Kernstück · Gedichtkarten zum Nachspüren · Teil 2 von 4
Über Freude spricht man gern. Über Dankbarkeit auch. Aber wann hast du zuletzt jemandem erzählt, dass du neidisch warst? Dass du dich geschämt hast? Dass da manchmal einfach nur Leere ist?
Die meisten von uns haben früh gelernt, welche Gefühle willkommen sind und welche besser im Keller bleiben. Nur: Im Keller verschwinden sie nicht. Sie warten.
24 Gefühle, die gehört werden wollen
Die Schatten, die wir tragen ist meine zweite Kollektion. Sie gibt 24 dieser Kellergefühle ein Gedicht, eine Botschaft und eine Frage: Wut, Trauer, Angst, Scham, Eifersucht, Groll, Erschöpfung, Selbstzweifel, Heimweh, Taubheit, Schweigen und noch einige mehr.
Ich habe meine Wut versteckt
Die Wut, die ich behielt
unter schönen Manieren.
Ich schenkte ihr Blumen.
Ich lehrte sie Geduld.
Ich nannte sie Verständnis.
Bis ich eines Morgens
entdeckte,
dass selbst das sanfteste Herz
eine Tür braucht,
die es schließen kann.
Es geht nicht darum, diese Gefühle wegzumachen. Es geht darum, sie einmal anzusehen, ohne gleich wegzuschauen. Oft steckt in ihnen eine Nachricht. Die Wut zeigt eine Grenze. Der Neid zeigt eine Sehnsucht. Die Erschöpfung zeigt, wie lange wir schon tragen.
Eisblau, Grau und Gold
Optisch sind die Karten ruhig gehalten: dunkles Eisblau mit Gold, feine Linienmotive – ein Spiegel, eine Laterne, ein Wasserglas, ein Keimling. Die Gedichtkarten sind hell, damit man sie gut lesen kann, auch an einem dunklen Abend.
So kannst du mit den Karten arbeiten
- Tageskarte: Zieh eine Bildkarte und frag dich, wo dir dieses Gefühl gerade begegnet.
- Schreiben: Lies das Gedicht, dann die Frage, und schreib fünf Minuten lang.
- Drei Karten: Was ich gerade trage · Was es mir sagen will · Was ich loslassen darf.
Wie die Kollektion entstanden ist
Nach den Frauen in uns wollte ich dorthin schauen, wo es unbequem wird. Die Liste der 24 Gefühle ist lang gewachsen und wieder geschrumpft. Manche Gefühle haben es nicht hineingeschafft, weil sie zu nah an anderen lagen. Andere, wie Taubheit oder Unruhe, kamen spät dazu, weil ich merkte, wie oft sie übersehen werden, gerade weil sie so leise sind.
Für die Bilder habe ich bewusst auf Gesichter verzichtet. Stattdessen gibt es einfache Linienmotive: eine Rose für die Wut, einen Mantel für die Trauer, ein Wasserglas, eine Sanduhr, ein Kontobuch für den Groll, einen Wecker für die Unruhe, einen Faden für das Schweigen. Die Bildkarten sind eisblau und grau, die Gedichtkarten hell, damit sich das Deck nicht zu schwer anfühlt. Auch diese Kollektion gibt es auf Deutsch, Englisch und Französisch.
Alle 24 Gefühle im Überblick
Damit du einen Eindruck bekommst, hier alle 24 Motive von Die Schatten, die wir tragen mit der Botschaft, die auf ihrer Bildkarte steht:
- Die Wut, die ich behielt: Meine Wut ist kein Fehler in meiner Freundlichkeit. Sie ist der Teil von mir, der weiß, wo ich aufhöre.
- Trauer: Meine Trauer muss nicht fertig werden. Sie ist Liebe, die noch einen Ort sucht.
- Angst: Meine Angst darf mitkommen. Nur die Richtung bestimmt sie nicht.
- Scham: Scham ist nicht die Wahrheit über mich. Sie ist das Echo von Stimmen, die mich kleiner wollten.
- Sehnsucht: Meine Sehnsucht ist kein Mangel. Sie zeigt, was in mir leben will.
- Verletzlichkeit: Meine Weichheit ist keine Schwäche. Sie ist die Tür, durch die Nähe möglich wird.
- Einsamkeit: Mit mir allein zu sein ist kein Verlassenwerden. Es ist der Ort, an dem ich mir endlich selbst Gesellschaft leiste.
