Warum wir Geschichten brauchen: Über Bücher, Erinnerungen und die Welten, die uns tragen

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Menschen erzählen Geschichten.

Wir tun das ständig.

Nicht nur Autor:innen.

Nicht nur Schriftsteller:innen.

Alle.

„Weißt du noch, damals …“

Geschichte.

„Du glaubst nicht, was heute passiert ist.“

Geschichte.

„Als ich klein war …“

Geschichte.

Selbst wenn jemand sagt:

„Ich erzähle dir ganz kurz, was passiert ist“,

wissen wir meistens, dass das optimistisch formuliert ist.

Menschen können kaum anders.

Wir sortieren die Welt in Geschichten.

Anfang.

Ereignis.

Bedeutung.

Vielleicht sogar ein Ende.

Das Leben selbst ist viel chaotischer.

Es passiert einfach.

Geschichten machen daraus etwas, das wir verstehen können.

Vielleicht brauchen wir sie deshalb so dringend.

Illustration auf dunkelrotem Grund: eine Frau mit langen dunklen Haaren sitzt im Schneidersitz und liest ein großes altes Buch, aus dessen Seiten ein kleines Schloss, ein Boot, ein Fuchs, Blätter, Sterne und ein Mond aufsteigen, daneben ein Bücherstapel, das Gesicht ohne Züge

Geschichten sind älter als Bücher

Bevor Menschen Romane hatten, erzählten sie.

Am Feuer.

In Familien.

Dörfern.

Gemeinschaften.

Mythen.

Märchen.

Warnungen.

Erinnerungen.

Erklärungen.

Warum ist der Himmel so?

Warum sterben Menschen?

Wer sind wir?

Wo kommen wir her?

Was darf man?

Was passiert, wenn man es trotzdem tut?

Geschichten waren Unterhaltung.

Aber auch Gedächtnis.

Gesetz.

Religion.

Unterricht.

Geschichte.

Vielleicht war Erzählen eine der ersten Technologien der Menschheit.

Nur ohne Ladekabel.

Wir erinnern uns in Geschichten

Das Gedächtnis ist kein Archiv.

Leider.

Es wäre manchmal praktisch.

Ordner.

Datum.

Datei öffnen.

Stattdessen erinnern wir Szenen.

Gerüche.

Sätze.

Gefühle.

Und erzählen sie später.

Dabei verändert sich Erinnerung.

Wir lassen Dinge weg.

Betonen andere.

Vielleicht erzählen wir dieselbe Geschichte zwanzig Jahre lang.

Und irgendwann ist die Erzählung fast stabiler als das ursprüngliche Ereignis.

Das ist faszinierend.

Und ein bisschen beunruhigend.

Familien bestehen aus Geschichten

„Dein Opa hat immer …“

„Als deine Mutter klein war …“

„Damals bei der Hochzeit …“

Familien erzählen sich selbst.

Manche Geschichten werden immer wiederholt.

Andere nie.

Auch Schweigen ist Teil einer Familiengeschichte.

Vielleicht sogar besonders stark.

Das, worüber niemand spricht, verschwindet nicht automatisch.

Manchmal hängt es nur unsichtbar im Raum.

Geschichten sagen uns, wer wir sind

Ich bin die, die …

So beginnen viele Identitäten.

Ich bin die Vernünftige.

Die Chaotische.

Die Starke.

Die, die immer hilft.

Die, die allein klarkommt.

Die, die nie Glück hat.

Das sind Geschichten.

Manche helfen.

Andere sperren ein.

Vielleicht ist Erwachsenwerden auch die Fähigkeit, die eigene Geschichte irgendwann neu zu lesen.

Stimmt das noch?

Oder wiederhole ich nur einen sehr alten Satz?

Bücher geben uns andere Leben

Das ist für mich eines der größten Wunder des Lesens.

Ich sitze irgendwo.

Sofa.

Bett.

Zug.

Und plötzlich bin ich in einem anderen Leben.

