Raus aus der Lesekrise: Bücher gegen den Reading Slump

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Es gibt Phasen, da lese ich drei Bücher hintereinander und denke: Genau dafür mache ich das alles.

Und dann gibt es Phasen, da liegt ein Buch auf dem Nachttisch, ich lese denselben Absatz viermal und weiß danach ungefähr so viel wie vorher.

Willkommen in der Lesekrise.

Oder, wenn man es ein bisschen internationaler und Instagram-tauglicher formulieren möchte: Reading Slump.

Ich mag den Begriff eigentlich, weil er etwas weniger dramatisch klingt. Lesekrise hört sich an, als müsse man dringend eine Intervention organisieren. Reading Slump klingt eher nach: Gerade läuft es eben nicht.

Und genau so ist es meistens auch.

Manchmal liegt es am Buch.

Manchmal an einem selbst.

Manchmal ist der Kopf zu voll.

Manchmal ist das Leben zu laut.

Manchmal hat man einfach fünf Bücher gelesen, die theoretisch gut waren, aber praktisch nichts ausgelöst haben.

Und manchmal hat man sich beim Lesen so sehr in Pflicht, Anspruch und „Das müsste mir doch gefallen“ verrannt, dass der Spaß längst irgendwo an der Garderobe abgegeben wurde.

Ich kenne das gut.

Gerade weil ich so viel lese und rezensiere, gibt es immer wieder Phasen, in denen Lesen plötzlich nicht mehr nach Rückzug und Entdeckung aussieht, sondern nach Aufgabe.

Und das ist natürlich maximal kontraproduktiv.

Denn Lesen soll vieles dürfen.

Es darf herausfordern.

Es darf anstrengend sein.

Es darf wehtun.

Aber es sollte nicht dauerhaft nach Hausaufgabe klingen.

Wenn ich merke, dass ich in eine Leseflaute rutsche, suche ich deshalb inzwischen nicht nach „dem besten Buch“.

Ich suche nach dem richtigen Buch für genau diesen Zustand.

Und das ist ein Unterschied.

Denn gegen eine Lesekrise hilft nicht immer große Literatur.

Manchmal hilft ein kurzer Roman.

Manchmal ein Buch mit Sog.

Manchmal etwas Düsteres.

Manchmal etwas völlig Leichtes.

Manchmal ein Buch, das mich sofort packt.

Und manchmal eines, das so seltsam ist, dass ich allein deshalb wissen will, was da eigentlich passiert.

Diese Liste ist deshalb keine Rangliste der besten Bücher.

Sie ist eher eine kleine Notfallapotheke für Leseflauten.

Bücher für verschiedene Arten von Reading Slump.

Wenn du also gerade seit Tagen um dasselbe Buch herumschleichst und dir einredest, du würdest „heute Abend bestimmt weiterlesen“, während du stattdessen 47 Minuten auf deinem Handy verbringst, dann bist du hier richtig.

Warum wir überhaupt in Lesekrisen geraten

Ich glaube, eine Lesekrise ist oft viel weniger mysteriös, als sie sich anfühlt.

Manchmal lesen wir schlicht zur falschen Zeit das falsche Buch.

Das kann ein großartiger Roman sein.

Nur eben nicht jetzt.

Ich hatte schon Bücher, von denen ich wusste, dass sie gut sind, während ich gleichzeitig jede Seite wie einen kleinen Verwaltungsakt empfand.

Und dann gibt es wiederum Bücher, die vielleicht gar nicht als literarisches Großereignis gedacht sind, mich aber innerhalb von fünf Seiten wieder ins Lesen zurückholen.

Genau deshalb finde ich diesen Gedanken wichtig:

Ein Buch muss nicht objektiv großartig sein, um dir subjektiv genau das Richtige zu geben.

Und andersherum.

Man darf Bücher abbrechen.

Ich weiß, revolutionäre Idee.

Vor allem für Menschen, die Bücher fast wie moralische Verpflichtungen behandeln.

Aber wenn mich ein Buch nach hundert Seiten nicht erreicht, darf ich gehen.

Das Buch nimmt es erstaunlich gelassen.

Es schreibt mir keine enttäuschte Nachricht.

Es redet nicht schlecht über mich.

Es liegt einfach weiter da.

Vielleicht passt es später.

Vielleicht nie.

Beides ist okay.

Eine Lesekrise wird nämlich selten besser, wenn man sich durch ein Buch quält, das gerade nicht funktioniert.

Sie wird meistens nur länger.

Deshalb sind die folgenden Empfehlungen bewusst unterschiedlich.

