David Hockney und die Kunst des Sehens

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Warum uns seine Bilder daran erinnern, wie schön die Welt noch immer ist

Teil I – Das unmögliche Blau

Am 11. Juni 2026 starb David Hockney.

Achtundachtzig Jahre alt wurde er. Ein langes Leben, könnte man sagen. Ein erfülltes Leben. Ein Leben voller Bilder, Ausstellungen, Rekorde, Ehrungen und einer Produktivität, die viele Menschen vermutlich schon mit fünfzig erschöpft hätte.

Und doch fühlte sich die Nachricht seltsam an.

Nicht tragisch. Nicht schockierend.

Eher wie das leise Schließen einer Tür, die eigentlich die ganze Zeit offenstand.

Vielleicht liegt das daran, dass manche Künstler irgendwann nicht mehr wie Menschen wirken, die altern, sondern wie Landschaften.

Wie Bäume. Wie Jahreszeiten.

Wie etwas, das einfach da ist.

David Hockney war für mich immer so ein Künstler.

Er gehörte zu den Menschen, bei denen man stillschweigend annimmt, dass sie weitermachen werden.

Dass sie weiterhin morgens aufstehen, zeichnen, fotografieren, experimentieren, auf einem iPad malen, Interviews geben und mit dieser Mischung aus britischer Höflichkeit, Verschmitztheit und intellektueller Wachheit erklären, warum die meisten Menschen eigentlich gar nicht richtig sehen.

Und vielleicht ist genau das sein Vermächtnis.

Er wollte nie nur Bilder machen.

Er wollte Menschen beibringen, hinzusehen.

Nicht auf ihn.

Nicht auf die Kunst.

Auf die Welt.

Ich erinnere mich noch gut an meine erste bewusste Begegnung mit seinen Bildern.

Natürlich kannte ich die Swimmingpools.

Fast jeder kennt sie.

Das helle Blau.

Die kalifornische Sonne.

Die geometrischen Häuser.

Menschen am Wasser.

Jemand springt hinein.

Jemand sitzt daneben.

Wasser spritzt.

Stillstand und Bewegung gleichzeitig.

Und lange Zeit dachte ich ehrlich gesagt, dass diese Bilder hübsch seien. Mehr nicht. Fast dekorativ. Ein bisschen Pop-Art. Ein bisschen Mid-Century. Ein bisschen Beverly Hills.

Bilder, die hervorragend in moderne Wohnzimmer passen.

Bilder, die Menschen kaufen, die teure Sofas besitzen.

Ich hatte unrecht.

Nicht vollständig.

Aber doch erheblich.

Denn irgendwann schaut man länger hin.

Und plötzlich erkennt man:

Es geht gar nicht um Swimmingpools.

Es geht um Licht.

Um die Oberfläche von Wasser.

Um Reflexionen.

Um Vergänglichkeit.

Um Sekunden.

Ein Spritzer Wasser existiert nur einen winzigen Augenblick.

Dann verschwindet er.

Hockney malt also etwas, das eigentlich nicht festgehalten werden kann.

Eine Bewegung.

Einen Moment.

Ein Dazwischen.

Vielleicht ist das sogar eine Metapher für das Leben.

Alles ist bereits im Verschwinden begriffen, während wir versuchen, es zu betrachten.


Ich glaube, viele Menschen unterschätzen Hockney.

Weil seine Kunst freundlich aussieht.

Zugänglich.

Farbig.

Lebendig.

Sie wirkt nicht elitär.

Nicht abweisend.

Nicht kompliziert.

Und wir haben uns daran gewöhnt zu glauben, dass Tiefe anstrengend aussehen müsse.

Dass große Kunst dunkel sein müsse.

Schwer verständlich.

Verstörend.

Hockney widerspricht dem.

Er zeigt, dass Schönheit intelligent sein darf.

Dass Freude philosophisch sein kann.

Dass Farben nicht oberflächlich sind.

Und dass Zugänglichkeit kein Makel ist.

Vielleicht sogar das Gegenteil.

Denn was ist schwieriger?

Ein Bild zu malen, das Menschen verwirrt?

Oder ein Bild zu malen, das Menschen dazu bringt, fünf Minuten länger auf einen Baum zu schauen?


David Hockney wurde 1937 in Bradford geboren.

Eine Industriestadt.

Graue Häuser.

Arbeiterfamilien.

England nach dem Krieg.

Nichts deutete darauf hin, dass aus diesem Jungen einmal einer der berühmtesten Künstler der Welt werden würde.

Und doch scheint er schon früh eine besondere Fähigkeit gehabt zu haben.

Er beobachtete.

Er schaute.

Er sammelte Eindrücke.

Und vor allem verlor er etwas nie:

Seine Neugier.

Das ist bemerkenswert.

Denn die meisten Menschen verlieren sie irgendwann.