Nicht vollständig.

Natürlich.

Aber genug.

Andere Stadt.

Andere Zeit.

Anderer Körper.

Andere Familie.

Vielleicht ein Mensch, dessen Leben meinem überhaupt nicht ähnelt.

Für ein paar Stunden darf ich hinein.

Literatur ist eine der elegantesten Formen von Grenzüberschreitung.

Man muss dafür nicht einmal Schuhe anziehen.

Lesen ist Probehandeln

Eine Figur trifft eine Entscheidung.

Ich denke:

Nein.

Mach das nicht.

Sie macht es natürlich trotzdem.

Sonst wäre der Roman nach Seite 37 vorbei.

Und ich sehe, was passiert.

Bücher lassen uns Leben ausprobieren.

Trennung.

Neuanfang.

Verlust.

Liebe.

Flucht.

Mut.

Feigheit.

Man kann Konsequenzen erleben, ohne selbst die Rechnung zu bezahlen.

Sehr komfortabel.

Deshalb brauchen wir komplizierte Figuren

Ich mag keine Figuren, die nur Vorbilder sind.

Menschen sind keine pädagogischen Schaubilder.

Interessant wird es, wenn jemand widersprüchlich ist.

Etwas Falsches tut.

Sich selbst belügt.

Mutig ist und feige.

Liebevoll und egoistisch.

So sind Menschen.

Vielleicht erkennen wir uns gerade dort wieder, wo eine Figur nicht perfekt ist.

Geschichten können Dinge sagen, die Sachtexte nicht können

Ein Sachbuch kann erklären:

Trauer verläuft nicht linear.

Ein Roman kann mir zeigen, wie jemand morgens Kaffee kocht und für drei Sekunden vergisst, dass ein Mensch tot ist.

Dann erinnert er sich.

Das ist etwas anderes.

Information und Erfahrung sind nicht dasselbe.

Geschichten machen abstrakte Dinge konkret.

Nicht:

Einsamkeit.

Sondern:

Eine Frau deckt versehentlich noch zwei Teller.

Nicht:

Armut.

Sondern:

Ein Kind behauptet in der Schule, keinen Hunger zu haben.

Plötzlich bekommt ein Begriff einen Körper.

Geschichten schaffen Empathie, aber nicht automatisch

Ich bin vorsichtig mit dem Satz:

„Lesen macht empathisch.“

Es gibt genügend belesene Menschen, die trotzdem ausgesprochen unangenehm sind.

Literatur ist kein moralisches Waschprogramm.

Aber sie kann Perspektiven öffnen.

Sie zwingt uns manchmal, länger bei einem Menschen zu bleiben, den wir im echten Leben vielleicht vorschnell beurteilt hätten.

Das ist wertvoll.

Warum ich Rezensionen schreibe

Vielleicht steckt genau darin mein Blog seit all den Jahren.

Natürlich schreibe ich darüber, ob mir ein Buch gefallen hat.

Aber eine Rezension ist für mich selten nur:

Plot.

Stil.

Bewertung.

Mich interessiert:

Was hat das mit mir gemacht?

Woran hat es mich erinnert?

Welche Frage bleibt?

Welche andere Geschichte hängt daran?

Deshalb passt DUNKELROT wahrscheinlich nie vollständig in eine nüchterne Literaturdatenbank.

Zum Glück.

Bücher führen zu anderen Büchern

Das liebe ich.

Ein Roman erwähnt einen Klassiker.

Eine Autorin verweist auf eine andere.

Ein Thema zieht sich weiter.

Plötzlich entstehen kleine Wege durchs Lesen.

Trauer.

Weibliche Wut.

Freundschaft.

Wechseljahre.

Mütter und Töchter.

Einsamkeit.

Neuanfänge.

Und irgendwann merkt man:

Das sind nicht einfach einzelne Rezensionen.

Sie sprechen miteinander.

