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DIE UNANSTÄNDIGE FRAU WIRD ÄLTER
Über Lust, Sichtbarkeit und einen Körper, der nicht verschwinden will
von Haselnusskrokant
🔥 Kolumne #4: Die unanständige Frau wird älter
Irgendwann soll eine Frau vernünftig werden.
Niemand sagt einem genau, wann.
Es gibt keine Einladung. Keine Urkunde. Keine kleine staatliche Zeremonie, bei der man seine roten Lippen, kurzen Röcke und unanständigen Gedanken gegen eine Strickjacke eintauscht.
Und trotzdem scheint es diesen Zeitpunkt zu geben.
Mit zwanzig darf eine Frau wild sein.
Mit dreißig begehrenswert.
Mit vierzig interessant.
Mit fünfzig soll sie plötzlich „gut für ihr Alter“ aussehen.
Was für ein bemerkenswert beschissenes Kompliment.
Gut für ihr Alter.
Vier kleine Wörter, in denen eine ganze Kultur steckt.
Denn natürlich bedeutet dieser Satz nicht:
Du siehst aus wie ein besonders gelungenes Exemplar eines Menschen, der exakt so viele Jahre gelebt hat wie du.
Er bedeutet:
Man sieht dir erstaunlicherweise noch nicht vollständig an, dass du inzwischen zu jener Gruppe von Frauen gehörst, die wir gesellschaftlich langsam aus dem erotischen Blickfeld räumen.
Herzlichen Glückwunsch.
Du darfst noch ein bisschen bleiben.
Willkommen zurück bei Zuckerkern & Sturm.
Heute reden wir über das Älterwerden.
Über Haut.
Über Sichtbarkeit.
Über Sex.
Über Blicke, die verschwinden.
Über Blicke, die bleiben.
Und über Frauen, die sich weigern, mit zunehmendem Alter sittsamer zu werden.
Ich fürchte, das wird unanständig.
1 · Wann genau sollen wir eigentlich aufhören?
Ich hätte gern ein Datum.
Nur damit ich planen kann.
Wann genau endet die erotische Phase einer Frau?
Mit 39?
Mit 47?
Mit dem ersten grauen Haar?
Mit der ersten Falte, die sich nicht mehr als „Trockenheitsfältchen“ verkaufen lässt?
Mit den Wechseljahren?
Mit dem Moment, in dem eine Kosmetikmarke beginnt, mir Produkte mit Wörtern wie „Re-Densifying“, „Age Perfect“ oder „Youth Activating“ anzubieten?
Die Beautyindustrie besitzt einen erstaunlichen Wortschatz für:
Bitte sieh nicht so aus, als hättest du gelebt.
Dabei altern wir.
Das ist keine Fehlfunktion.
Das ist der Plan.
Und trotzdem behandeln wir insbesondere den alternden weiblichen Körper, als müsse man sich für ihn entschuldigen.
Er soll gestrafft werden.
Geglättet.
Geliftet.
Kaschiert.
Optimiert.
Natürlich darf jede Frau mit ihrem Gesicht und ihrem Körper machen, was sie möchte.
Aber mich interessiert die Panik dahinter.
Warum ist es für uns so schwer auszuhalten, dass eine Frau sichtbar älter wird und gleichzeitig sichtbar sinnlich bleibt?
Warum erscheint uns eine ältere Frau in einem erotischen Kontext noch immer bemerkenswerter als ein älterer Mann?
Vielleicht, weil wir gelernt haben, weibliche Begehrenswertigkeit mit Jugend zu verwechseln.
Und Jugend mit Wert.
2 · Männer werden interessant. Frauen werden alt.
Wir kennen die Bilder.
Der männliche Schauspieler wird älter.
Seine Haare werden grau.
Die Linien im Gesicht tiefer.
Er bekommt Rollen als charismatischer Politiker, gefährlicher Anwalt, gebrochener Ermittler oder geheimnisvoller Liebhaber.
Sein Alter erzählt eine Geschichte.
Bei Frauen erzählen dieselben Zeichen angeblich vor allem eines:
Alter.
Das ist absurd.
Eine Falte ist schließlich bei beiden Geschlechtern ungefähr dasselbe biologische Ereignis.
Aber kulturell wird sie vollkommen unterschiedlich gelesen.
Beim Mann:
Erfahrung.
Bei der Frau:
Verlust.
Beim Mann:
Charakter.
Bei der Frau:
Anti-Aging.
Natürlich verändert sich das.
Langsam.
