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DAS RECHT, ANGESEHEN ZU WERDEN
Warum begehrt werden nicht dasselbe ist wie objektifiziert werden
von Haselnusskrokant
👁️ Kolumne #3: Das Recht, angesehen zu werden
Es gibt diesen Moment.
Du betrittst einen Raum und weißt, dass jemand hinsieht.
Nicht zufällig. Nicht dieses kurze Registrieren, mit dem wir alle ständig unsere Umgebung abtasten. Nicht: Frau, schwarzes Kleid, Glas in der Hand, nächster Eindruck.
Sondern wirklich.
Jemand sieht dich.
Du bemerkst es vielleicht nicht einmal zuerst an seinen Augen. Vielleicht merkst du es daran, wie sich dein eigener Körper verändert. Wie du plötzlich weißt, wo deine Schultern sind. Wie dein Rücken gerader wird. Wie deine Hand ein wenig langsamer zum Glas greift. Wie du dir einer Strähne bewusst wirst, die über deinen Hals fällt.
Und dann kommt dieser Gedanke.
Er sieht mich an.
Und direkt dahinter, weil wir hervorragend darin geworden sind, selbst unsere schönsten Regungen einer internen Untersuchungskommission vorzulegen:
Darf mir das gefallen?
Willkommen zurück bei Zuckerkern & Sturm.
Wir müssen reden.
Über Blicke.
Über Körper.
Über das Gesehenwerden.
Und darüber, warum weibliche Selbstbestimmung manchmal ausgerechnet darin bestehen kann, einen Blick zu bemerken und nicht empört wegzusehen.
Sondern zurückzusehen.
1 · Die Frau unter Beobachtung
Wir haben gelernt, misstrauisch gegenüber Blicken zu sein.
Aus gutem Grund.
Frauenkörper sind seit Jahrhunderten öffentliches Gelände. Sie werden betrachtet, bewertet, vermessen, kommentiert, sexualisiert, diszipliniert und verkauft.
Zu dick.
Zu dünn.
Zu alt.
Zu jung.
Zu viel Dekolleté.
Zu wenig weiblich.
Zu aufreizend.
Zu ungepflegt.
Zu bemüht.
Nicht genug bemüht.
Eine Frau kann morgens einen Pullover anziehen und hat bis zum Mittag theoretisch bereits zwölf gesellschaftliche Vorschriften verletzt.
Das ist fast beeindruckend.
Die feministische Kritik am Blick war deshalb notwendig. Sie ist es noch immer.
Sie hat sichtbar gemacht, dass Sehen niemals völlig neutral ist.
Wer schaut?
Wer wird angeschaut?
Wer entscheidet, wie ein Körper gezeigt wird?
Wer besitzt das Bild?
Wer darf handeln und wer wird zur Kulisse?
Das sind wichtige Fragen.
Aber wie so oft passiert etwas Merkwürdiges, wenn eine wichtige Erkenntnis zu einer einfachen Regel wird.
Aus:
Frauen sollten nicht auf Objekte eines fremden Blicks reduziert werden
wird plötzlich:
Eine selbstbestimmte Frau sollte es nicht genießen, begehrt zu werden.
Und da möchte ich widersprechen.
Mit Nachdruck.
Und vermutlich mit Lippenstift.
2 · Ich habe mich nicht für dich angezogen. Aber du darfst trotzdem hinsehen.
Es gibt einen Satz, den ich sehr liebe:
Ich habe mich nicht für dich angezogen.
Weil er etwas zurückholt.
Die Entscheidung.
Mein Kleid gehört mir.
Mein Ausschnitt gehört mir.
Mein Körper gehört mir.
Meine roten Lippen sind keine Bestellung.
Meine Beine sind keine Einladung.
Meine Kleidung ist kein Vertrag.
Dass ich schön aussehen möchte, bedeutet nicht automatisch, dass ich männliche Aufmerksamkeit suche.
Aber jetzt kommt der Teil, über den wir seltener sprechen:
Manchmal habe ich mich tatsächlich auch dafür angezogen, gesehen zu werden.
Nicht für einen bestimmten Mann.
Nicht als Angebot.
Nicht als Verpflichtung.
Sondern für dieses kleine elektrische Gefühl, das entsteht, wenn man sich selbst gefällt und merkt, dass diese Wirkung den eigenen Körper verlässt und irgendwo ankommt.