Ein paar dieser Wege:

Deshalb mag ich Sammelartikel

Sie machen aus einem Archiv wieder ein Gespräch.

Ein Blog mit über Jahren gewachsenen Beiträgen ist ein bisschen wie ein Haus.

Man kennt nicht mehr jede Schublade.

Manche Texte verschwinden hinten.

Dabei sind sie noch gut.

Vielleicht brauchen sie nur eine neue Tür.

Genau das leisten solche Kernstücke.

Sie sagen:

Hier gehören diese Geschichten zusammen.

Geschichten über Trauer

Menschen erzählen seit immer über Tod.

Märchen.

Mythen.

Religion.

Romane.

Warum?

Weil Tod nicht erklärbar ist.

Man kann biologisch erklären, was passiert.

Das beantwortet aber nicht die eigentliche Frage.

Wie lebt man weiter, wenn jemand fehlt?

Dafür brauchen wir Geschichten.

Nicht als Lösung.

Sondern als Begleitung.

Diese Geschichten habe ich in Bücher über Tod, Trauer und Abschied gesammelt.

Geschichten über Liebe

Auch absurd.

Wir wissen seit Jahrhunderten ungefähr, wie Liebesgeschichten funktionieren.

Menschen treffen sich.

Etwas steht im Weg.

Sie kommen zusammen.

Oder nicht.

Und wir lesen sie immer wieder.

Warum?

Weil keine Liebe identisch ist.

Und weil Menschen offenbar nie müde werden, zu beobachten, wie andere Menschen sich kompliziert verhalten, sobald Gefühle beteiligt sind.

Vollkommen verständlich.

Geschichten über Freundschaft

Romantische Liebe bekommt kulturell viel Platz.

Freundschaft weniger.

Dabei tragen Freundschaften oft ganze Leben.

Vielleicht brauchen wir deshalb auch mehr Geschichten darüber.

Menschen, die bleiben.

Oder gehen.

Oder nach Jahren wiederkommen.

Einige davon stehen in Freundschaften im Erwachsenenleben.

Geschichten über Wut

Besonders weibliche Wut ist literarisch interessant.

Jahrhundertelang durften Frauen in Geschichten leiden.

Sterben.

Warten.

Lieben.

Aber Wut?

Schwieriger.

Heute gibt es immer mehr Bücher, in denen Frauen nicht mehr freundlich bleiben.

Ich lese das sehr gern.

Vielleicht weil Geschichten Räume öffnen, in denen Gefühle möglich werden, die im Alltag sofort bewertet würden.

Meine Sammlung dazu: Weibliche Wut: Bücher über Frauen, die nicht mehr nett sein wollen.

Geschichten über Neuanfang

Wir lieben sie.

Vielleicht weil sie Hoffnung enthalten.

Der Gedanke:

Ein Leben ist nicht fertig.

Es kann sich ändern.

Natürlich ist das in Büchern oft eleganter als in der Realität.

Romanfiguren müssen erstaunlich selten Steuerformulare ausfüllen.

Aber die Idee bleibt.

Mehr davon in Neuanfang mit 40, 50 oder später.

Märchen sind nicht harmlos

Kinder bekommen Geschichten erzählt, in denen Menschen verschwinden, Tiere sprechen, Hexen Kinder essen wollen und Wälder grundsätzlich schlechte Organisationsbedingungen haben.

Und trotzdem überleben sie.

Märchen sind dunkel.

Vielleicht weil Kinder ebenfalls wissen, dass die Welt nicht nur sicher ist.

Geschichten geben Angst Form.

Wolf.

Hexe.

Wald.

Drache.

Etwas, das benannt werden kann.

Kinderbücher machen das bis heute

Gute Kinderliteratur spricht über große Dinge.

Tod.

Angst.

Freundschaft.

Anderssein.

Familie.

Vielleicht direkter als Erwachsenenliteratur.

Geschichten sind Erinnerungsspeicher

Manche Bücher weiß ich nicht mehr vollständig.

