Mein Französischlehrer ist so niedlich

Über Alain Grée, Petit Tom und französische Kinderbücher, bei denen ich schon am Cover hängen bleibe.

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Mein Französischlehrer hat blonde Haare, ziemlich rote Wangen und gelegentlich eine Katze dabei. Im Winter trägt er eine rote Mütze. Er interessiert sich für Tiere, möchte alles vermessen und nimmt mich auch noch mit auf die Straße. Er heißt Petit Tom. Und ich finde ihn ausgesprochen niedlich.

(Die Sache mit der Motivation beim Sprachenlernen wäre damit schon einmal geklärt.)

Es gibt ja verschiedene Möglichkeiten, sich einer Sprache zu nähern. Meine führt in diesem Fall über alte Kinderbücher. Über große Buchstaben, kleine Hunde, bunte Autos und Bilder, auf denen man länger herumgucken möchte, als es für das bloße Lesen des Titels nötig wäre. Bei den französischen Büchern von Alain Grée ist das besonders gefährlich. Einmal hingeschaut, möchte ich wissen, was da steht. Und dann möchte ich das nächste Buch sehen.

So liegt hier inzwischen eine kleine Gesellschaft aus Petit Tom, einem roten Traktor, einer Berglandschaft und einem winkenden kleinen Entdecker. Allesamt sehr überzeugende Argumente dafür, sich wieder mit französischen Wörtern zu beschäftigen.

Alain Grée und die Lust am Hinschauen

Alain Grée war ein französischer Autor und Illustrator, der von 1936 bis 2025 lebte. Er veröffentlichte mehr als 300 Bücher, einen großen Teil davon in den 1960er- und 1970er-Jahren, unter anderem bei Casterman und Hachette. Seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt.

Was diese Zahlen allerdings kaum vermitteln können, ist der Reiz seiner Bilder. Bei den hier gezeigten Büchern mag ich die Farben, die Gesichter und die vielen kleinen Dinge, die neben dem eigentlichen Motiv noch Platz bekommen. Unter den Skifahrern stehen Blumen. Unter dem Traktor finden sich Eier, eine Milchkanne und eine Ente. Da hat jemand eine ganze kleine Welt auf einem Buchdeckel untergebracht.

Bei meinen vier Petit-Tom-Bänden stehen übrigens Gérard und Alain Grée auf dem Cover. Beide gehören deshalb auch hier ausdrücklich genannt.

Und wer die Bücher nebeneinanderlegt, sieht durchaus Unterschiede: Die Kinder auf „La ferme“ und „La montagne“ sind stärker vereinfacht, mit kleinen Punktaugen und klaren Formen. Petit Tom begegnet uns mit großen blauen Augen und leuchtenden Wangen. Ich mag gerade dieses Nebeneinander. Es gibt viel zu entdecken, auch wenn man zunächst nur die Umschläge betrachtet.

Petit Tom und die Tiere

Petit Tom et les animaux familiers

Petit Tom und die Haustiere

Cover von Petit Tom et les animaux familiers: Junge mit Meerschweinchen, Katze, Hunden und Aquarium

Bei diesem Cover ist es um mich geschehen. Tom steht zwischen Hunden, trägt ein Meerschweinchen im Arm und hat eine Katze an seiner Schulter. Dahinter sieht man ein Aquarium, einen Vogel und einen Käfig. Unten sind Kamm und Bürste, Futter und ein geflochtener Transportkorb abgebildet.

Besonders dieser Korb! Hinter dem Gitter schauen kleine Augen hervor. So ein Detail bringt mich zuverlässig dazu, noch einmal genauer hinzusehen.

„Les animaux familiers“ sind die Haustiere. Damit beginnt mein kleiner Französischunterricht schon beim Titel. Dazu passen Wörter wie le chien, der Hund, oder le chat, die Katze. Die Bilder liefern mir einen Anlass, sie mir wieder ins Gedächtnis zu holen.

(Wenn eine Katze auf dem Cover sitzt, ist meine Aufmerksamkeit ohnehin gesichert.)

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Petit Tom entdeckt die Jahreszeiten

Petit Tom découvre les saisons

Petit Tom entdeckt die Jahreszeiten

Cover von Petit Tom découvre les saisons: Junge mit roter Bommelmütze füttert Vögel in verschneiter Landschaft

Tom trägt eine rote Pudelmütze und einen Schal. Kleine Vögel sitzen dicht bei ihm, dahinter liegen verschneite Hügel, Tannen und ein Haus. Weiter hinten sind Kinder im Schnee unterwegs. Das ist so ein Cover, bei dem ich sofort anfange, den Winter schön zu finden.