Vielleicht nicht bewusst.

Aber schleichend.

Wir werden effizient.

Erfahren.

Pragmatisch.

Wir kennen die Wege.

Die Menschen.

Die Abläufe.

Wir glauben zu wissen, wie die Welt funktioniert.

Und genau in diesem Moment beginnt etwas zu sterben.

Das Staunen.

Kinder besitzen es noch.

Sie betrachten Ameisen minutenlang.

Sie finden Wolken faszinierend.

Sie beobachten Regen.

Sie können eine halbe Stunde lang einem Käfer folgen.

Erwachsene halten das oft für Zeitverschwendung.

Hockney hielt es vermutlich für die Grundlage aller Kunst.


Es gibt ein berühmtes Zitat von ihm. Sinngemäß sagte er einmal:

Die Welt ist sehr, sehr schön, wenn man sich die Zeit nimmt, sie anzuschauen.

Das klingt beinahe banal.

Fast kitschig.

Und doch steckt darin eine kleine Revolution.

Denn wir leben heute in einer Zeit, in der Aufmerksamkeit zur Ware geworden ist.

Jemand möchte unsere Aufmerksamkeit kaufen.

Immer.

Apps.

Werbung.

Algorithmen.

Nachrichten.

Videos.

Empörung.

Breaking News.

Push-Mitteilungen.

Alles kämpft um unsere Augen.

Und Hockney tut etwas völlig anderes.

Er sagt:

Nein.

Schaut diesen Baum an.

Schaut das Licht an.

Schaut das Wasser an.

Schaut die Wolken an.

Schaut eure Freunde an.

Schaut eure Hunde an.

Schaut aus dem Fenster.

Und schaut länger.

Farbenfrohe Hommage an David Hockney: rosa Tulpen in einer blauen Vase vor einem Fenster mit Blick in den Frühlingswald
Bild: Instagram @softember

Vielleicht ist das das größte Geschenk, das uns David Hockney hinterlassen hat.

Nicht die Pools.

Nicht die Rekordpreise.

Nicht die Ausstellungen.

Sondern eine Haltung.

Die Haltung, dass die Welt noch immer voller Wunder ist.

Dass Schönheit nicht verschwunden ist.

Dass wir lediglich aufgehört haben, sie zu bemerken.

Und vielleicht beginnt alles damit, heute Abend einfach einmal ans Fenster zu treten.

Den Himmel anzusehen.

Und sich zu fragen:

Wann habe ich das zuletzt wirklich getan?

Teil II – Fenster, Yorkshire und die Erfindung des Sehens

Es gibt Künstler, die ständig neue Motive suchen.

Neue Länder.

Neue Themen.

Neue Provokationen.

David Hockney tat etwas anderes.

Er kehrte zurück.

Immer wieder.

Zu denselben Orten.

Zu denselben Bäumen.

Zu denselben Straßen.

Zu demselben Fenster.

Und gerade darin liegt etwas zutiefst Beruhigendes.

Vielleicht sogar Tröstliches.

Denn wir leben in einer Kultur, die uns permanent erzählt, dass das Neue wertvoller sei als das Vertraute.

Neue Produkte.

Neue Erfahrungen.

Neue Beziehungen.

Neue Reisen.

Neue Eindrücke.

Stillstand gilt fast schon als persönliches Versagen.

Hockney widersprach dem.

Er zeigte uns, dass man ein ganzes Leben lang denselben Baum betrachten kann – und dennoch niemals fertig wird.

Besonders deutlich wird das in seinem Projekt My Window.

Es ist eines meiner liebsten Werke von ihm.

Und gleichzeitig eines seiner stillsten.

Über Jahre hinweg dokumentierte Hockney den Blick aus seinem Fenster.

Morgens.

Abends.

Im Winter.

Im Frühling.

Bei Regen.

Bei Schnee.

Im ersten Grün.

Im satten Sommer.

Im Vergehen des Herbstes.

Immer wieder dieselbe Szenerie.

Und doch niemals dieselbe.

Skizzenhafte Hommage an David Hockney in Pink und Gelb: Fenster mit Vorhängen, auf der Fensterbank zwei Kürbisse
Bild: Instagram @softember

Das klingt zunächst fast absurd.

Warum sollte jemand jahrelang aus demselben Fenster schauen?

Warum sollte man immer wieder dieselben Bäume zeichnen?

Warum sollte man sich freiwillig beschränken?

Vielleicht lautet die bessere Frage:

Warum eigentlich nicht?

Denn das Faszinierende ist:

Die Welt verändert sich ständig.

Nicht spektakulär.

Aber kontinuierlich.

Das Licht wandert.

Ein Ast wächst.

Blätter fallen.

Der Himmel wird milchiger.

Der Wind bewegt Gräser.

Eine Wolke erscheint.

Eine andere verschwindet.

