeit gewissenhaft mit deinem Verlust befassen. Und du musst ein Buch nicht zu Ende lesen, nur weil es dir jemand mit einer liebevollen Widmung geschenkt hat.

Diese Widmung bleibt liebevoll. Das Buch darf trotzdem liegen bleiben.

Ich mag den Gedanken, dass Literatur etwas offenlassen kann. Dass eine Geschichte nicht zum Schluss behauptet, jetzt sei das Schlimmste überwunden und alles habe seinen Platz gefunden.

Manche Bücher enden, während das Leben ihrer Figuren schwierig bleibt. Vielleicht ist gerade das gelegentlich die ehrlichere Gesellschaft.

Wildblumenwiese im Abendlicht
Photocredit: @_softember_

Wildblumen statt Schärpen

In meinem Text von 2023 hatte ich ziemlich konkrete Vorstellungen von meinem letzten Fest. Wildblumen sollten dabei sein und Wunderkerzen. Die klassischen Kränze mit Schärpen waren eher nicht mein Fall.

Musik dagegen unbedingt. Und Menschen, die beim Erinnern auch lachen.

Außerdem fand ich die Vorstellung schön, dass sich die Gäste einen Gegenstand von mir aussuchen und mitnehmen könnten. Etwas aus meinem Leben, das anschließend in ihrem weiter vorkommt.

Daran lässt sich für mich gut erkennen, wie persönlich Erinnern sein kann. Was für einen Menschen nur ein Gegenstand ist, hat für einen anderen eine Geschichte. Von außen sieht man ihm das nicht unbedingt an.

Ein Andenken muss seinen Wert nicht erklären können.

Auch im Awesome People Club ist Raum für die Geschichten hinter dem, was Menschen wichtig ist. Hier möchte ich die Verbindung zu Erinnerungsstücken und Ritualen herstellen: zu Dingen und Handlungen, die eine Bedeutung bekommen, weil jemand zu ihnen gehört. Awesome People Club

Dabei möchte ich nicht festlegen, wie so ein Erinnern auszusehen hat. Schon meine eigenen Wünsche von damals enthielten nebeneinander sehr unterschiedliche Vorstellungen. Ein Kirchenlied und eine mögliche Party. Tränen und die ausdrückliche Erlaubnis, einen auf mich zu trinken.

Das passte für mich zusammen.

Es wäre merkwürdig, wenn mein Abschied nur einen kleinen, besonders feierlichen Ausschnitt von mir zeigen dürfte. Als müsste ich nach meinem Tod noch schnell in eine Rolle passen, die ich zu Lebzeiten gar nicht durchgehend ausgefüllt habe.

Humor hat für mich an dieser Stelle nichts Respektloses. Ich habe schon in meinem alten Text darüber gescherzt, wie gut das Verbrennen wohl zu meinem Temperament passen würde. Gleichzeitig habe ich meine Angst davor benannt.

Beides stand da. Der Witz hat die Angst nicht widerrufen.

Ich möchte den Humor auch hier nicht als Trick benutzen, mit dem sich ein schweres Thema bekömmlicher machen lässt. Manchmal ist etwas komisch, obwohl der Anlass traurig ist. Manchmal fällt einem bei der Erinnerung an einen Menschen genau das ein, worüber man zusammen gelacht hat.

Es wäre schade, wenn ausgerechnet das keinen Platz mehr haben dürfte.

Allerdings lässt sich auch Lachen nicht verordnen. Der Wunsch nach einer fröhlichen Abschiedsfeier kann für diejenigen, die bleiben, eine ziemlich anspruchsvolle Regieanweisung sein.

Ich kann mir wünschen, dass Menschen sich mit Wärme an mich erinnern. Ob ihnen an diesem Tag nach einer Party zumute wäre, kann ich nicht bestimmen. Meine Vorstellung von meinem Abschied und ihre Erfahrung meines Todes wären schließlich nicht dasselbe.

Vielleicht gehört gerade diese Grenze zum Nachdenken darüber: Ich kann Wünsche hinterlassen. Ich kann den anderen ihre Gefühle nicht vorgeben.

Mit Ritualen ist es ähnlich. Eine Kerze kann Bedeutung haben, weil sie jemand bewusst anzündet. Sie muss keine Bedeutung haben, nur weil Kerzen nun einmal zum Repertoire des Trauerns gehören.

Und ein Erinnerungsstück kann wichtig bleiben, auch wenn es irgendwann nicht mehr sichtbar im Zimmer steht.

Ich möchte aus dem Aufbewahren keine Treueprüfung machen. Ebenso wenig aus dem Loslassen eine Pflicht. Was jemand mit den Dingen eines verstorbenen Menschen tut, erzählt von außen betrachtet nur einen sehr kleinen Teil der Geschichte.