Der Titel führt durch das ganze Jahr: les saisons, die Jahreszeiten. Frühling, Sommer, Herbst und Winter heißen le printemps, l’été, l’automne und l’hiver. Schon diese kleine Wortgruppe bekommt mit Toms roter Mütze ein Bild.

Mir gefällt an diesem Umschlag besonders die Nähe zwischen Kind und Vögeln. Tom hält die Hand mit den Körnern hin, die Tiere haben sich um ihn versammelt. Man möchte einen Moment bei dieser Szene bleiben. Für ein Buch über das Entdecken ist das ein ziemlich guter Anfang.

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Petit Tom will alles messen

Petit Tom veut tout mesurer

Petit Tom will alles messen

Cover von Petit Tom veut tout mesurer: Zwei Kinder messen eine Hundehütte, daneben ein großer und ein kleiner Hund

Auf diesem Cover wird eine Hundehütte vermessen. Zwei Kinder sind mit dem Maß beschäftigt, daneben sitzt ein großer Hund, auf dessen Kopf wiederum ein kleiner Hund Platz genommen hat. Schon allein diese etwas unpraktische Aufstellung verdient einen genaueren Blick.

Mesurer heißt messen. Und „veut tout mesurer“ bedeutet: will alles messen. Ein wunderbar konkreter Satz, den ich zusammen mit dieser roten Hundehütte vermutlich besser behalte als losgelöst auf irgendeinem Zettel.

Auch als Lehrerin mag ich die Idee, die bereits im Titel steckt: Ein Kind will etwas herausfinden und macht sich daran. Wie groß ist das? Wie lang? Wie hoch? Solche Fragen entstehen beim Anschauen fast von allein.

(Die Hunde scheinen ihren Teil zum praktischen Versuch jedenfalls beizutragen.)

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Petit Tom unterwegs

Petit Tom et le code de la route

Petit Tom und die Verkehrsregeln

Cover von Petit Tom et le code de la route: Junge winkt mit einer Katze aus einem roten Auto, dahinter eine kurvige Straße

Tom winkt aus einem roten Auto, neben ihm schaut eine kleine Katze heraus. Über den restlichen Umschlag zieht sich eine Straße mit Kurven, Häusern und verschiedenfarbigen Fahrzeugen. Ich könnte schon eine Weile damit verbringen, mir diese kleinen Autos anzusehen.

„Le code de la route“ bezeichnet die Straßenverkehrsordnung beziehungsweise die Verkehrsregeln. Das klingt zunächst nach einem ziemlich trockenen Thema. Auf diesem Cover hat es eine gelbe Mittellinie, rote Dächer und einen ausgesprochen freundlichen Begleiter.

Mich begeistert hier die Gestaltung: Die Straße führt den Blick quer über das Bild, und überall gibt es etwas wiederzuerkennen. Ein schönes Beispiel dafür, warum mich solche alten Sachbilderbücher so anziehen. Selbst ein alltäglicher Weg wird zu einer kleinen Bilderreise.

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Ein roter Traktor und sehr viel Frankreichgefühl

La ferme

Der Bauernhof

Cover von La ferme: roter Traktor mit zwei winkenden Kindern, darunter Fass, Sack, Milchkanne, Eier und Ente

Bei „La ferme“ fährt uns ein großer roter Traktor entgegen. Zwei Kinder winken, auf der Motorhaube sitzen kleine Vögel. Darunter folgen weitere Motive: ein Fass, ein Sack, eine Milchkanne, Eier im Nest und eine Ente.

Diese Aufteilung gefällt mir sehr. Oben ist die Szene, in die man sofort hineingerät; unten kann der Blick von Gegenstand zu Gegenstand wandern. Und mittendrin steht in großen Buchstaben das französische Wort für Bauernhof.

Die Kombination aus Rot, Gelb, Blau und Grün hat für mich eine enorme Anziehungskraft. Dazu die Typografie! Ich ertappe mich bei solchen Büchern regelmäßig dabei, dass ich genauso begeistert auf die Schrift schaue wie auf die Illustration.

(Ein Traktor kann offenbar durchaus ein Argument für den Kauf eines Buches sein.)

