Kernstück · Gedichtkarten zum Nachspüren · Teil 4 von 4
Wie oft hast du einen Satz hinuntergeschluckt? Beim Abendessen, in der Besprechung, im Sprechzimmer – oder ganz allein, in deinem eigenen Kopf?
Die vierte und letzte Kollektion meiner Gedichtkarten handelt von diesen Sätzen. Sie heißt Briefe meines ungezähmten Selbst, und diesmal ist jedes Gedicht ein Brief: mit Anrede, mit Gruß, mit allem.
Liebes Schweigen,
Liebes Schweigen
du hast mich jahrelang beschützt,
das weiß ich heute.
Du standest an der Tür meines Mundes
wie ein sorgsamer Wächter.
Doch ich schicke dich jetzt nach Hause.
Ich habe Dinge zu sagen
und will hören,
wie sie in meiner eigenen Stimme klingen.
Deine, nicht länger leise.
An wen die Briefe gehen
An das Schweigen. An das brave Mädchen, das ich war. An jede Entschuldigung zu viel. An den Körper, an die Wut („mit Respekt“), an die Tränen und das Lachen. An die Mutter, an die Mädchen nach mir, an die Schwestern und an die Frauen vor mir, deren Namen niemand aufschrieb. An die Welt, an die Freiheit, an den Mond. Und ganz am Ende ein Brief, der so beginnt: „Unterschrieben: ich.“
Unterschrieben: ich.
Unterschrieben: ich
Nach all diesen Briefen
weiß ich, wer sie geschrieben hat.
Nicht das Mädchen, das wartete,
nicht die Frau, die sich entschuldigte,
sondern die, die darunter geblieben ist,
wild und geduldig und wach.
Sie hat meine Handschrift.
Sie trägt meinen Namen.
Und von nun an
unterschreibt sie alles selbst.
Gold und Schwarz
Für diese Kollektion habe ich lange nach der richtigen Farbe gesucht. Dunkelrot gab es schon, Eisblau auch, Morgenlicht auch. Am Ende wurde es Gold: goldene Karten mit einem schwarzen Bogen, in dem die Motive leuchten – ein geöffneter Umschlag, eine Glocke, ein Streichholz, ein Tintenfass. Die Gedichtkarten sehen aus wie Briefpapier, die Briefe stehen linksbündig, so wie man sie mit der Hand schreibt.
Schreib zurück
Mit diesen Karten kannst du nicht nur lesen, sondern antworten. Nimm dir einen Brief und schreib zurück – an dein Schweigen, an deine Wut, an deine Mutter. Du musst niemandem zeigen, was du schreibst. Aber unterschreib es mit deinem Namen.
- Tageskarte: Zieh eine Bildkarte und frag dich, was du heute aussprechen möchtest.
- Antwortbrief: Lies den Brief und schreib selbst einen an das, was angesprochen wird.
- Drei Karten: Was ich lange verschwiegen habe · Was ich heute sage · Was ich unterschreibe.
Wie die Kollektion entstanden ist
Am Ende der Reise stand die Frage: Was passiert, wenn eine Frau ihre Kraft kennt, ihre Gefühle anschaut und gewachsen ist? Sie fängt an zu sprechen. Deshalb sind es diesmal Briefe. Jeder beginnt mit einer Anrede – „Liebes Schweigen“, „An meine Grenzen“, „Liebe Mutter“ – und endet mit einem Gruß, der verrät, wie die Schreiberin sich gerade fühlt: „Deine, nicht länger leise“, „Hungrig, deine“, „Laut, freundlich, ich“.
Bei den Farben habe ich mehrere Richtungen ausprobiert: Dunkelrot, Briefpapier, Tintenblau, Terrakotta, Waldgrün. Dunkelrot hätte zu sehr nach der ersten Kollektion ausgesehen, die anderen passten nicht ganz zur Stimme. Gold mit einem schwarzen Bogen war es dann – wie ein Schmuckstück, in dem die Motive leuchten: ein geöffneter Umschlag, aus dem Klang aufsteigt, eine Glocke, ein Streichholz, ein Tintenfass, ein versiegelter Brief. Auch die Briefe gibt es auf Deutsch, Englisch und Französisch.