Ich kann mich für mich anziehen und trotzdem genießen, dass du mich schön findest.
Diese beiden Dinge widersprechen sich nicht.
Ich verliere meine Selbstbestimmung nicht in dem Moment, in dem jemand anderes mich begehrt.
Sie hängt nicht so lose an mir.
3 · Der Blick macht noch kein Objekt
Vielleicht liegt das eigentliche Problem gar nicht darin, angesehen zu werden.
Vielleicht liegt es darin, nur angesehen zu werden.
Das ist ein Unterschied.
Ein gewaltiger sogar.
Ein Objekt hat keine Geschichte.
Keinen Hunger.
Keine Meinung.
Keine schlechte Laune.
Keine Termine.
Keine Rechnungen.
Keine Grenzen.
Kein Nein.
Ein Objekt existiert für den Gebrauch eines anderen.
Ein Mensch nicht.
Wenn jemand meinen Körper attraktiv findet, werde ich dadurch nicht automatisch zum Gegenstand.
Problematisch wird es dort, wo der betrachtende Mensch vergisst, dass hinter diesem Körper jemand wohnt.
Jemand mit Wünschen.
Mit Grenzen.
Mit einer eigenen Lust.
Mit dem Recht, zurückzusehen.
Oder eben nicht.
Ich möchte nicht unsichtbar sein, damit niemand mich objektifizieren kann.
Ich möchte sichtbar sein, ohne dass meine Sichtbarkeit als Besitzanspruch missverstanden wird.
Das ist etwas völlig anderes.
4 · Vielleicht will ich schön sein
Auch dieser Satz fühlt sich erstaunlich gefährlich an.
Ich will schön sein.
Nicht gesund.
Nicht authentisch.
Nicht interessant.
Nicht „ganz bei mir“.
Schön.
Begehrenswert vielleicht sogar.
Warum fällt es uns so schwer, das auszusprechen?
Vielleicht weil weibliche Schönheit so lange eine Pflicht war, dass jede freiwillige Annäherung an sie verdächtig geworden ist.
Wenn Schönheit verlangt wird, ist sie Unterwerfung.
Wenn Schönheit gewählt wird, kann sie Spiel sein.
Ich weiß natürlich, dass Schönheitsideale existieren.
Ich weiß, dass sie nicht im luftleeren Raum entstehen.
Ich weiß, dass kein Mensch morgens vollkommen unbeeinflusst von Kultur, Werbung, Filmen, Pornografie, Mode, Familie und Geschichte vor dem Spiegel steht.
Aber wenn wir jede Lust an Schönheit ausschließlich als Ergebnis patriarchaler Konditionierung betrachten, sprechen wir Frauen wieder etwas ab:
die Fähigkeit, ihre eigenen widersprüchlichen Wünsche zu besitzen.
Vielleicht trage ich das Kleid, weil ich mich darin schön finde.
Vielleicht trage ich es, weil ich weiß, dass andere mich darin schön finden.
Vielleicht sind beide Gründe gleichzeitig wahr.
Menschen sind lästig komplex.
Frauen sogar auch.
5 · Das kleine Beben
Es gibt Blicke, die machen kleiner.
Und es gibt Blicke, unter denen man sich plötzlich größer fühlt.
Das ist schwer zu erklären, weil von außen vielleicht beide gleich aussehen.
Jemand schaut.
Aber der Körper kennt den Unterschied.
Der eine Blick nimmt.
Der andere fragt.
Der eine fährt über dich hinweg, als hätte er dich bereits gekauft.
Der andere bleibt einen Augenblick zu lange und wartet.
Der eine sagt:
Du bist für mich da.
Der andere:
Ich sehe dich. Siehst du mich auch?
Vielleicht ist es genau dieser Zwischenraum, in dem Begehren entsteht.
Nicht im Starren.
Nicht im Besitz.
Sondern in der Möglichkeit.
Ich sehe dich.
Du bemerkst es.
Du entscheidest, was damit geschieht.
Du kannst wegsehen.
Du kannst lächeln.
Du kannst die Augenbraue heben.
Du kannst dich umdrehen.
Du kannst näherkommen.
Du kannst den Blick zurückgeben und damit aus etwas Einseitigem plötzlich einen Dialog machen.
Begehren beginnt manchmal, bevor ein einziges Wort gesprochen wurde.
Und Consent beginnt nicht erst im Bett.
Er beginnt möglicherweise genau hier.
