Über kostenlose Produkte, ziemlich teure Arbeitszeit und die erstaunliche Vermehrung von Gegenleistungen, sobald irgendwo das Wort „Kooperation“ fällt.
Bücher sind unkompliziert.
Dachte ich.
Ein Verlag schickt mir ein Buch. Ich lese es. Wenn ich darüber schreiben möchte, schreibe ich darüber. Seit sehr vielen Jahren funktioniert das auf Dunkelrot ziemlich wunderbar.
Keine komplizierten Briefings. Keine Diskussion darüber, ob auf Foto Nummer drei das Produkt vielleicht noch zwei Zentimeter weiter nach links könnte. Und vor allem weiß jeder Beteiligte ungefähr, worüber wir reden:
Ein Rezensionsexemplar ist ein Rezensionsexemplar.
Dachte ich.
Bis ich Dunkelrot im August neu ausgerichtet habe.
Seitdem geht es hier nicht mehr ausschließlich um Bücher. Es geht um all die Dinge, die ich mag und die zu Dunkelrot passen: schöne Sachen, Genuss, Leben, Garten, Kultur, manchmal Mode oder Beauty und überhaupt um alles, worüber ich euch gern erzählen möchte.
Und damit zog ein neues Wort bei mir ein: Kooperation.
Ich fand das zunächst ausgesprochen aufregend. Mittlerweile weiß ich: Kooperation ist ein faszinierendes Wort.
Es kann bedeuten: „Wir schicken Ihnen etwas Schönes. Probieren Sie es aus und erzählen Sie davon, wenn es Ihnen gefällt.“
Es kann aber offenbar auch bedeuten: „Wir schicken Ihnen einen Schlüsselanhänger. Sie erstellen dafür bitte ein Reel, drei Storys, einen ausführlichen Blogartikel, professionelle Fotos und ein Gewinnspiel. Ihre Erstgeborene schicken Sie bitte separat an unsere Marketingabteilung.“
(Die habe ich nicht. Glück gehabt.)
Seit August lerne ich eine völlig neue Welt kennen
Und damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich hatte seit der Neuausrichtung wirklich schöne Kooperationen.
Unternehmen, die großzügig waren. Pakete, bei denen ich beim Öffnen gemerkt habe: Da hat sich jemand Gedanken gemacht. Hochwertige Produkte. Kooperationen mit einem Warenwert von mehreren hundert Euro. Und vor allem Menschen auf der anderen Seite, mit denen die Zusammenarbeit unkompliziert und nett war.
Ich habe mich darüber wirklich gefreut.
Deshalb geht es hier ausdrücklich nicht darum, dass ich künftig für jedes Paket eine Rechnung schreiben möchte. Es geht um etwas anderes. Um Verhältnismäßigkeit.
Denn parallel lerne ich gerade eine erstaunliche Spielart des Marketings kennen: Je kleiner die Gegenleistung, desto größer können offenbar die Wünsche werden.
Neulich war es ein Kalender
Eine nette Anfrage. Man würde mir gern einen Kalender für Dunkelrot schicken. Sehr gern. Ich mag Kalender. Ich sagte zu.
Dann stellte sich heraus, dass mit diesem einen Kalender auch ein Gewinnspiel stattfinden sollte.
Und da saß ich kurz vor meinem Rechner.
Ein Kalender. Für mich. Zum Anschauen. Zum Fotografieren. Zum Vorstellen. Und anschließend zum Verlosen.
Vielleicht hätte ich ihn nach dem Fotoshooting einfach wieder hübsch einpacken können.
Liebe Gewinnerin, bitte ignorieren Sie die Fingerabdrücke. Die gehören zum redaktionellen Konzept.
Also schrieb ich freundlich zurück: Mit einem Exemplar stelle ich den Kalender gern vor. Für ein Gewinnspiel reicht ein Exemplar leider nicht.
Eigentlich kein besonders revolutionärer Gedanke.
Wenn ich etwas verlosen soll, wäre es ausgesprochen praktisch, wenn es auch etwas zu verlosen gäbe.
Und trotzdem ertappte ich mich dabei, darüber nachzudenken, ob ich das überhaupt schreiben darf. Bin ich jetzt undankbar? Zu anspruchsvoll? Schließlich bekomme ich einen Kalender. Kostenlos!
Kostenlos ist ein erstaunlich dehnbares Wort
Denn ich bekomme den Kalender nicht einfach geschenkt. Ein Geschenk wäre: „Hier ist ein Kalender. Viel Freude damit.“
Eine Kooperation bedeutet: Hier ist ein Kalender. Jetzt beginnt meine Arbeit.
Ich packe ihn aus. Ich schaue ihn mir an. Ich überlege mir, wie ich ihn vorstelle. Ich mache Fotos. Nicht eins. Natürlich nicht eins. Siebzehn.