Beim Schreiben habe ich gemerkt, wie unterschiedlich sich ein Brief anfühlt, je nachdem, an wen er geht. Der Brief an die Mutter ist zärtlich und ein bisschen traurig. Der an alle, die „pssst“ sagten, ist laut und freundlich zugleich. Der an das zukünftige Ich ist voller Hoffnung. Vielleicht findest du beim Lesen heraus, welcher Brief in dir schon lange darauf wartet, geschrieben zu werden.
Alle 24 Briefe im Überblick
Damit du einen Eindruck bekommst, hier alle 24 Motive von Briefe meines ungezähmten Selbst mit der Botschaft, die auf ihrer Bildkarte steht:
- Liebes Schweigen: Meine Stimme war nie zu laut. Sie wurde nur nicht gehört.
- An das brave Mädchen: Ich muss nicht brav sein. Ich will echt sein.
- Jede Entschuldigung zu viel: Dass ich da bin, ist kein Fehler.
- An mein wildes Herz: Mein Herz kennt den Weg, auch wenn es wild ist.
- An die Stimme in meiner Kehle: Was gesagt werden will, findet seinen Weg. Ich darf es lassen.
- An die Frau, die gewartet hat: Ich brauche keine Erlaubnis, um mein Leben zu beginnen.
- Lieber Körper: Mein Körper war nie das Problem. Er war immer auf meiner Seite.
- An meine Wut, mit Respekt: Meine Wut zeigt mir, wo meine Grenzen sind.
- Liebe Sehnsucht: Mein Verlangen darf groß sein.
- An meine Grenzen: Meine Grenzen schützen, was ich liebe.
- Liebe Tränen: Meine Tränen sind keine Schwäche. Sie gießen, was wachsen will.
- An mein Lachen: Mein Lachen ist willkommen, in voller Lautstärke.
- Liebe Mutter: Ich kann ehren, woher ich komme, und trotzdem meinen eigenen Weg wählen.
- An die Mädchen nach mir: Was ich heute lebe, macht den Weg breiter für die, die nach mir kommen.
- Liebe Schwestern: Frauen, die einander halten, werden gemeinsam stark.
- An die Frauen vor mir: Ich stehe auf den Schultern von Frauen, die nicht sprechen durften.
- Liebe Welt: Die Welt braucht auch meine Stimme.
- An alle, die „pssst“ sagten: Meine Wahrheit muss nicht bequem sein, um ausgesprochen zu werden.
- Liebe Freiheit: Freiheit beginnt nicht woanders. Sie beginnt bei mir.
- An den Mond: Ich darf mich verändern und trotzdem ganz sein.
- Liebe Wildheit: Das Wilde in mir ist kein Fehler. Es ist meine Lebenskraft.
- An meine Tinte: Meine Worte verdienen einen Platz auf dem Papier.
- Liebes zukünftiges Ich: Ich kann der Frau, die ich sein werde, eine Freundin sein.
- Unterschrieben: ich: Meine Stimme ist meine Unterschrift. Niemand kann sie für mich setzen.
Zwei weitere Gedichte aus der Kollektion
Lieber Körper,
Lieber Körper
ich schulde dir einen Brief
und vermutlich eine Entschuldigung.
Ich habe dich vermessen, versteckt,
mit jedem Spiegel gestritten.
Und trotzdem hast du mich
durch jeden einzelnen Tag getragen.
Ab jetzt höre ich zu,
wenn du um Ruhe bittest, um Sonne, ums Tanzen.
Dankbar, deine.
An die Frauen vor mir –
An die Frauen vor mir
Großmütter, Großtanten, Fremde,
deren Namen niemand aufschrieb –
ihr habt genäht, gekämpft, ausgehalten,
ein wenig Geld in der Mehldose versteckt.
Manche von euch durften nie sprechen.
Ich spreche jetzt,
und in jedem Wort
liegt ein wenig von eurer Stimme.
Eure Enkelin im Geiste.
Für wen sind die Karten?
Die Karten sind für Frauen, die viel gedacht und wenig gesagt haben. Für die, die gelernt haben, nett zu sein, und jetzt merken, dass nett und ehrlich nicht immer dasselbe ist. Für alle, die gern schreiben – und für die, die es wieder lernen wollen.
Briefe haben eine besondere Kraft: Man spricht jemanden an. Auch wenn der Brief nie abgeschickt wird, verändert sich etwas, sobald da „Liebe Mutter“ oder „Liebes Schweigen“ steht. Genau dazu wollen die Karten einladen.