Wir sehen mehr Frauen jenseits der vierzig, fünfzig, sechzig, die nicht als Großmutter, Mutter oder schrullige Nebenfigur erzählt werden.
Aber die kulturelle Grundidee sitzt tief.
Die junge Frau wird begehrt.
Die ältere Frau darf klug sein.
Ich hätte gern beides.
Danke.
3 · Mein Körper ist kein Vorher-Foto
Vielleicht ist das überhaupt eines der größten Probleme des Älterwerdens:
Wir beginnen, den eigenen Körper mit einer früheren Version zu vergleichen.
Nicht mit anderen.
Mit uns selbst.
Da war diese Haut.
Dieser Bauch.
Diese Brust.
Diese Taille.
Diese Energie.
Diese Haare.
Diese Nächte, nach denen man morgens aussah, als wäre überhaupt nichts geschehen.
Unverschämtheit.
Und irgendwann steht man vor dem Spiegel und betrachtet den eigenen Körper wie ein Vorher-Nachher-Projekt, nur dass man überzeugt ist, auf der falschen Seite gelandet zu sein.
Aber mein Körper ist kein Vorher-Foto.
Er ist auch kein Nachher-Foto.
Er ist jetzt.
Dieser Körper hat Jahre erlebt.
Er hat möglicherweise Kinder getragen.
Krankheiten überstanden.
Nächte durchgemacht.
Gewicht verloren.
Gewicht gewonnen.
Menschen gehalten.
Menschen verloren.
Getanzt.
Gearbeitet.
Gefickt.
Geweint.
Geschlafen.
Zu wenig geschlafen.
Und wahrscheinlich Dinge gegessen, von denen irgendein Ernährungsguru dringend abgeraten hätte.
Dieser Körper ist kein misslungenes Restaurierungsprojekt.
Er ist Biografie.
Warum sollte ausgerechnet seine Fähigkeit zu Lust verschwinden, nur weil die Geschichte inzwischen sichtbar auf ihm steht?
4 · Und dann verändert sich tatsächlich etwas
Es wäre allerdings genauso unehrlich, so zu tun, als wäre Älterwerden lediglich eine gesellschaftliche Erfindung.
Der Körper verändert sich.
Natürlich tut er das.
Hormone verändern sich.
Haut verändert sich.
Schlaf verändert sich.
Energie verändert sich.
Manchmal verändert sich Lust.
Manchmal verschwindet sie eine Zeit lang.
Manchmal wird sie stärker.
Manchmal braucht der Körper plötzlich andere Dinge als früher.
Was mit dreißig sofort funktioniert hat, braucht mit fünfzig vielleicht Zeit.
Oder Gleitgel.
Oder Ruhe.
Oder eine andere Berührung.
Oder einen Menschen, der zuhört.
Vielleicht braucht es Medikamente, Hormone, medizinische Beratung.
Vielleicht braucht es vor allem die Erkenntnis:
Mein Körper ist nicht kaputt, nur weil er neue Bedienungsanweisungen hat.
Das ist möglicherweise die größte Zumutung der Wechseljahre.
Nicht allein die körperlichen Veränderungen.
Sondern dass wir über viele davon so wenig sprechen.
Über Hitzewallungen inzwischen schon.
Über Schlafprobleme auch.
Aber vaginale Trockenheit?
Schmerzen beim Sex?
Veränderte Erregbarkeit?
Orgasmus?
Libido?
Da wird es plötzlich leiser.
Als wäre die Sexualität einer Frau in dieser Lebensphase ohnehin nur noch ein optionales Zusatzprogramm.
Ist sie nicht.
5 · Vielleicht will ich jetzt sogar mehr
Es gibt eine Erzählung über weibliches Älterwerden, die mir wesentlich besser gefällt.
Nicht weil sie immer stimmt.
Sondern weil sie zumindest eine Möglichkeit eröffnet.
Vielleicht wird eine Frau mit zunehmendem Alter nicht weniger sexuell.
Vielleicht wird sie ehrlicher sexuell.
Vielleicht verliert sie langsam die Geduld mit Dingen, die ihr nie gefallen haben.
Mit Sex, der hauptsächlich daraus besteht, gut auszusehen.
Mit Männern, deren gesamtes erotisches Repertoire aus der Hoffnung besteht, dass Pornografie ein Fernstudium war.
Mit dem Gedanken:
Ist mein Bauch gerade flach genug?
Mit dem Reflex:
Sehe ich dabei komisch aus?
Mit der Frage:
Gefällt ihm das?