Im Lesen.
Im Antworten.
Im Respektieren.
6 · Der weibliche Blick zurück
Mich interessiert deshalb nicht nur der Male Gaze.
Mich interessiert der Moment, in dem die betrachtete Frau zurückschaut.
Denn plötzlich verändert sich die gesamte Geometrie.
Sie ist nicht länger nur Bild.
Sie wird Betrachterin.
Vielleicht schaut sie auf seine Hände.
Seinen Mund.
Seine Schultern.
Vielleicht stellt sie sich etwas vor, das mit seinen Augen überhaupt nichts zu tun hat.
Vielleicht gefällt ihr, dass er sie begehrt.
Vielleicht gefällt ihr noch besser, dass sie ihn ebenfalls begehrt.
Weibliches Begehren ist nicht nur der Wunsch, begehrt zu werden.
Es ist auch das Recht, selbst auszuwählen.
Zu mustern.
Zu fantasieren.
Zu wollen.
Wir sprechen viel darüber, dass Männer Frauen nicht wie Körperteile behandeln sollen.
Völlig richtig.
Aber ich möchte außerdem darüber sprechen dürfen, dass ich manchmal einen Mann sehe und mein erster Gedanke keineswegs seiner Persönlichkeit gilt.
Manchmal denke ich nicht:
Was für ein interessantes Wertesystem dieser Mensch wohl besitzt.
Manchmal denke ich:
Hände.
Das muss der Feminismus aushalten.
7 · Begehrt werden ist Macht. Und Verletzlichkeit.
Vielleicht ist das der Grund, warum dieses Thema so kompliziert ist.
Begehrt zu werden kann sich mächtig anfühlen.
Und gleichzeitig macht es verletzlich.
Denn sobald mir dein Blick etwas bedeutet, kann sein Verschwinden ebenfalls etwas bedeuten.
Wenn ich weiß, dass ich begehrt werde, kann ich mich größer fühlen.
Wenn ich mich daran gewöhne, kann ich beginnen, meinen Wert darin zu suchen.
Und genau hier wird es gefährlich.
Nicht weil Aufmerksamkeit grundsätzlich schlecht wäre.
Sondern weil Aufmerksamkeit eine verdammt schlechte Währung für Selbstwert ist.
Ihr Kurs schwankt.
Menschen schauen heute und morgen nicht.
Körper verändern sich.
Mode verändert sich.
Beziehungen verändern sich.
Alter verändert Sichtbarkeit.
Wer ausschließlich im Blick anderer existiert, verschwindet irgendwann aus dem eigenen.
Deshalb brauche ich beides.
Den Spiegel.
Und den Blick.
Ich möchte mich selbst sehen können.
Aber ich weigere mich, so zu tun, als wäre es mir vollkommen gleichgültig, ob mich jemals jemand anderes begehrt.
Das wäre keine Unabhängigkeit.
Das wäre bei mir schlicht gelogen.
8 · Feminismus muss meine Lust nicht beaufsichtigen
Manchmal behandeln wir Feminismus wie eine besonders strenge Internatsleiterin.
Rocklänge prüfen.
Motive kontrollieren.
Fantasien genehmigen.
Hat dieses Begehren die korrekten politischen Unterlagen eingereicht?
Ist der Mann ausreichend dekonstruiert?
Hat die Fantasie ihre Einverständniserklärung in dreifacher Ausfertigung abgegeben?
Natürlich braucht Sexualität Grenzen.
Natürlich braucht sie Consent.
Natürlich müssen wir über Macht sprechen.
Aber Feminismus, der Frauen am Ende wieder vorschreibt, was sie begehren dürfen, hat sich irgendwo auf dem Weg verirrt.
Meine Fantasie ist kein Parteiprogramm.
Mein Körper kein Seminarraum.
Und meine Erregung hat bedauerlicherweise noch nie vorab die Sekundärliteratur gelesen.
Das bedeutet nicht, dass wir unsere Wünsche nicht hinterfragen sollten.
Im Gegenteil.
Ich finde es faszinierend, sie zu untersuchen.
Warum macht mich etwas an?
Warum gerade das?
Welche Bilder habe ich gelernt?
Welche davon möchte ich behalten?
Welche verändern?
Aber zwischen hinterfragen und verbieten liegt ein ganzes Universum.