Vielleicht ist genau das der Platz, den ich Ritualen hier geben möchte: etwas Persönliches tun können, ohne es vor einem Publikum begründen zu müssen.

Verschleierte Gestalt in einer herbstlichen Wiese
Photocredit: @_softember_

Mein Tod und ich, noch immer

Als ich 2023 „Mein Tod und ich” schrieb, bezeichnete ich mein Verhältnis zum Tod als zwiegespalten. So wie mein Verhältnis zum Leben. Colors of Death

Ich schrieb darüber, dass das Bewusstsein der eigenen Endlichkeit mir helfen kann, etwas zu wagen und zu meiner Individualität zu stehen. Der Tod als Erinnerung daran, dass das eigene Leben kostbar ist.

Wenn ich diesen Gedanken hier wieder aufnehme, möchte ich daraus allerdings keine zusätzliche Forderung machen.

Es wäre leicht, an dieser Stelle zu schreiben, wir sollten alle bewusster leben. Weniger aufschieben, mehr aus dem Leben machen. Schon würde aus einem Text über den Tod eine weitere Aufgabe für die Lebenden.

Dabei ist es ohnehin anstrengend genug, ständig etwas aus sich machen zu sollen.

Ich möchte dir nicht auch noch sagen, dass du deine endliche Zeit besser nutzen müsstest. Vielleicht hast du heute einfach einen Tag hinter dir, den du irgendwie geschafft hast. Das ist ebenfalls ein Tag deines Lebens. Er wird nicht wertlos, weil er sich für keinen Rückblick eignet.

Auch der Gedanke an den Tod ist nicht jederzeit hilfreich. Er kann etwas zurechtrücken. Er kann ebenso Angst machen. Ich will ihm hier keine ausschließlich heilsame Wirkung zuschreiben.

2023 konnte ich mir meinen Abschied in Teilen erstaunlich lebendig vorstellen. Ich wusste, was mir gefallen würde, und bei anderen Fragen wollte ich mich ausdrücklich noch nicht festlegen.

Was sich seither in meinem persönlichen Erleben verändert hat, lässt sich nicht allein daraus ableiten, dass inzwischen einige Jahre vergangen sind. Ich möchte meinem früheren Ich keine Naivität unterstellen und meinem heutigen keine größere Weisheit bescheinigen, nur damit dieser Text eine Entwicklung bekommt.

Es muss nicht immer eine werden.

Ich bin Bloggerin, Lehrerin und ausgebildete Trauerbegleiterin. Diese Tätigkeiten gehören zu mir. Keine davon nimmt mir ab, selbst ein Mensch zu sein, der andere verlieren kann und irgendwann fehlen wird.

Über den Tod schreiben zu können bedeutet nicht, auf ihn vorbereitet zu sein.

Vielleicht ist das auch der Grund, weshalb ich dieses Special machen möchte: damit das Thema hier vorkommen darf, ohne dass ich dafür eine fertige Haltung vorzeigen muss. Damit zwischen Rezensionen und den Geschichten des Alltags auch das stehen kann, worüber sich schwer beiläufig reden lässt.

Ich möchte über das Sterben schreiben können, ohne den Tod schönzureden. Und über Trauer, ohne der Leserin am Ende eine gelungene Bewältigung zu versprechen.

Wenn du jemanden vermisst, wird dieser Mensch nach diesem Text immer noch fehlen. Ich finde es ehrlicher, das auszusprechen, als dir für die letzten Zeilen eine kleine Versöhnung anzubieten.

Vielleicht hat dich etwas angesprochen. Vielleicht hast du an einer Stelle innerlich widersprochen. Beides darf bleiben, ohne dass wir es hier auflösen.

Mein alter Text enthält ziemlich viele Vorstellungen davon, wie ich einmal Abschied nehmen möchte. Selbst der Rollkragenpullover ist schon ausgesucht. Daneben steht ein Satz, der mir wesentlich weniger geordnet vorkommt: Ich möchte mich noch nicht festlegen für die Ewigkeit.

Vorläufig bleibt es dabei.

Wenn Trauer so schwer wird, dass du Unterstützung brauchst, gibt es Anlaufstellen und professionelle Begleitung. Eine Übersicht findest du hier: Anlaufstellen und professionelle Begleitung

Kategorie KERNSTÜCK

Fidi ist die Stimme hinter DUNKELROT – einem kreativen Magazin für Poesie, Handmade und Gedankenräume. Sie schreibt über Bücher, die bleiben: selbst gelesen, ehrlich empfohlen.

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