Vielleicht taucht irgendwann eine viel interessantere Frage auf:
Gefällt es mir?
Das verändert einiges.
6 · Der Luxus des Nein
Mit zwanzig wollte ich vielleicht noch gefallen.
Mit dreißig wollte ich verstanden werden.
Irgendwann entdecke ich möglicherweise den erotischen Luxus eines vollständigen Nein.
Nein, darauf habe ich keine Lust.
Nein, das möchte ich nicht.
Nein, so nicht.
Nein, heute nicht.
Nein, mit dir nicht.
Grenzen klingen zunächst nicht besonders erotisch.
Sind sie aber.
Denn ein echtes Ja braucht die Möglichkeit eines echten Nein.
Je sicherer ich weiß, was ich ablehnen kann, desto freier kann ich wählen, was ich möchte.
Vielleicht ist das eine der schönsten Seiten des Älterwerdens:
Man verliert möglicherweise ein wenig Angst davor, jemanden zu enttäuschen.
Und gewinnt dadurch Platz für die eigene Lust.
Nicht bei jeder Frau.
Nicht automatisch.
Alter macht niemanden magisch weise.
Man kann auch mit 67 noch denselben Unsinn machen wie mit 27, nur mit besseren Lesebrillen.
Aber Erfahrung kann etwas verändern.
Sie kann lehren:
Ich muss nicht alles mitmachen.
Ich muss nicht jedem gefallen.
Und ich muss nicht jede Form von Aufmerksamkeit mit Dankbarkeit beantworten.
7 · Sichtbarkeit ist kompliziert
Und trotzdem.
Da ist dieser Blick.
Oder vielmehr:
Da ist er irgendwann vielleicht weniger.
Frauen erzählen davon, mit zunehmendem Alter unsichtbar zu werden.
Männer schauen seltener.
Verkäufer übersehen sie.
Werbung spricht entweder gar nicht mehr mit ihnen oder möchte ihnen Nahrungsergänzung, Versicherungen und straffende Nachtcreme verkaufen.
Das kann befreiend sein.
Und schmerzhaft.
Beides gleichzeitig.
Denn wir können jahrzehntelang gegen die Reduktion auf unser Aussehen kämpfen und trotzdem merken, wenn die Welt plötzlich weniger hinsieht.
Das ist kein feministisches Versagen.
Es ist menschlich.
Gesehenwerden bedeutet nicht automatisch sexualisiert werden.
Es bedeutet:
Ich bin da.
Ich werde wahrgenommen.
Ich habe Wirkung.
Und wenn eine Form dieser Wirkung verschwindet, darf man darum trauern.
Man darf sogar sagen:
Ich mochte es, begehrt zu werden.
Vielleicht möchte ich es immer noch.
Das macht eine Frau nicht abhängig.
Es macht sie ehrlich.
8 · Die ältere Frau als Gefahr
Vielleicht ist eine ältere Frau, die ihre Sexualität nicht abgibt, sogar kulturell ein bisschen gefährlich.
Denn sie stört eine bequeme Ordnung.
Eine junge begehrenswerte Frau kennen wir.
Sie ist überall.
In Filmen.
Werbung.
Musikvideos.
Pornografie.
Auf Plakaten.
Sie ist kulturell so vertraut, dass wir kaum noch merken, wie allgegenwärtig sie ist.
Aber eine Frau mit fünfzig, sechzig oder siebzig, die nicht als Witz, Ausnahme oder „mutig“ erotisch ist?
Die einfach begehrt?
Und begehrt wird?
Die nicht versucht, dreißig zu spielen?
Die ihre Falten nicht als Defekt behandelt?
Die einen Körper besitzt, der eindeutig gelebt hat, und trotzdem sagt:
Dieser Körper will.
Das bringt etwas durcheinander.
Denn eine solche Frau braucht keine Erlaubnis mehr aus der Kategorie Jugend.
Sie nimmt sich ihre Sexualität zurück.
Nicht als Erinnerung.
Als Gegenwart.
9 · Ich möchte nicht „noch“ sexy sein
Das Wort „noch“ ist verräterisch.
Sie ist noch attraktiv.
Sie trägt noch kurze Röcke.
Sie hat noch lange Haare.
Sie geht noch aus.
Sie hat noch Sex.
Als würde irgendwo eine unsichtbare Uhr laufen.
Tick.
Tick.
Tick.
Bald ist Schluss.
Ich möchte nicht „noch“ sexy sein.