Nicht jedes Buch wird für jede Leseflaute passen.

Aber vielleicht findest du genau das, was dein Kopf gerade braucht.

1. Für den schnellen Sog: Bücher, die sofort etwas auslösen

Wenn ich in einer Lesekrise stecke, brauche ich häufig ein Buch, das keine lange Anlaufzeit verlangt.

Kein Roman, bei dem ich nach sechzig Seiten noch denke: Vermutlich wird das gleich interessant.

Nein.

Ich brauche in solchen Momenten etwas, das mich innerhalb weniger Seiten irgendwo hineinzieht.

Ein Geheimnis.

Eine ungewöhnliche Figur.

Eine Spannung.

Eine Stimme.

Etwas, das im Kopf einen kleinen Haken setzt.

Genau dafür eignen sich oft Thriller, ungewöhnliche Gegenwartsromane oder Bücher mit sehr klarer Ausgangssituation.

Eines der Bücher, die für mich in diese Kategorie fallen, ist „Bad Tourists“.

Was solche Bücher gut können: Sie verlangen nicht sofort emotionale Schwerstarbeit.

Sie erzeugen Neugier.

Und Neugier ist in einer Lesekrise Gold wert.

Denn sobald ich wieder wissen will, wie es weitergeht, bin ich zurück.

Das klingt banal, aber genau darum geht es.

Nicht jedes Reading-Slump-Buch muss mein Leben verändern.

Manchmal reicht es vollkommen, wenn es mich dazu bringt, die nächste Seite umzublättern.

Wenn du gerade gar keine Lust auf komplexe Konstruktionen hast, dann such dir ein Buch mit klarem Zug.

Etwas, das sich nicht dafür schämt, unterhaltsam zu sein.

Unterhaltung ist kein minderwertiges Lesen.

Wir haben nur irgendwann beschlossen, Freizeit müsse bitte auch noch kulturell verwertbar sein.

Muss sie nicht.

Für wen? Für alle, die gerade vor allem wieder Leselust spüren wollen.

Meine vollständige Rezension zu „Bad Tourists“ findest du hier.

2. Wenn du emotional wieder andocken willst: Bücher, die direkt treffen

Manchmal liegt die Lesekrise nicht daran, dass ein Buch zu schwer ist.

Sondern daran, dass einem alles gleichgültig vorkommt.

Man liest.

Man versteht.

Man denkt: Ja.

Und dann nichts.

Das ist für mich fast schlimmer als ein Buch, das mich nervt.

Denn Ärger ist immerhin ein Gefühl.

Gegen diese Form der Leseflaute helfen mir Bücher, die emotional sehr klar sind.

Nicht kitschig.

Nicht manipulativ.

Sondern Bücher, bei denen ich früh merke: Hier geht es um etwas.

Um Verlust.

Um Nähe.

Um Sehnsucht.

Um Einsamkeit.

Um Zugehörigkeit.

Um Liebe, aber bitte nicht immer nur im romantischen Sinn.

„Hase und ich“ ist für mich so ein Buch.

Es lebt von Beziehung, Beobachtung und diesem merkwürdigen Raum zwischen Mensch und Tier, zwischen Nähe und Freiheit.

Solche Bücher funktionieren für mich in Lesekrisen deshalb so gut, weil sie nicht mit Plot um Aufmerksamkeit kämpfen.

Sie stellen Verbindung her.

Und manchmal ist genau das der Punkt.

Wenn ich wieder fühle, lese ich auch wieder.

Ähnlich ist es mit Büchern, die eine leise Traurigkeit tragen, ohne in Pathos zu versinken.

Ich mag Literatur, die mir vertraut genug vorkommt, um mich hineinzuziehen, und fremd genug, um mich nicht zu langweilen.

Das ist eine ziemlich gute Kombination gegen Lesemüdigkeit.

Für wen? Für alle, die gerade nicht Spannung brauchen, sondern emotionale Nähe.

Hier geht es zu meiner ausführlichen Rezension von „Hase und ich“.

3. Wenn du etwas Kurzes brauchst: Kleine Bücher mit Wirkung

Es gibt Lesekrisen, die schon durch die Dicke eines Buches schlimmer werden.

Man sieht 480 Seiten und denkt: Auf keinen Fall.

Nicht heute.

Nicht diese Woche.

Vielleicht nie wieder.

Und genau dann sind kurze Bücher großartig.

Ein schmales Buch nimmt Druck raus.

Hundertfünfzig Seiten fühlen sich machbar an.

Man kann an einem Abend ein gutes Stück schaffen.

Man sieht Fortschritt.