Sechs Ideen für den Alltag
- Schreib jede Woche einen Antwortbrief auf eine Karte – an das Schweigen, an deinen Körper, an deine Mutter.
- Lies den Brief „An meine Wut, mit Respekt“, bevor du in ein schwieriges Gespräch gehst.
- Steck eine Bildkarte in einen echten Umschlag und schick sie einer Frau, die dir wichtig ist.
- Führe eine Liste: Sätze, die ich ab heute laut sage.
- Schreib dir selbst einen Brief an dein zukünftiges Ich und öffne ihn in einem Jahr.
- Unterschreib die letzte Seite deines Journals mit deinem vollen Namen.
Fünf Fragen zum Weiterschreiben
Jede Reflexionskarte endet mit einer Frage. Hier sind fünf davon – vielleicht magst du eine gleich heute beantworten:
- Wo entschuldige ich mich, obwohl es nichts zu verzeihen gibt?
- Worauf warte ich noch, und wer müsste „jetzt“ sagen?
- Was von meiner Mutter möchte ich behalten, und was darf ich ablegen?
- In welchem Raum senke ich noch immer meine Stimme?
- Was möchte ich meinem zukünftigen Ich heute versprechen?
So werden die Karten schön
Am schönsten werden die Karten auf festem, mattem Papier mit 250 bis 300 g/m². Drucke die Bögen in Originalgröße (100 %, nicht „an Seite anpassen“) und schneide entlang der Schnittmarken. Jede Karte misst 70 × 120 mm, also etwas schmaler als eine Postkarte und gut in der Hand. Für Kartenrückseiten druckst du den Rückseitenbogen auf die Rückseite der Kartenbögen; bei vielen Druckern hilft es, vorher einen Probebogen auf normalem Papier zu machen.
Wer keinen guten Drucker hat, gibt die einzelnen JPG-Dateien (300 dpi) einfach im Copyshop oder bei einem Fotodienst ab. Das Journal druckt sich in A4 oder verkleinert in A5, zwei Seiten auf einem Blatt. Du kannst es auch digital ausfüllen, zum Beispiel auf dem Tablet in GoodNotes.
Zum Ausdrucken
- Briefe meines ungezähmten Selbst – Complete Deck: 72 Karten zum Ausdrucken, 14,90 €
- Briefe meines ungezähmten Selbst – Journal: 51 Seiten zum Schreiben, 6,90 €
- Briefe meines ungezähmten Selbst – Paket: Deck und Journal zusammen, 17,90 €
Damit ist die Reise komplett: Kraft, Gefühle, Wachstum, Stimme. Vier Kollektionen, 96 Motive, 288 Karten. Ich bin ein bisschen stolz. Und sehr gespannt, welche Karte du zuerst ziehst.
Häufige Fragen
Bekomme ich gedruckte Karten nach Hause?
Nein, es handelt sich um einen digitalen Download. Nach dem Kauf lädst du die Dateien sofort herunter und druckst sie selbst oder im Copyshop. Es wird nichts verschickt.
Wie oft darf ich die Karten ausdrucken?
So oft du möchtest – für dich selbst. Wenn eine Karte kaputtgeht oder du ein zweites Set für die Handtasche willst, druckst du sie einfach neu. Weitergeben oder verkaufen darfst du die Dateien nicht.
Brauche ich Deck und Journal?
Nein, beides funktioniert für sich. Das Deck ist zum Ziehen und Nachspüren, das Journal zum Schreiben. Zusammen ergänzen sie sich, deshalb gibt es sie auch als Paket.
Ist das ein Coaching-Programm?
Nein. Es sind Gedichte mit einer Botschaft und einer Frage. Sie können dich begleiten und anstoßen, aber sie ersetzen keine Beratung und keine Therapie.
Brauche ich die anderen drei Kollektionen?
Nein. Die vier Kollektionen erzählen zusammen einen Weg – Kraft, Gefühle, Wachstum, Stimme –, aber jede steht für sich. Fang dort an, wo du gerade bist.
Die Reise in vier Kollektionen: Kraft (Die Frauen in uns) · Gefühle (Die Schatten, die wir tragen) · Wachstum (Die Frau, die ich werde) · Stimme (Briefe meines ungezähmten Selbst).
Die Karten sind Gedichte zum Nachspüren, kein Coaching und keine Therapie. Wenn es dir über längere Zeit schwer geht, hol dir bitte Unterstützung – bei Menschen, denen du vertraust, oder bei Fachleuten.
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