Auf Bild Nummer vier stimmt das Licht nicht. Auf Nummer neun liegt im Hintergrund etwas, das dort definitiv nicht liegen sollte. Auf Nummer zwölf läuft Rudi durchs Bild. Auf Nummer vierzehn sieht mein eigener Schatten aus wie ein paranormaler Zwischenfall.
Also noch einmal.
Fotos auswählen. Bearbeiten. Text schreiben. Informationen zusammensuchen. Beitrag in WordPress bauen. Bilder einfügen. Links setzen. Überschrift. SEO. Korrekturlesen. Veröffentlichen.
Dann Instagram. Format anpassen. Text schreiben. Markieren. Werbung kennzeichnen. Posten. Kommentare beantworten.
Und falls wir noch ein Gewinnspiel daraus machen: Teilnahmebedingungen. Laufzeit. Kommunikation. Auslosung. Gewinner benachrichtigen. Adresse. Datenschutz. Im Zweifel noch einmal auslosen, weil sich niemand meldet.
Und wenn ich den Gewinn selbst verschicke, darf ich anschließend noch Karton, Klebeband und Porto beisteuern.
Plötzlich hat dieser Kalender einen bemerkenswert arbeitsintensiven gesellschaftlichen Aufstieg hingelegt.
Danke für den Kalender. Und was bekomme ich für die drei Stunden Arbeit?
Das ist die Frage, die ich mir seit August immer öfter stelle.
Und nein, die Antwort muss nicht immer Geld sein.
Es gibt Produktkooperationen, bei denen ich sofort wieder Ja sagen würde. Weil das Produkt hochwertig ist. Weil ich es wirklich haben möchte. Weil das Paket großzügig ist. Weil die Zusammenarbeit Spaß macht. Oder weil die Geschichte dahinter so gut zu Dunkelrot passt, dass ich sowieso darüber schreiben möchte.
Dann kann eine Kooperation für beide Seiten wunderbar funktionieren.
Aber es gibt einen Unterschied zwischen: „Wir schicken Ihnen etwas Tolles und würden uns freuen, wenn Sie es vorstellen.“ und: „Hier ist unser Produkt für 19,95 Euro. Im Gegenzug hätten wir gern Ihre komplette Medienabteilung.“
Das eine kann eine schöne Zusammenarbeit sein. Das andere ist Mathematik mit sehr kreativer Buchführung.
Warenwert ist übrigens auch nicht Honorar
Auch das lerne ich gerade.
Ein Produkt kann 50 Euro kosten. Oder 100. Oder mehrere hundert. Und selbstverständlich macht das für meine Entscheidung einen Unterschied.
Aber 600 Euro Warenwert sind trotzdem keine 600 Euro Einkommen.
Ich kann beim Finanzamt schlecht drei BHs und eine Flasche Gin auf den Tisch legen und sagen: Damit wären wir dann quitt.
Schade eigentlich. Das würde Steuererklärungen erheblich unterhaltsamer machen.
Trotzdem kann ein hoher Warenwert eine absolut faire Gegenleistung sein, wenn ich die Produkte wirklich möchte und der Arbeitsaufwand dazu passt.
Es geht also gar nicht darum, jede Kooperation in Euro umzurechnen. Es geht darum, irgendwann einmal kurz beide Seiten der Waage anzusehen.
Und dann gibt es noch meine Reichweite
Dunkelrot hat sich im August neu ausgerichtet. Aber Dunkelrot selbst ist natürlich nicht im August vom Himmel gefallen.
Der Blog existiert seit vielen Jahren. Hier stehen weit über tausend Beiträge. Auf Instagram ist über lange Zeit eine Community gewachsen.
Das alles war bereits da, als ich angefangen habe, Dunkelrot für andere Themen zu öffnen.
Wenn ein Unternehmen heute mit mir zusammenarbeitet, bekommt es deshalb nicht nur die halbe Stunde, in der ich auf „Veröffentlichen“ drücke. Es bekommt Zugang zu etwas, das vorher aufgebaut wurde. Zu Leserinnen und Lesern. Zu Followern. Und vor allem zu Vertrauen.
Das ist eigentlich der wertvollste Teil.
Denn wenn ich euch etwas zeige, möchte ich weiterhin, dass ihr davon ausgehen könnt: Ich zeige es euch, weil ich es wirklich interessant finde.
Nicht, weil irgendwo noch drei Schlüsselanhänger herumlagen und ich dafür meine Seele an die Marketingabteilung verkauft habe.
Die seltsame Mathematik des Influencer-Marketings
Besonders faszinierend finde ich, wie sich Anforderungen vermehren können.
Am Anfang heißt es: „Wir würden Ihnen sehr gern unser Produkt vorstellen.“ Klingt nett.