Ich möchte sexy sein, wenn ich mich sexy fühle.
Mit welchem Alter auch immer.
Und an anderen Tagen möchte ich in einer alten Hose auf dem Sofa liegen und überhaupt nichts Erotisches ausstrahlen außer vielleicht eine problematische Beziehung zu Chips.
Auch das ist Freiheit.
Ich schulde der Welt keine permanente Sinnlichkeit.
Aber sie darf mir meine Sinnlichkeit auch nicht aufgrund meines Geburtsjahres aberkennen.
10 · Wem gehört Schönheit?
Vielleicht müssen wir auch Schönheit neu verhandeln.
Denn wir tun oft so, als gäbe es eine objektive Skala.
Als könne man Menschen darauf irgendwo zwischen 1 und 10 einordnen.
Als wären glatte Haut, Symmetrie, Jugend und bestimmte Proportionen Naturgesetze.
Sind sie nicht.
Schönheitsideale verändern sich.
Körpermoden verändern sich.
Gesichter verändern sich.
Was wir attraktiv finden, entsteht aus Kultur, Biografie, Erfahrung und persönlichem Begehren.
Und manchmal ist es vollkommen irrational.
Zum Glück.
Denn wie langweilig wäre eine Welt, in der wir alle denselben Menschen begehren?
Ich möchte Schönheit deshalb nicht abschaffen.
Ich möchte sie vergrößern.
Ich möchte Platz für Gesichter, denen man ansieht, dass sie seit Jahrzehnten lachen.
Für Bäuche.
Für Narben.
Für graue Haare.
Für Brüste, die nicht mehr dort sitzen, wo ein Push-up-Hersteller sie gern hätte.
Für Körper, die nicht optimiert aussehen.
Sondern bewohnt.
11 · Der Körper, den jemand kennt
Vielleicht verändert sich Erotik außerdem, wenn ein Körper Geschichte mit einem anderen teilt.
Langjährige Beziehungen werden gern als Gegenstück zur Leidenschaft erzählt.
Am Anfang Begehren.
Später Alltag.
Als wäre Vertrautheit automatisch der natürliche Feind von Erotik.
Natürlich kann Routine Lust ersticken.
Aber Vertrautheit kann auch etwas anderes erzeugen.
Jemand kennt diesen Körper.
Nicht nur seine spektakulären Stellen.
Auch seine Narben.
Seine empfindlichen Stellen.
Seine Veränderungen.
Er kennt vielleicht denselben Bauch seit zwanzig Jahren in verschiedenen Versionen.
Er weiß, wo Berührung funktioniert.
Er weiß, wann nicht.
Und vielleicht liegt eine besondere Form des Begehrens genau darin:
Nicht begehrt zu werden, weil jemand die Zeichen des Alters übersieht.
Sondern von jemandem begehrt zu werden, der sie gesehen hat.
Der weiß, wie dieser Körper früher aussah.
Und trotzdem nicht in einer früheren Version lebt.
Sondern diesen Körper will.
Heute.
12 · Neue Körper, neue Blicke
Und natürlich gibt es auch das Gegenteil.
Neue Menschen.
Neue Begegnungen.
Dating nach langen Beziehungen.
Sex nach Scheidung.
Verlieben mit fünfzig.
Mit sechzig.
Mit siebzig.
Plötzlich steht da jemand, der den eigenen Körper nicht in seiner früheren Version kennt.
Der ihn genau so kennenlernt.
Das kann erschreckend sein.
Vielleicht sogar erschreckender als früher.
Weil man inzwischen sehr genau weiß, was sich verändert hat.
Man sieht jedes Detail.
Und stellt sich vor, der andere würde ebenfalls eine Inventur durchführen.
Tut er meistens nicht.
Begehren arbeitet erstaunlich selten mit Tabellenkalkulation.
Ein Mensch, der dich begehrt, liegt normalerweise nicht neben dir und denkt:
Hervorragende Persönlichkeit, allerdings zwei Punkte Abzug für Hautelastizität.
Und wenn doch, sollte er vermutlich seine Hose wieder anziehen und gehen.
13 · Lust ist kein Schönheitswettbewerb
Das vergessen wir erstaunlich oft.
Sex ist keine Belohnung für Attraktivität.
Lust muss nicht verdient werden.
Ein Körper muss keine Prüfung bestehen, bevor er berührt werden darf.
Man muss nicht dünn genug sein.
Nicht jung genug.
Nicht straff genug.
Nicht rasiert genug.
Nicht trainiert genug.