- Enttäuschung: Meine Enttäuschung ist kein Scheitern. Sie ist der Moment, in dem ich aufhöre zu warten und anfange zu sehen.
- Eifersucht: Meine Eifersucht ist kein Beweis von Liebe. Sie zeigt mir, wo ich in mir selbst noch Sicherheit brauche.
- Neid: Mein Neid ist keine Missgunst. Er zeigt auf einen Wunsch, den ich mir noch nicht erlaubt habe.
- Schuld: Schuld kann mir zeigen, wo ich etwas wiedergutmachen will. Über meinen Wert entscheidet sie nicht.
- Bitterkeit: Meine Bitterkeit ist eine Wunde, die kalt geworden ist. Ich darf sie loslassen, bevor ich ganz vergeben habe.
- Reue: Meine Reue ist kein Urteil. Sie ist eine Lehrerin, die will, dass ich jetzt mutiger lebe.
- Erschöpfung: Meine Erschöpfung ist keine Schwäche. Sie ist mein Körper, der mich bittet, zu mir nach Hause zu kommen.
- Groll: Mein Groll ist eine Grenze, die ich noch nicht ausgesprochen habe. Wenn ich sie sage, kann daraus Klarheit werden.
- Ohnmacht: Ich kann nicht alles tragen. Aber eine kleine, freundliche Sache kann ich immer tun.
- Selbstzweifel: Mein Zweifel darf Fragen stellen. Meine Arbeit hat trotzdem das Recht zu existieren.
- Leere: Meine Leere ist kein Nichts. Sie ist Raum, der auf etwas Wahres wartet.
- Heimweh: Mein Heimweh zeigt mir, was mir Geborgenheit schenkt. Dieses Gefühl kann ich überall wachsen lassen, wo ich bin.
- Verrat: Der Verrat sagt etwas über die Entscheidungen des anderen, nicht über den Wert meines Vertrauens.
- Zurückweisung: Eine Zurückweisung ist ein Nein zu einem Weg, nicht zu dem, wer ich bin.
- Taubheit: Meine Taubheit ist nicht das Ende meiner Gefühle. Sie ist ein Schutz, der langsam tauen darf.
- Unruhe: Meine Unruhe kann ein Ruf sein oder eine Flucht. Ich darf herausfinden, was sie ist, bevor ich losgehe.
- Schweigen: Mein Schweigen darf mich schützen. Es muss mich nicht unsichtbar machen.
Zwei weitere Gedichte aus der Kollektion
Ich trug meine Müdigkeit
Erschöpfung
wie eine Medaille,
als Beweis, dass ich
alle und alles getragen hatte.
Ich sagte Ja
mit meinem letzten Atem
und wunderte mich,
warum mein Herz so still war.
Die Erschöpfung schrie nicht.
Sie setzte sich einfach
mitten in mein Leben
und weigerte sich zu gehen.
Zum ersten Mal ließ ich sie.
Ich legte mich neben sie,
und in dieser Stille
hörte ich meinen Körper
das eine Wort sagen,
das ich vergessen hatte:
genug.
An manchen Tagen fühle ich mich
Leere
wie ein Haus nach dem Umzug:
die Wände kahl,
die Räume hallen,
nichts mehr zum Festhalten.
Früher füllte ich es schnell
mit Lärm, mit Arbeit,
mit jedem, der blieb.
Heute gehe ich langsam hindurch,
barfuß auf kalten Dielen,
und lerne,
dass leer nicht dasselbe ist
wie nichts.
Ein leerer Raum
ist ein Raum,
der bereit ist
für das, was ich als Nächstes wähle.
Für wen sind die Karten?
Die Karten sind für alle, die müde sind vom Funktionieren. Für die, die oft hören, sie sollen „positiv denken“, und dabei merken, dass etwas in ihnen gar nicht positiv ist und trotzdem gesehen werden will. Für Frauen, die gern schreiben, um zu verstehen, was in ihnen vorgeht.
Sie sind auch ein leises Geschenk für eine Freundin, die gerade durch etwas Schweres geht – nicht als Lösung, sondern als Zeichen: Du darfst fühlen, was du fühlst. Wenn ein Gefühl allerdings übermächtig wird, sind Gedichte nicht genug. Dann gehören Menschen dazu, die dich begleiten.
Sechs Ideen für den Alltag
- Wenn ein Gefühl dich überrollt, such die passende Karte heraus und lies nur das Gedicht. Nicht mehr.
- Halte im Journal fest, welches Gefühl dir in dieser Woche am häufigsten begegnet ist.