Zwei Mails später sind wir bei: „Wir würden uns über einen ausführlichen Blogbeitrag freuen. Vielleicht könnten Sie das Produkt außerdem auf Instagram zeigen? Eine Story wäre toll. Ein Reel performt natürlich besonders gut. Und könnten Sie noch ein Gewinnspiel integrieren?“
Natürlich.
Soll ich noch kurz eure Steuererklärung machen?
Das Produkt bleibt währenddessen bemerkenswert konstant. Ein Kalender. Eine Kerze. Eine Tasse. Ein Schlüsselanhänger.
Der Schlüsselanhänger hat mittlerweile allerdings eine Medienkampagne, von der manche mittelständischen Unternehmen nur träumen können.
Und das Verrückte ist: Man macht es
Gerade wenn man anfängt.
Die erste Kooperationsanfrage fühlt sich großartig an. Eine Firma hat geschrieben. Eine richtige. Die wollen mit mir zusammenarbeiten!
Dann kommt ein Paket mit dem eigenen Namen darauf und plötzlich fühlt sich das alles ein bisschen danach an, als hätte man es geschafft.
Also macht man. Ein Foto. Noch eins. Eine Story. Vielleicht noch ein Reel. Einen Beitrag. Ach, das Gewinnspiel auch noch.
Und irgendwann sitzt man drei Stunden später am Rechner und stellt fest: Man hat für seine Arbeit eine Duftkerze bekommen.
Eine ausgesprochen hübsche Duftkerze vielleicht. Aber immer noch eine Duftkerze.
Das Problem ist nicht die Kerze. Ich mag Kerzen.
Das Problem ist, dass kreative Arbeit plötzlich nichts mehr kosten soll, sobald man nur irgendeinen Gegenstand danebenlegt.
„Aber du bekommst doch Reichweite!“
Auch ein schöner Satz.
Natürlich kann eine Kooperation neue Menschen zu Dunkelrot bringen. Natürlich kann eine tolle Marke eine fantastische Referenz sein. Natürlich gibt es strategische Gründe, eine Zusammenarbeit auch ohne Honorar anzunehmen.
Das alles gehört in die Rechnung.
Aber dann möchte ich diese Entscheidung treffen. Nicht das Unternehmen für mich.
Deshalb sage ich inzwischen auch Nein
Nicht wütend. Nicht beleidigt. Nicht mit einem Manifest über die Ausbeutung der Kreativwirtschaft im Anhang.
Einfach: Nein, danke.
Oder: Mit einem Exemplar mache ich gern eine Rezension. Für ein zusätzliches Gewinnspiel reicht das leider nicht.
Und falls das nicht passt? Dann findet die Kooperation eben nicht statt.
Das ist vollkommen in Ordnung. Das Unternehmen verliert keine Existenzgrundlage. Ich auch nicht. Und der Kalender wird die Trennung vermutlich ebenfalls verkraften.
Ich liebe Kooperationen trotzdem
Und das meine ich wirklich.
Ich freue mich über schöne Anfragen. Ich freue mich über Pakete. Ich freue mich immer noch wie Bolle, wenn jemand sich Mühe gegeben hat und hier ein Paket ankommt, bei dem ich merke: Da hat auf der anderen Seite jemand Dunkelrot tatsächlich angeschaut.
Ich mag Unternehmen, die zu meinem Blog passen. Ich entdecke gern Dinge. Ich erzähle gern Geschichten darüber.
Und ich werde ganz sicher weiterhin Kooperationen machen, für die ich kein Honorar bekomme. Weil ich ein Produkt unbedingt ausprobieren möchte. Weil ich eine Marke toll finde. Weil eine Geschichte perfekt zu Dunkelrot passt. Weil ich ohnehin darüber geschrieben hätte. Oder einfach: weil ich Lust darauf habe.
Das ist schließlich mein Blog.
Aber ein kostenloses Produkt ist kein Freifahrtschein für beliebig viel kostenlose Arbeit.
Und ein freundliches „Das reicht mir für diesen Umfang leider nicht“ macht mich weder arrogant noch undankbar.
Es bedeutet nur, dass ich irgendwann angefangen habe, meine eigene Arbeit genauso ernst zu nehmen wie die Arbeit der Menschen, die mir die Kooperationsanfrage schicken.
Die werden schließlich auch bezahlt.
Und der Kalender?
Mit einem Exemplar stelle ich ihn gern vor.
Soll zusätzlich ein Gewinnspiel stattfinden, braucht es einen Gewinn.
Wenn das nicht möglich ist, ist das völlig in Ordnung. Dann findet diese Kooperation eben nicht statt.
Niemand muss beleidigt sein. Niemand muss sich rechtfertigen. Und niemand muss einen Kalender auf wundersame Weise gleichzeitig behalten und verlosen.
Meine Erstgeborene bekommt übrigens weiterhin niemand.
Schon allein deshalb nicht, weil ich keine habe.
Aber den Schlüsselanhänger dürft ihr wirklich gern behalten.