Lust entsteht nicht erst, wenn der Körper gesellschaftlich genehmigt wurde.
Und vielleicht ist das eine Erkenntnis, die mit den Jahren leichter werden kann:
Mein Körper muss nicht perfekt aussehen, um intensiv fühlen zu können.
Die Haut muss nicht glatt sein, um Gänsehaut zu bekommen.
Ein Bauch muss nicht flach sein, um sich vor Lust anzuspannen.
Eine Falte verhindert keinen Orgasmus.
Das klingt banal.
Aber vielleicht müssen wir banale Dinge manchmal so lange wiederholen, bis der Körper sie glaubt.
14 · Pornografie und die verschwundene Frau
Schauen wir uns einmal an, welche Körper uns kulturell als sexuell gezeigt werden.
Es gibt Ausnahmen.
Aber die Hauptrolle gehört noch immer auffällig häufig der Jugend.
Das prägt.
Nicht nur Männer.
Auch Frauen.
Wenn ich jahrzehntelang fast ausschließlich junge Körper als erotische Körper sehe, beginne ich vielleicht irgendwann, meinen eigenen alternden Körper aus derselben Perspektive zu betrachten.
Als wäre er aus dem Bild gerutscht.
Deshalb brauchen wir andere Bilder.
Andere Geschichten.
Andere Romane.
Filme.
Fotografie.
Kunst.
Nicht als pädagogische Maßnahme.
Nicht mit dem Untertitel:
„Seht her, ältere Menschen haben überraschenderweise ebenfalls Sex.“
Sondern einfach als Teil menschlicher Sexualität.
Ohne Erklärung.
Ohne Mutigkeitsmedaille.
Ohne „für ihr Alter“.
15 · Die Wechseljahre sind kein erotischer Abspann
Das möchte ich gern sehr deutlich sagen.
Menopause bedeutet nicht:
THE END
Abspann.
Danke fürs Mitspielen.
Weibliche Sexualität ist biologisch und psychologisch sehr viel komplexer als Fortpflanzung.
Und vielleicht ist gerade diese Lebensphase eine Gelegenheit, Sexualität neu zu betrachten.
Was will mein Körper jetzt?
Was funktioniert anders?
Was brauche ich?
Was möchte ich ausprobieren?
Was möchte ich nie wieder?
Vielleicht braucht es medizinische Unterstützung.
Vielleicht braucht es Gespräche.
Vielleicht braucht es Mut.
Vielleicht braucht es schlicht mehr Zeit.
Aber die Vorstellung, Lust müsse automatisch verschwinden, nur weil die Fruchtbarkeit endet, reduziert weibliche Sexualität auf eine biologische Funktion, gegen die Frauen seit Jahrzehnten anschreiben.
Wir dürfen Sex wollen, ohne Kinder zu wollen.
Warum sollten wir damit aufhören, sobald Kinder biologisch keine Option mehr sind?
16 · Vielleicht beginnt die unanständige Zeit erst jetzt
Vielleicht ist das die eigentliche Pointe.
Wir behandeln Jugend als Höhepunkt der Freiheit.
Aber vielleicht war ich damals gar nicht so frei.
Vielleicht war ich viel beschäftigter damit, richtig auszusehen.
Richtig zu reagieren.
Richtig begehrt zu werden.
Vielleicht habe ich mich gefragt, ob mein Körper gefällt, statt zu fragen, was ihm gefällt.
Vielleicht war ich mutiger und gleichzeitig unsicherer.
Und vielleicht verändert sich das.
Nicht automatisch.
Aber möglicherweise.
Vielleicht beginnt irgendwann eine Phase, in der weniger Menschen bestimmen dürfen, wer ich sein soll.
Und genau das kann ziemlich erotisch sein.
Denn Lust braucht Raum.
Und Raum entsteht manchmal dort, wo Erwartungen verschwinden.
17 · Ich werde nicht verschwinden
Ich werde älter.
Hoffentlich.
Die Alternative ist ausgesprochen unattraktiv.
Mein Gesicht wird sich verändern.
Mein Körper auch.
Es werden neue Linien kommen.
Vielleicht neue Narben.
Vielleicht wird manches schwieriger.
Anderes leichter.
Aber ich weigere mich, meinen Körper schon heute zu betrauern, weil er morgen anders aussehen wird.
Und ich weigere mich, so zu tun, als müsste mit Jugend automatisch Begehren verschwinden.
Ich bin nicht weniger Körper, weil dieser Körper älter wird.
Ich bin nicht weniger Frau.