Aber ich weiß, wo ich sie gelesen habe.

Wie alt ich war.

Welche Phase.

Vielleicht sogar, wer damals in meinem Leben war.

Bücher speichern nicht nur ihre eigene Geschichte.

Sie speichern unsere.

Dasselbe macht Musik

Ein Lied kann eine ganze Zeit zurückholen.

Drei Töne.

Und da ist alles.

Vielleicht sind Geschichten und Musik deshalb verwandt.

Beide bewegen sich in der Zeit.

Und beide können Zeit wieder öffnen.

Wir erzählen uns selbst sogar über Musik

„Unser Lied.“

„Das Lied aus meinem Abi-Jahr.“

„Das lief damals immer.“

Das ist Storytelling.

Wir kleben Ereignisse an Kunst.

Und plötzlich wird Kunst Teil der eigenen Biografie.

Warum Serien so gut funktionieren

Menschen lieben Serien nicht nur wegen Cliffhangern.

Wir leben länger mit Figuren.

Sie werden vertraut.

Fast lächerlich vertraut.

Man weiß, wie eine fiktive Figur reagieren würde.

Dabei existiert sie nicht.

Das Gehirn scheint sich davon nur begrenzt beeindrucken zu lassen.

Nähe kann offenbar auch erzählt werden.

Deshalb kann das Ende eines Buches traurig machen

Man klappt es zu.

Und ist plötzlich wieder im eigenen Zimmer.

Es ist erstaunlich.

Nichts ist passiert.

Niemand ist wirklich gegangen.

Und trotzdem fehlt etwas.

Das zeigt, wie stark Geschichten wirken können.

Geschichten geben Chaos eine Form

Das echte Leben hat selten Dramaturgie.

Menschen sterben mitten im Satz.

Beziehungen enden ohne gute Erklärung.

Manche Dinge werden nie geklärt.

Geschichten ordnen.

Nicht immer mit Happy End.

Aber meistens mit einem Ende.

Das ist beruhigend.

Vielleicht deshalb mögen wir Krimis

Ein Verbrechen.

Chaos.

Dann Untersuchung.

Spuren.

Wahrheit.

Am Ende wissen wir.

Das echte Leben bietet diese Ordnung nicht immer.

Krimis tun es häufiger.

Vielleicht ist das ihr heimlicher Trost.

Horror macht etwas Ähnliches

Angst bekommt Gestalt.

Haus.

Monster.

Geist.

Täter:in.

Etwas ist gefährlich.

Man kann das Buch schließen.

Sehr praktisch.

Passend dazu: Grusel, Geister und dunkle Geheimnisse: Bücher für Halloween und lange Herbstnächte.

Geschichten können gefährlich sein

Natürlich.

Propaganda besteht ebenfalls aus Geschichten.

Wir gegen die.

Der Held.

Der Feind.

Das goldene Gestern.

Menschen sind für Narrative empfänglich.

Deshalb sollten wir nicht nur Geschichten lieben.

Sondern lernen, sie zu erkennen.

Wer erzählt?

Wer fehlt?

Wem nützt diese Version?

Jede Geschichte hat einen Blickwinkel

Das lernen wir spätestens, wenn zwei Familienmitglieder dasselbe Ereignis erzählen.

Man fragt sich kurz, ob beide überhaupt anwesend waren.

Perspektive verändert alles.

Literatur macht das sichtbar.

Dieselbe Situation kann aus einer anderen Sicht vollständig anders aussehen.

Eine nützliche Übung fürs echte Leben.

Geschichten helfen uns, andere Möglichkeiten zu denken

Science-Fiction.

Dystopien.

Utopien.

Fantasy.

Aber eigentlich jede Literatur.

Was wäre, wenn?

Eine der wichtigsten Fragen überhaupt.

Denn bevor etwas Neues entstehen kann, muss jemand sich vorstellen können, dass es anders sein könnte.

Vielleicht ist Fantasie deshalb politischer, als sie aussieht.