Und ja, offenbar braucht das menschliche Gehirn manchmal sogar beim Lesen kleine Erfolgserlebnisse wie ein Grundschulkind mit Stickerheft.

Es funktioniert trotzdem.

Kurze Romane, Novellen oder Essays haben außerdem einen besonderen Vorteil: Sie müssen oft schneller auf den Punkt kommen.

Weniger Raum für Leerlauf.

Weniger Nebenkriegsschauplätze.

Weniger Figuren, bei denen man nach 200 Seiten noch einmal überlegen muss, wer das eigentlich war.

Gerade in einer Lesekrise kann diese Konzentration unglaublich angenehm sein.

Elke Heidenreichs „Altern“ fällt für mich in diese Kategorie.

Nicht, weil das Thema leicht wäre.

Sondern weil der Text kompakt ist.

Gedanken über das Älterwerden, über Zeit, Verlust, Erfahrung und Lebenslust werden nicht auf 500 Seiten ausgewalzt.

Das Buch lässt sich in überschaubaren Etappen lesen.

Und genau das kann helfen.

Manchmal braucht man kein neues Leseprojekt.

Man braucht einfach ein Buch, das man wieder beenden kann.

Für wen? Für alle, denen dicke Bücher gerade schon beim Anschauen Energie rauben.

Was ich über „Altern“ von Elke Heidenreich geschrieben habe, liest du in der Rezension.

4. Wenn dich alles langweilt: Ein Buch, das ein bisschen schräg ist

Manchmal ist der Reading Slump auch ein Symptom von Übersättigung.

Man hat zu viele ähnliche Bücher gelesen.

Noch ein Familiendrama.

Noch eine Frau, die in ihre Heimat zurückkehrt.

Noch ein verschwundenes Kind.

Noch ein Ermittler mit Alkoholproblem.

Noch ein Roman über eine Ehe, die seit zwanzig Jahren unglücklich ist.

Irgendwann denkt das Gehirn: Danke, kennen wir.

Dann brauche ich etwas, das anders ist.

Nicht unbedingt experimentell bis zur Unlesbarkeit.

Aber eigen.

Ein Buch mit einer Idee, die nicht aussieht wie die letzten fünf.

Mit einer Figur, die mich irritiert.

Mit einer Sprache, die mich wach macht.

Mit einer Perspektive, die ich nicht schon hundertmal gelesen habe.

„Mein Mann“ ist für mich ein gutes Beispiel dafür.

Ein Buch kann gerade deshalb gegen eine Lesekrise helfen, weil man nicht sofort weiß, was man davon halten soll.

Die Erzählerin.

Die Fixierung.

Die Beziehung.

Das Merkwürdige.

Ich mag Bücher, bei denen ich innerlich denke: Was stimmt denn mit euch nicht?

Das ist ausdrücklich positiv gemeint.

Denn plötzlich bin ich aufmerksam.

Ich beobachte.

Ich urteile.

Ich ändere meine Meinung.

Und damit passiert wieder genau das, was Lesen spannend macht.

Ein schräges Buch kann eine Lesekrise manchmal schneller beenden als ein handwerklich perfekter, aber komplett erwartbarer Roman.

Für wen? Für alle, die das Gefühl haben, sie hätten gerade irgendwie schon alles gelesen.

Meine ganze Rezension zu „Mein Mann“ gibt es hier.

5. Wenn du düster lesen willst: Spannung ohne literarischen Leistungsdruck

Manche Menschen wollen sich aus einer Lesekrise mit Cozy Crime retten.

Ich will manchmal das Gegenteil.

Gebt mir etwas Dunkles.

Etwas Gefährliches.

Etwas, bei dem ich wissen möchte, wer lügt.

Düstere Bücher können erstaunlich erholsam sein.

Nicht emotional.

Aber lesetechnisch.

Denn Spannung schafft Fokus.

Ich muss nicht darüber nachdenken, ob ich gerade konzentriert genug bin.

Ich will wissen, was passiert.

Das reicht.

Gerade Thriller oder psychologisch dunklere Romane eignen sich deshalb hervorragend als Wiedereinstieg.

„Böses Glück“ ist so ein Buch, bei dem bereits der Titel ungefähr klarstellt, dass wir uns nicht zu einem gemütlichen Nachmittag mit Zimtschnecken treffen.

Und manchmal ist genau das richtig.

Ich habe überhaupt nichts gegen Bücher, die mich unterhalten, beunruhigen oder ein bisschen fertig machen, solange sie mich dabei weiterlesen lassen.

Eine Lesekrise ist nicht der Moment, um sich literarische Erziehungsziele zu setzen.