Nicht weniger sichtbar.
Nicht weniger sinnlich.
Nicht weniger hungrig.
Vielleicht werde ich sogar hungriger.
Nach Leben.
Nach Berührung.
Nach Menschen.
Nach Ehrlichkeit.
Nach Dingen, für die ich früher zu vorsichtig war.
18 · Die unanständige Frau
Vielleicht ist die unanständige Frau gar nicht diejenige mit dem tiefsten Ausschnitt.
Vielleicht ist sie diejenige, die sich weigert, zur richtigen Zeit unsichtbar zu werden.
Die mit fünfzig sagt:
Ich will.
Die mit sechzig sagt:
Schau mich an.
Die mit siebzig sagt:
Fass mich hier an.
Die nicht dankbar dafür ist, „noch gut auszusehen“.
Die sich nicht entschuldigt, wenn sie begehrt.
Die sich nicht entschuldigt, wenn sie nicht begehrt.
Die ihren Körper nicht als verblassende Erinnerung an Jugend betrachtet.
Sondern als Gegenwart.
Vielleicht trägt sie Lippenstift.
Vielleicht Wanderschuhe.
Vielleicht beides.
Vielleicht schläft sie allein.
Vielleicht mit einem Menschen seit dreißig Jahren.
Vielleicht mit einem Menschen, dessen Nachnamen sie morgen früh erst googeln muss.
Das geht uns nichts an.
Genau das ist der Punkt.
Ihre Lust gehört ihr.
19 · Komm näher
Ich möchte nicht zurück.
Nicht in meinen Körper mit zwanzig.
Nicht in mein Gesicht mit dreißig.
Nicht in eine Zeit, in der ich weniger wusste.
Ich möchte diesen Körper.
Vielleicht nicht jeden Tag.
Manchmal streite ich mit ihm.
Manchmal sehe ich Dinge im Spiegel, die ich gern anders hätte.
Selbstliebe ist schließlich keine religiöse Erleuchtung, nach der man morgens aufwacht und fortan jede Delle mit Dankbarkeit begrüßt.
Aber dieser Körper ist meiner.
Jetzt.
Und wenn du ihn ansiehst, dann sieh ihn an.
Nicht die Frau, die ich einmal war.
Nicht die jüngere Version, die du dir vorstellen kannst.
Nicht die Person, die ich laut irgendeiner gesellschaftlichen Tabelle sein sollte.
Mich.
Hier.
Mit allem, was die Jahre hinterlassen haben.
Mit allem, was sie mir genommen haben.
Und mit allem, was sie mir gegeben haben.
Vielleicht schaue ich zurück.
Vielleicht komme ich näher.
Vielleicht auch nicht.
Aber glaube bloß nicht, ich wäre aus der Geschichte verschwunden.
Sie wird gerade erst interessant.
Zuckerkern & Sturm ist ein Raum für Textkörper. Für Lüste, die denken, und Gedanken, die begehren.
Eine Kolumne über Körper, Macht, Scham, Fantasie, Alter, Sichtbarkeit und all die Stellen, an denen eine einfache Antwort verdächtig wird.
Hier muss weibliche Lust weder hübsch noch pädagogisch wertvoll sein.
Sie darf widersprüchlich sein.
Sie darf sich verändern.
Sie darf verschwinden und wiederkommen.
Und vor allem darf sie älter werden.
Denn vielleicht liegt genau darin etwas ungeheuer Befreiendes:
Wir müssen nicht versuchen, für immer jung zu bleiben.
Wir müssen nur aufhören zu glauben, dass Leben, Schönheit und Begehren ausschließlich der Jugend gehören.
– Haselnusskrokant
Bisher in dieser Kolumne
- Zuckerkern & Sturm Vol.1 – Lust, die sich nicht entschuldigt
- Zuckerkern & Sturm Vol.2 – Blut, Biss und Begehren
- Zuckerkern & Sturm Vol.3 – Das Recht, angesehen zu werden
Weiterführende Literatur & Denkräume:
- Simone de Beauvoir: Das Alter
- Susan Sontag: The Double Standard of Aging
- bell hooks: All About Love
- Audre Lorde: Uses of the Erotic: The Erotic as Power
- Mona Chollet: Hexen. Die unbesiegte Macht der Frauen
- Mithu Sanyal: Vulva. Die Enthüllung des unsichtbaren Geschlechts
- Liv Strömquist: Der Ursprung der Liebe / Im Spiegelsaal
- Miranda July: Auf allen vieren
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