Geschichten und KI

Heute kann künstliche Intelligenz Geschichten produzieren.

Schnell.

Viel.

Teilweise erstaunlich gut.

Das wirft interessante Fragen auf.

Was macht eine Geschichte menschlich?

Nur ihre Entstehung?

Oder die Erfahrung dahinter?

Ich glaube, KI kann Struktur.

Stil.

Varianten.

Sie kann Texte erzeugen.

Aber eine Erinnerung hat sie nicht.

Sie weiß nicht, wie ein bestimmter Sommer gerochen hat.

Sie hat keinen Vater verloren.

Keine erste Liebe gehabt.

Keine Freundin vermisst.

Das macht einen Unterschied.

Aber Leser:innen bringen ebenfalls Leben mit

Vielleicht ist das Entscheidende gar nicht nur der:die Autor:in.

Ein Text entsteht noch einmal beim Lesen.

Ich bringe meine Erfahrungen mit.

Deshalb kann dasselbe Buch zwei Menschen völlig unterschiedlich treffen.

Und zehn Jahre später mich selbst anders.

Das Buch ist gleich.

Ich nicht.

Geschichten verändern sich mit uns

Ein Roman, den man mit zwanzig liebt, kann mit fünfzig völlig anders wirken.

Vielleicht erkennt man plötzlich die Mutterfigur.

Nicht mehr die Tochter.

Sehr unhöflich vom Alter.

Aber interessant.

Literatur wächst nicht.

Wir wachsen.

Und dadurch verschiebt sich die Geschichte.

Deshalb lohnt Wiederlesen

Nicht ständig.

Es gibt genügend neue Bücher.

Ein logistisches Problem, das ich ausgesprochen ernst nehme.

Aber manche Bücher verdienen eine zweite Begegnung.

Nicht um herauszufinden, ob das Buch noch dasselbe ist.

Sondern ob wir es sind.

Geschichten machen aus Fremden Menschen

Ein Name in einer Nachricht ist abstrakt.

Eine Biografie nicht.

Sobald wir erfahren:

Wo kommt jemand her?

Wen liebt er?

Was hat sie verloren?

Wovor hat jemand Angst?

wird Distanz kleiner.

Vielleicht ist das der Kern von Journalismus, Literatur und Biografie gleichermaßen.

Zahlen informieren.

Geschichten verbinden.

Aber einzelne Geschichten dürfen nicht Statistik ersetzen

Auch wichtig.

Eine bewegende Einzelerfahrung ist nicht automatisch allgemeine Wahrheit.

Geschichten können uns berühren.

Daten sagen uns, wie häufig etwas tatsächlich ist.

Wir brauchen beides.

Herz und Verhältnis.

Menschen sind leider anfällig dafür, die bewegendere Geschichte für die wahrere zu halten.

Warum wir über uns selbst schreiben

Tagebücher.

Blogs.

Briefe.

Posts.

Vielleicht wollen wir festhalten:

Ich war hier.

Das habe ich gedacht.

Das war mir wichtig.

Ein Blog ist dafür ein erstaunliches Archiv.

Ältere Beiträge sind manchmal ein bisschen peinlich.

Gut.

Dann weiß man wenigstens, dass man sich bewegt hat.

DUNKELROT ist selbst eine Geschichte

Nicht eine einzelne.

Viele.

Bücher.

Menschen.

Garten.

Arbeit.

Tiere.

Musik.

Trauer.

Liebe.

Schule.

Veränderung.

Wenn ein Blog lange existiert, erzählt er automatisch eine Biografie.

Nicht vollständig.

Aber in Ausschnitten.

Vielleicht ist genau das sein Wert.

Nicht Perfektion.

Kontinuität.

Wir brauchen Geschichten nicht, weil Realität nicht reicht

Sondern weil Realität zu viel ist.

Zu ungeordnet.

Zu gleichzeitig.

Geschichten schneiden einen Ausschnitt heraus.