- Zieh am Sonntagabend eine Karte und frag dich, wo dieses Gefühl in der vergangenen Woche versteckt war.
- Leg die Karte „Erschöpfung“ dorthin, wo du sie siehst, wenn du wieder zu viel zusagen willst.
- Lies einer vertrauten Person ein Gedicht vor und erzähl, warum es dich getroffen hat.
- Schreib dem Gefühl selbst einen kurzen Brief – was es dir gebracht hat und was es jetzt gehen lassen darf.
Fünf Fragen zum Weiterschreiben
Jede Reflexionskarte endet mit einer Frage. Hier sind fünf davon – vielleicht magst du eine gleich heute beantworten:
- Was würde sich ändern, wenn ich nicht mehr versuchte, über meine Trauer hinwegzukommen, sondern mit ihr zu leben?
- Wessen Stimme höre ich eigentlich, wenn ich mich für mich selbst schäme?
- Was beneide ich an anderen, das ich mir selbst noch nicht zu geben gewagt habe?
- Welches Ja in meinem Leben kostet mich die Kraft, die ich für mich selbst brauche?
- Welche Stille schenkt mir Frieden, und welches Schweigen hält mich davon ab, gehört zu werden?
So werden die Karten schön
Am schönsten werden die Karten auf festem, mattem Papier mit 250 bis 300 g/m². Drucke die Bögen in Originalgröße (100 %, nicht „an Seite anpassen“) und schneide entlang der Schnittmarken. Jede Karte misst 70 × 120 mm, also etwas schmaler als eine Postkarte und gut in der Hand. Für Kartenrückseiten druckst du den Rückseitenbogen auf die Rückseite der Kartenbögen; bei vielen Druckern hilft es, vorher einen Probebogen auf normalem Papier zu machen.
Wer keinen guten Drucker hat, gibt die einzelnen JPG-Dateien (300 dpi) einfach im Copyshop oder bei einem Fotodienst ab. Das Journal druckt sich in A4 oder verkleinert in A5, zwei Seiten auf einem Blatt. Du kannst es auch digital ausfüllen, zum Beispiel auf dem Tablet in GoodNotes.
Zum Ausdrucken
- Die Schatten, die wir tragen – Complete Deck: 72 Karten zum Ausdrucken, 14,90 €
- Die Schatten, die wir tragen – Journal: 51 Seiten zum Schreiben, 6,90 €
- Die Schatten, die wir tragen – Paket: Deck und Journal zusammen, 17,90 €
Im Journal bekommt jedes Gefühl eine Doppelseite und am Ende eine Seite für das, was du loslassen darfst.
Häufige Fragen
Bekomme ich gedruckte Karten nach Hause?
Nein, es handelt sich um einen digitalen Download. Nach dem Kauf lädst du die Dateien sofort herunter und druckst sie selbst oder im Copyshop. Es wird nichts verschickt.
Wie oft darf ich die Karten ausdrucken?
So oft du möchtest – für dich selbst. Wenn eine Karte kaputtgeht oder du ein zweites Set für die Handtasche willst, druckst du sie einfach neu. Weitergeben oder verkaufen darfst du die Dateien nicht.
Brauche ich Deck und Journal?
Nein, beides funktioniert für sich. Das Deck ist zum Ziehen und Nachspüren, das Journal zum Schreiben. Zusammen ergänzen sie sich, deshalb gibt es sie auch als Paket.
Ist das ein Coaching-Programm?
Nein. Es sind Gedichte mit einer Botschaft und einer Frage. Sie können dich begleiten und anstoßen, aber sie ersetzen keine Beratung und keine Therapie.
Muss ich mit „Die Schatten, die wir tragen“ anfangen?
Nein. Die vier Kollektionen erzählen zusammen einen Weg – Kraft, Gefühle, Wachstum, Stimme –, aber jede steht für sich. Fang dort an, wo du gerade bist.
Die Reise in vier Kollektionen: Kraft (Die Frauen in uns) · Gefühle (Die Schatten, die wir tragen) · Wachstum (Die Frau, die ich werde) · Stimme (Briefe meines ungezähmten Selbst).
Die Karten sind Gedichte zum Nachspüren, kein Coaching und keine Therapie. Wenn es dir über längere Zeit schwer geht, hol dir bitte Unterstützung – bei Menschen, denen du vertraust, oder bei Fachleuten.
Noch mehr von DUNKELROT
Wenn dich diese Karten berührt haben …