Ein Ausflug in die Berge

La montagne

Der Berg beziehungsweise die Bergwelt

Cover von La montagne: zwei Kinder auf Skiern mit gelber Seilbahn, darunter Bergblumen und eine Gämse

Zwei Kinder auf Skiern, eine kleine gelbe Seilbahn, Tannen und Berge in zarten Violetttönen: „La montagne“ bringt wieder eine ganz andere Landschaft in diesen Bücherstapel.

Unten auf dem Cover stehen Blumen neben einer dunklen Gämse vor blauem Hintergrund. Mir gefällt, dass die Bergwelt dadurch gleich mehrere Seiten bekommt. Der Blick geht vom Schnee zu den Pflanzen und weiter zum Tier. Schon der Umschlag macht Lust, genauer hinzusehen.

La montagne ist eines dieser Wörter, die ich gern aussprechen möchte, sobald ich sie lese. Und vielleicht ist genau das das Schönste an meiner kleinen Bücherauswahl: Sie macht neugierig auf Sprache, ohne dass ich mir vorher einen Lernplan zurechtlegen muss.

Der kleine Entdecker

Le petit explorateur

Der kleine Entdecker

Cover von Le petit explorateur: winkender kleiner Cowboy auf einem Pferd vor Ranch-Schild und Kakteen

Dieses Buch von Alain Grée ist bei Hachette in der Collection „je serai“ erschienen. Auf dem Cover sitzt ein winkender kleiner Cowboy auf einem Pferd. Dazu kommen Kakteen, ein Ranch-Schild und bunte Vögel auf einem Zaun.

Besonders auffällig ist der breite violette Rahmen mit seinen weiteren farbigen Linien. Dazu die orangefarbene und pinke Schrift: Das Buch lässt sich in meinem Stapel wirklich nicht übersehen.

„Je serai“ heißt „ich werde sein“. Zusammen mit dem kleinen Entdecker öffnet schon dieser Reihenname einen Raum für Vorstellungen: Was könnte ich einmal machen? Wohin könnte ich unterwegs sein? Bei mir beginnt die Entdeckungsreise vorerst mit dem Titel und diesem herrlich eigenwilligen Umschlag.

Französisch lernen darf auch mit Verliebtheit anfangen

Natürlich machen mich diese Bücher allein noch nicht fließend französischsprachig. Aber sie bringen mich dazu, mich mit der Sprache zu beschäftigen. Ich lese einen Titel, erkenne ein Wort wieder, schlage ein anderes nach und schaue noch einmal aufs Bild.

Das reicht als Anfang völlig aus.

Als Lehrerin weiß ich, wie hilfreich ein konkreter Anlass zum Lernen sein kann. Hier habe ich gleich mehrere: Ich möchte einen Titel verstehen. Ich möchte wissen, wie das abgebildete Tier heißt. Ich möchte herausfinden, was ein kleiner Junge als Nächstes entdeckt. Die Neugier ist schon da, bevor ich überhaupt beschließe, etwas zu lernen.

Und falls ihr mit Französisch gar nichts anfangen könnt, bleibt immer noch diese Freude an schönen Büchern. An Farben und Formen, an einer gelungenen Schrift, an einem winzigen Vogel auf einer Traktorhaube. Für mich brauchen Kinderbücher keine Altersfreigabe nach oben.

Alte Kinderbücher dürfen weiterreisen

Zu meinem Antiquariat gehört genau diese Freude am Wiederfinden. Ein Buch hat schon ein Leben hinter sich, die Ecken sind vielleicht berieben, der Umschlag trägt Spuren. Dann schaut jemand darauf und entdeckt etwas, das ihn begeistert.

Bei diesen Büchern sind es für mich die Bilder und die Lust, mich von ihnen ein bisschen Französisch lehren zu lassen. Vielleicht bleibt bei euch zuerst die Ente hängen. Oder die Katze. Oder dieser kleine Hund, der völlig selbstverständlich auf dem Kopf des großen sitzt.

In meinem Etsy-Shop DUNKELROTde könnt ihr nach meinen aktuellen Fundstücken stöbern. Bei alten Büchern gehört es dazu, dass ein Exemplar irgendwann weitergezogen ist.

Und falls ihr Tom auch auf Deutsch kennenlernen möchtet: Auf dem Blog findet ihr bereits meine Rezension zu „Tom und die Farben“ von Gérard und Alain Grée.

Mein kleiner Französischlehrer darf jetzt erst einmal wieder zwischen seine Buchdeckel. Die rote Mütze steht ihm ausgezeichnet. Und wenn die nächste Lektion mit einem Hund, einem Traktor oder einer Katze beginnt, bin ich dabei.

À bientôt, Petit Tom.

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