Sie sagen:

Schau hier hin.

Für einen Moment.

Das hilft.

Ein Buch kann ein Ort sein

Es gibt Bücher, in die man zurückkehrt wie in Häuser.

Figuren wie alte Bekannte.

Sätze, die man wiedererkennt.

Vielleicht deshalb sprechen wir von „Eintauchen“.

Lesen ist räumlich.

Wir gehen hinein.

Geschichten trösten

Nicht indem sie sagen:

Alles wird gut.

Die besten tun das gar nicht.

Sie sagen:

Das hier gibt es.

Andere haben es erlebt.

Jemand hat Worte dafür gefunden.

Du bist nicht der erste Mensch mit diesem Schmerz.

Das kann unglaublich tröstlich sein.

Geschichten unterhalten

Und bitte:

Das reicht ebenfalls.

Ein Buch muss nicht immer das Leben verändern.

Es darf spannend sein.

Lustig.

Romantisch.

Völlig absurd.

Unterhaltung ist kein minderwertiger Zweck.

Menschen brauchen Freude.

Manchmal brauchen wir genau dieselbe Geschichte wieder

Deshalb existieren Tropes.

Enemies to Lovers.

Found Family.

Neuanfang im kleinen Ort.

Detektiv:in mit schwierigem Privatleben.

Wir wissen ungefähr, was kommt.

Und lesen trotzdem.

Vielleicht nicht trotz der Vertrautheit.

Sondern wegen ihr.

Menschen mögen Überraschung.

Aber offenbar in sicherer Dosierung.

Geschichten geben Hoffnung

Nicht jede.

Natürlich.

Aber Geschichten zeigen Möglichkeit.

Ein Mensch verändert sich.

Überlebt.

Findet jemanden.

Verlässt etwas.

Beginnt neu.

Vielleicht glauben wir dadurch ein kleines bisschen eher:

Veränderung ist grundsätzlich denkbar.

Und manchmal geben sie keine Hoffnung

Auch das darf Kunst.

Ein trauriges Ende.

Eine offene Frage.

Etwas, das nicht repariert wird.

Vielleicht brauchen wir nicht nur Trost.

Sondern Wahrheit.

Warum ich weiter lesen werde

Obwohl ich schon mehr Bücher besitze, als vernünftigerweise notwendig wären.

Weil das nächste noch etwas enthalten könnte.

Eine Figur.

Einen Satz.

Eine Welt.

Vielleicht eine Idee, die bleibt.

Das ist die Falle.

Und das Versprechen.

Neun Bücher über das Erzählen und das Lesen

Und weil ich es nicht lassen kann, hier noch einmal ganz konkret: Bücher, die davon erzählen, warum wir Geschichten brauchen.

Woher Geschichten kommen: ein Blick in die Werkstatt

Wie entsteht eigentlich eine Geschichte?

Benedict Wells gibt in „Die Geschichten in uns“ eine sehr persönliche Antwort darauf.

Das Buch ist kein klassischer Schreibratgeber.

Es fühlt sich eher an wie ein stilles Gespräch mit einem guten Freund.

Keine große Selbstinszenierung, sondern eine Einladung, gemeinsam über Literatur, das Leben und das Schreiben nachzudenken.

Man muss selbst nicht schreiben wollen, um etwas daraus mitzunehmen.

Denn wer versteht, wie Geschichten gebaut werden, liest anders.

Aufmerksamer.

Und mit mehr Respekt vor dem, was zwischen zwei Buchdeckeln steckt.

Meine ausführliche Rezension zu Benedict Wells’ „Die Geschichten in uns“ findest du hier.

Eine Seite noch: das Glück des Lesens

„Eine Seite noch.“

Der vermutlich größte Selbstbetrug lesender Menschen.

Denn natürlich bleibt es niemals bei dieser einen Seite.

Meike Winnemuth hat diesem Zustand ein ganzes Buch gewidmet.

In „Eine Seite noch“ geht es darum, warum Lesen uns so glücklich macht.