9 · Die Lust, Wirkung zu haben
Vielleicht müssen wir noch ein anderes Wort rehabilitieren:
Wirkung.
Ich mag die Vorstellung, Wirkung zu haben.
Nicht ständig.
Nicht auf jeden.
Aber manchmal.
Ich mag das Wissen, dass eine Bewegung, ein Blick, ein Kleid, ein Satz etwas auslösen kann.
Dass mein Körper nicht nur etwas ist, das ich mit mir herumtrage.
Sondern etwas Lebendiges.
Kommunizierendes.
Etwas, das in Beziehung zu anderen Körpern treten kann.
Das bedeutet nicht, dass ich mich anbiete.
Es bedeutet, dass ich existiere.
Körperlich.
Sichtbar.
Und manchmal erotisch.
Vielleicht liegt darin sogar eine Form von Selbstermächtigung, über die wir zu selten sprechen:
nicht nur den eigenen Körper zu akzeptieren, sondern seine Wirkung genießen zu dürfen.
Ohne sofort Rechenschaft darüber abzulegen.
10 · Nicht jeder Blick ist ein Kompliment
Damit wir uns nicht missverstehen:
Nein.
Das hier ist keine romantische Verteidigung des Angestarrtwerdens.
Es gibt Blicke, die übergriffig sind.
Es gibt Kommentare, die keine Komplimente sind.
Es gibt Situationen, in denen Aufmerksamkeit bedrohlich wird.
Es gibt Machtgefälle, die einen scheinbar harmlosen Blick verändern.
Und vor allem:
Die Tatsache, dass eine Frau manchmal gern angesehen wird, bedeutet nicht, dass jeder Mensch jederzeit das Recht hat, sie anzusehen, anzusprechen, anzufassen oder zu kommentieren.
Das ist eigentlich banal.
Aber wir leben in einer Welt, in der offenbar regelmäßig erklärt werden muss, dass ein Minirock keine notarielle Einwilligung darstellt.
Also erklären wir es.
Noch einmal.
Und danach wieder.
11 · Das Recht auf Widerspruch
Ich möchte mir etwas erlauben.
Ich möchte morgens genervt davon sein, dass ein Fremder meinen Körper kommentiert.
Und abends elektrisiert davon, dass ein anderer mich ansieht.
Ich möchte mich manchmal verstecken.
Und manchmal auffallen.
Ich möchte Kleidung tragen, in der ich mich sicher fühle.
Und Kleidung, in der ich mich gefährlich schön fühle.
Ich möchte nicht darauf reduziert werden, wie ich aussehe.
Und ich möchte trotzdem hören dürfen:
Du bist wunderschön.
Ich möchte nicht für Männer existieren.
Und trotzdem Männer begehren können.
Oder Frauen.
Oder beide.
Oder niemanden.
Ich möchte diejenige sein, die entscheidet, welcher Blick mich erreicht.
Nicht indem ich kontrolliere, wer schaut.
Das kann ich nicht.
Sondern indem ich bestimme, welcher Blick Bedeutung bekommt.
Vielleicht ist genau das Agency.
Nicht die Abwesenheit fremder Augen.
Sondern die Anwesenheit der eigenen Entscheidung.
12 · Und dann werde ich älter
Es gibt noch eine andere Seite des Gesehenwerdens.
Das Verschwinden.
Frauen erzählen davon, dass sie mit zunehmendem Alter unsichtbarer werden.
Dass Blicke seltener werden.
Dass Aufmerksamkeit sich verschiebt.
Dass eine Gesellschaft, die Weiblichkeit so eng mit Jugend verknüpft hat, irgendwann entscheidet, eine Frau habe ihre erotische Hauptrolle gespielt und könne nun freundlicherweise in die Kategorie „interessante Persönlichkeit“ wechseln.
Als wären Schönheit und Persönlichkeit Staffelstäbe.
Als dürfe man immer nur eines tragen.
Vielleicht merken wir gerade deshalb, wie ambivalent der Blick ist.
Solange er da ist, kann er nerven.
Wenn er verschwindet, kann sein Fehlen schmerzen.
Nicht weil Frauen ohne männliche Aufmerksamkeit nichts wären.
Sondern weil Sichtbarkeit ein menschliches Bedürfnis ist.
Wir wollen wahrgenommen werden.
Nicht ständig.
Nicht von jedem.
Aber von Menschen, deren Wahrnehmung uns etwas bedeutet.