Und plötzlich wird deutlich:

Es gibt gar keine Wiederholung.

Es gibt nur Variationen.

Und vielleicht gilt das nicht nur für Landschaften.

Sondern auch für Menschen.

Für Beziehungen.

Für unser eigenes Leben.

Wir glauben oft, wir würden dieselben Tage leben.

Montag.

Dienstag.

Mittwoch.

Arbeit.

Haushalt.

Pflichten.

Routine.

Aber vielleicht stimmt das gar nicht.

Vielleicht leben wir jeden Tag eine leicht veränderte Version von uns selbst.

Vielleicht sind wir heute nicht mehr dieselbe Person wie gestern.

Vielleicht besteht das Leben weniger aus großen Wendungen als aus tausenden kleinen Verschiebungen.

Hockney scheint genau das verstanden zu haben.


Besonders berührt mich seine Liebe zum iPad.

Ich finde es bemerkenswert.

Ein Mann, geboren 1937.

Ein Künstler, der mit Bleistift, Öl und Leinwand aufgewachsen ist.

Und dann entdeckt er im hohen Alter ein digitales Werkzeug.

Und verliebt sich erneut.

Viele Menschen in seinem Alter hätten vermutlich gesagt:

„Das brauche ich nicht.“

„Das ist nichts für mich.“

„Früher war alles besser.“

Hockney sagte sinngemäß:

Warum sollte ich etwas Neues ablehnen?

Wenn es Spaß macht.

Wenn es Möglichkeiten eröffnet.

Wenn es mir erlaubt, morgens im Bett Blumen zu zeichnen.

Ich liebe diesen Gedanken.

Malerische Hommage an David Hockney: violetter Vorhang, dahinter rosa Blüten in einer blauen Vase im Licht
Bild: Instagram @softember

Denn er erzählt etwas über Alter.

Oder vielmehr darüber, was Alter nicht sein muss.

Wir verbinden Alter oft mit Rückzug.

Mit Verlust.

Mit Einschränkungen.

Mit einem kleiner werdenden Radius.

Hockney verkörperte das Gegenteil.

Sein Radius wurde größer.

Er experimentierte.

Spielte.

Lernte.

Probierte aus.

Und blieb dadurch lebendig.

Ich glaube, das ist etwas, das ich gerne mitnehmen möchte.

Nicht unbedingt das iPad.

Aber die Haltung.

Diese Weigerung, sich selbst abzuschließen.

Diese Bereitschaft zu sagen:

Ich weiß es noch nicht.

Zeig es mir.

Lass mich lernen.

Lass mich staunen.

Dann ist da Yorkshire.

Die Landschaft seiner Kindheit.

Die Straßen.

Die Hecken.

Die Bäume.

Die Felder.

Und wieder geschieht etwas Interessantes.

Ein weltberühmter Künstler kehrt zurück.

Nicht nach New York.

Nicht nach Paris.

Nicht in die glitzernden Zentren des Kunstmarkts.

Sondern zu Bäumen.

Zu Wegen.

Zu Regen.

Zu Nebel.

Zu Jahreszeiten.

Und plötzlich malt er Landschaften, die fast überwältigend wirken.

Große Formate.

Leuchtende Farben.

Explodierende Frühlingszweige.

Wälder voller Rosa, Gelb und Grün.

Es sind Bilder, die beinahe zu schön erscheinen.

Fast übertrieben.

Fast unrealistisch.

Und doch glaube ich, dass sie nicht unrealistisch sind.

Sie zeigen lediglich etwas, das wir verlernt haben.

Intensität.

Wenn wir Kinder sind, sieht die Welt tatsächlich so aus.

Gras ist unglaublich grün.

Blumen sind überwältigend.

Herbstlaub ist spektakulär.

Später stumpfen wir ab.

Hockney entschied sich dagegen.

Er wollte weiterhin sehen wie jemand, der noch nicht aufgehört hat, überrascht zu sein.


Vielleicht ist das die eigentliche Theorie des Sehens bei David Hockney.

Nicht die Perspektive.

Nicht die Technik.

Nicht die Farbe.

Sondern Aufmerksamkeit.

Die Philosophin Simone Weil schrieb einmal:

Aufmerksamkeit ist die seltenste und reinste Form der Großzügigkeit.

Ich denke oft daran.

Vielleicht gilt das auch für Kunst.

Vielleicht ist Kunst nichts anderes als konzentrierte Aufmerksamkeit.

Jemand schaut lange genug hin.

Und macht dadurch etwas sichtbar.

Etwas, das wir selbst übersehen hätten.

Ein Lichtfleck.

Ein Fenster.

Eine Hecke.

Eine Wolke.

Ein Blütenzweig.

Oder einfach nur die Tatsache, dass wir leben.

Und dass das, bei aller Schwierigkeit dieser Welt, vielleicht immer noch ein kleines Wunder ist.

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