Um das Abtauchen.

Um das Vergessen von Zeit.

Um diese besondere Form der Einsamkeit, die gar keine ist, weil man mit einer ganzen Welt beschäftigt ist.

Wer liest, ist woanders.

Und kommt trotzdem jedes Mal ein bisschen verändert zurück.

Meine ausführliche Rezension zu Meike Winnemuths „Eine Seite noch“ findest du hier.

Geschichten über Geschichten

Es gibt Romane, die selbst von der Liebe zu Büchern erzählen.

Von Buchhandlungen, Bibliotheken, Regalen voller Möglichkeiten.

Man könnte das für eine Nische halten.

Aber diese Bücher treffen etwas, das viele Leserinnen kennen:

Das Gefühl, dass Bücher einen durch bestimmte Lebensphasen getragen haben.

„Das Jahr voller Bücher und Wunder“ von Libby Page ist so ein Roman.

Die Geschichte begleitet eine Frau in einer Phase des Umbruchs, zwischen Regalen voller Geschichten.

Genau die Art Buch, die man mit einer Tasse Tee liest und dabei ein kleines bisschen weicher wird.

Meine ausführliche Rezension zu Libby Pages „Das Jahr voller Bücher und Wunder“ findest du hier.

Märchen: die ältesten Geschichten, die wir haben

Märchen werden gern unterschätzt.

Als Kinderkram.

Als Gutenachtgeschichten.

Dabei gehören sie zu den ältesten Geschichten, die wir haben.

Sie erzählen von Angst und Mut, von Armut und Glück, von Verlassenwerden und Heimkehren.

Oft grausamer, als wir sie in Erinnerung haben.

Und oft klüger.

Kat Menschik hat einigen dieser alten Geschichten neue Bilder gegeben.

Ihre Ausgabe der Märchen von Hans Christian Andersen ist für mich ein farbstarkes Gesamtkunstwerk und eine Liebeserklärung an das Erzählen.

Und mit „Die Puppe im Grase“ hat sie norwegische Märchen illustriert, die hierzulande viel zu wenige kennen.

Wer Märchen als Erwachsene noch einmal liest, merkt schnell:

Sie waren nie nur für Kinder gedacht.

Mehr dazu in meinen Rezensionen zu Hans Christian Andersens Märchen mit Illustrationen von Kat Menschik und zu „Die Puppe im Grase“.

Wenn Geschichten uns gruseln dürfen

Heute ist Halloween.

Und damit der Abend im Jahr, an dem sich viele Menschen freiwillig fürchten.

Auch das ist eine sehr alte Funktion von Geschichten.

Gruselgeschichten lassen uns Angst erleben, ohne dass uns etwas passiert.

Wir können die Decke bis zum Kinn ziehen, das Licht anlassen und trotzdem weiterlesen.

Wir üben gewissermaßen das Fürchten.

Lafcadio Hearn hat um 1900 alte japanische Geistergeschichten gesammelt und aufgeschrieben.

Sie sind still, seltsam und von einer ganz eigenen Schönheit.

Kein lauter Horror.

Eher ein Frösteln, das lange nachwirkt.

Meine ausführliche Rezension zu Lafcadio Hearns „Japanische Geistergeschichten“ findest du hier.

Wer heute Abend noch mehr Gänsehaut möchte: In meiner Sammlung Grusel, Geister und dunkle Geheimnisse habe ich Bücher für Halloween und lange Herbstnächte zusammengestellt.

Was zwischen den Zeilen steht

Nicht jede Geschichte erzählt laut.

Manche erzählen über Gesten.

Über Gegenstände.

Über das, was nicht gesagt wird.

Yoko Ogawa ist für mich eine Meisterin dieser leisen Form.

In „Liebe am Papierrand“ sind es beiläufige Beobachtungen, die plötzlich mehr erzählen als ein ausführliches Gespräch.

Solche Bücher verlangen etwas von uns.