Und ja:
Manchmal wollen wir auch begehrt werden.
Mit dreißig.
Mit fünfzig.
Mit siebzig.
Nicht trotz unseres Alters.
Sondern in unserem Körper, so wie er jetzt ist.
Aber das ist eine andere Geschichte.
Eine, über die wir dringend noch sprechen müssen.
13 · Ich sehe dich
Vielleicht ist das überhaupt der erotischste Satz.
Nicht:
Ich will dich.
Nicht:
Du gehörst mir.
Sondern:
Ich sehe dich.
Nicht nur deinen Körper.
Aber eben auch deinen Körper.
Nicht nur deinen Geist.
Nicht nur deine Leistungen.
Nicht nur deine Fürsorge.
Nicht nur deine Vernunft.
Ich sehe, wie du denkst.
Ich sehe, wie du lachst.
Ich sehe die kleine Falte neben deinem Mund.
Ich sehe deine Hüften.
Ich sehe deine Müdigkeit.
Ich sehe deine Stärke.
Ich sehe, dass du begehrst.
Und ich begehre dich.
Vielleicht möchten wir nicht zwischen Subjekt und Körper wählen.
Vielleicht möchten wir als Ganzes gesehen werden.
Mit Gehirn und Haut.
Mit Geschichte und Dekolleté.
Mit Haltung und Hunger.
Mit allem.
14 · Schau ruhig
Also:
Schau ruhig.
Aber glaube nicht, dass dein Blick mich besitzt.
Schau ruhig.
Aber vergiss nicht, dass ich zurückschauen kann.
Schau ruhig.
Vielleicht gefällt es mir.
Vielleicht sogar sehr.
Vielleicht richte ich mich ein kleines bisschen auf, wenn ich merke, dass deine Augen an mir hängen bleiben.
Vielleicht gehe ich absichtlich langsamer.
Vielleicht lächle ich.
Vielleicht nicht.
Vielleicht gehe ich einfach weiter und denke den Rest allein zu Ende.
Das ist der Punkt.
Die Geschichte gehört nicht dem Blick.
Sie gehört mir.
Ich entscheide, ob aus deinem Sehen etwas wird.
Ich entscheide, ob ich mich darin wiedererkenne.
Ich entscheide, ob ich zurücksehe.
Und manchmal, wenn alles stimmt, gibt es diesen winzigen Moment zwischen zwei Menschen:
Du siehst mich.
Ich sehe, dass du mich siehst.
Und statt kleiner zu werden, werde ich größer.
Nicht dein Objekt.
Nicht deine Fantasie.
Nicht deine Projektionsfläche.
Eine Frau.
Ein Körper.
Ein Wille.
Ein Blick zurück.
Und vielleicht ein kleines Lächeln.
Mehr bekommst du vorerst nicht.
Zuckerkern & Sturm ist ein Raum für Textkörper. Für Lüste, die denken, und Gedanken, die begehren.
Eine Kolumne zwischen Samt und Haltung, zwischen feministischer Rückgratspannung und brennender Spitze.
Hier schreibe ich über das, was sich nachts aus Worten schält. Über Scham und Lust, Macht und Hingabe, Körper, Blicke und all die Widersprüche, die nicht verschwinden, nur weil wir die richtigen Bücher gelesen haben.
Wenn dein Begehren manchmal lauter ist als deine Haltung, bist du hier richtig.
Wenn du beim Lesen zuckst, widersprichst oder einen Satz mit in den Schlaf nimmst, ebenfalls.
Zuckerkern & Sturm will keine einfachen Antworten.
Sondern Wörter, die den Finger auf Widersprüche legen.
Und dort bleiben.
Bis zum nächsten Text.
Bring deinen Sturm mit.
– Haselnusskrokant
Bisher in dieser Kolumne
- Zuckerkern & Sturm Vol.1 – Lust, die sich nicht entschuldigt
- Zuckerkern & Sturm Vol.2 – Blut, Biss und Begehren
Weiterführende Literatur & Denkräume:
- Laura Mulvey: Visual Pleasure and Narrative Cinema
- John Berger: Ways of Seeing
- Audre Lorde: Uses of the Erotic: The Erotic as Power
- bell hooks: The Oppositional Gaze
- Naomi Wolf: The Beauty Myth
- Susan Sontag: On Photography
- Simone de Beauvoir: Das andere Geschlecht
- Mithu Sanyal: Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts
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