Aufmerksamkeit.

Geduld.

Die Bereitschaft, nicht alles erklärt zu bekommen.

Dafür geben sie uns etwas zurück, das schnelle Geschichten selten können:

Raum für die eigenen Gedanken.

Meine ausführliche Rezension zu Yoko Ogawas „Liebe am Papierrand“ findest du hier.

Geschichten machen uns empathischer

Wer liest, schlüpft in andere Köpfe.

In andere Leben, andere Zeiten, andere Körper.

Man begleitet eine Figur durch Entscheidungen, die man selbst nie treffen würde.

Und versteht sie am Ende trotzdem.

Das ist vielleicht eine der wichtigsten Fähigkeiten, die Geschichten in uns trainieren:

Uns vorzustellen, wie es sich anfühlt, jemand anderes zu sein.

In einer Zeit, in der so viel über Lager, Lautstärke und schnelle Urteile funktioniert, ist das nicht wenig.

Ein Roman ersetzt kein Gespräch.

Aber er kann uns geduldiger machen, wenn wir eines führen.

Geschichten trösten

Es gibt Bücher, zu denen man immer wieder zurückkehrt.

Nicht, weil man nicht weiß, wie sie ausgehen.

Sondern gerade weil man es weiß.

In unsicheren Zeiten kann eine vertraute Geschichte wie ein Geländer sein.

Etwas, an dem man sich festhalten kann, während draußen alles schwankt.

Und dann gibt es die Geschichten, die uns trösten, weil sie das Schwere nicht verschweigen.

Weil sie von Verlust erzählen, von Angst, von Einsamkeit.

Und uns damit zeigen, dass wir mit diesen Gefühlen nicht allein sind.

Wer gerade nach solchen Büchern sucht, findet in meinen Sammlungen Warme Bücher für kalte Tage und Allein, aber nicht immer einsam vielleicht das passende.

Wenn das Lesen gerade nicht klappt

Und manchmal ist es einfach nicht da.

Das Lesen.

Man nimmt ein Buch in die Hand und legt es nach drei Seiten wieder weg.

Die Konzentration fehlt.

Die Ruhe auch.

Das ist kein Versagen.

Das ist eine Phase.

Sie geht vorbei, meistens schneller, als man denkt, und oft mit einem ganz anderen Buch, als man erwartet hätte.

Ein paar Wege zurück zu den Geschichten habe ich in meiner Sammlung Raus aus der Lesekrise gesammelt.

Und wenn du gar nicht weißt, wo du anfangen sollst: Der Lesefinder schlägt dir nach drei kurzen Fragen drei Bücher vor, die ich selbst gelesen habe.

Mein Fazit

Wir brauchen Geschichten nicht, weil wir der Realität entkommen wollen.

Jedenfalls nicht nur.

Wir brauchen sie, um Realität zu verstehen.

Um Erinnerungen zu ordnen.

Um andere Menschen zu sehen.

Um uns selbst neu zu betrachten.

Um Angst eine Form zu geben.

Trauer Worte.

Liebe Bilder.

Wut eine Stimme.

Und Hoffnung eine Möglichkeit.

Geschichten sagen:

Es könnte so gewesen sein.

Es könnte so sein.

Es könnte anders werden.

Vielleicht ist das eine der menschlichsten Fähigkeiten überhaupt.

Wir erleben etwas.

Und irgendwann setzen wir uns hin.

Zu jemandem.

An einen Tisch.

Vor einen Bildschirm.

In ein Buch.

Und sagen:

Ich erzähle dir eine Geschichte.

Und jemand anderes hört zu.

Vielleicht beginnt Verbindung genau dort.

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Über die Autorin

Fidi ist die Stimme hinter DUNKELROT – einem kreativen Magazin für Poesie, Handmade und Gedankenräume. Sie schreibt über Bücher, die bleiben: selbst gelesen, ehrlich empfohlen.

➤ Mehr über mich · Instagram: @dunkelrot.de

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