Wenn du gerade einen Thriller brauchst, lies einen Thriller.

Wenn du danach wieder bei Virginia Woolf landest, schön.

Wenn nicht, überlebt die Literaturgeschichte das vermutlich.

Für wen? Für alle, die durch Spannung wieder in einen Lesefluss kommen.

Zur kompletten Rezension von „Böses Glück“.

6. Wenn du Trost brauchst: Bücher, die nicht anstrengend sein wollen

Es gibt Tage, da möchte ich von Literatur nicht provoziert werden.

Ich möchte auch nicht „meine Komfortzone verlassen“.

Meine Komfortzone hat mir nichts getan.

Manchmal möchte ich hinein.

Tief.

Mit Decke.

Und Tee.

Wohlfühlbücher sind kein literarisches Versagen.

Sie erfüllen eine Funktion.

Gerade in stressigen Lebensphasen kann ein Buch, das Wärme, Vertrautheit und ein gewisses Gefühl von Sicherheit vermittelt, genau das Richtige sein.

Das heißt nicht, dass nichts passieren darf.

Aber vielleicht weiß ich beim Lesen, dass das Buch mich nicht komplett zerstören wird.

Es gibt Geschichten, die sich ein bisschen anfühlen wie ein Ort, den man kennt.

Figuren, bei denen man gern bleibt.

Atmosphären, die tragen.

Herbstbücher funktionieren für mich oft so.

Nicht umsonst greifen viele Menschen in den dunkleren Monaten zu bestimmten Stoffen.

Kleine Orte.

Buchhandlungen.

Familiengeschichten.

Essen.

Freundschaften.

Neuanfänge.

Ja, das kann klischeehaft werden.

Aber ein gutes Wohlfühlbuch weiß das selbst.

Und genau dann funktioniert es.

Wenn du gerade erschöpft bist, brauchst du vielleicht keinen Roman, der dir beweist, wie grausam die Welt ist.

Das erledigen die Nachrichten bereits ziemlich zuverlässig.

Für wen? Für alle, die Lesen gerade als Rückzugsort brauchen.

7. Wenn du wieder staunen willst: Bücher mit starken Bildern

Manche Bücher lese ich nicht hauptsächlich wegen der Handlung.

Ich lese sie wegen ihrer Atmosphäre.

Wegen Landschaften.

Wegen Farben.

Wegen einer Stimmung, die nach dem Zuklappen noch im Kopf bleibt.

„Das Leuchten der Rentiere“ fällt für mich in diese Kategorie.

Schon der Titel macht etwas.

Er öffnet einen Raum.

Kälte.

Weite.

Licht.

Natur.

Und solche Bücher können gegen eine Lesekrise wunderbar funktionieren, weil sie ein anderes Lesen erlauben.

Man muss nicht ständig auf Handlung warten.

Man kann sich hineinbewegen.

Ich mag Bücher, bei denen ich das Gefühl habe, ich sehe beim Lesen etwas.

Atmosphäre ist für mich ohnehin ein unterschätztes Qualitätsmerkmal.

Wir reden ständig über Plot.

Aber manche meiner stärksten Leseerinnerungen bestehen gar nicht aus Handlung.

Sie bestehen aus Räumen.

Aus Wetter.

Aus einer Straße.

Aus einem Zimmer.

Aus einem Licht.

Wenn dich gerade nichts packt, dann hilft vielleicht ein Buch, das weniger erzählt und mehr heraufbeschwört.

Für wen? Für alle, die beim Lesen wieder Bilder im Kopf haben möchten.

Mehr dazu in meiner Rezension von „Das Leuchten der Rentiere“.

8. Wenn du gar nichts schaffst: Lies fünf Seiten

Das ist jetzt kein Buchtipp.

Aber wahrscheinlich mein wichtigster Reading-Slump-Tipp überhaupt.

Fünf Seiten.

Nicht fünfzig.

Nicht „heute Abend lese ich endlich weiter“.

Fünf.

Wenn ich keine Lust habe zu lesen, aber eigentlich gern wieder lesen würde, nehme ich mir manchmal genau das vor.

Fünf Seiten.

Danach darf ich aufhören.

Ohne schlechtes Gewissen.

Und erstaunlich oft lese ich weiter.

Nicht immer.

Aber oft.

Der Trick ist eigentlich banal: Die Hürde wird klein.

Denn manchmal ist nicht das Lesen das Problem.

Sondern der Anfang.

Wir kennen das von ungefähr allen Dingen im Leben, die eigentlich guttun und die wir trotzdem vermeiden.

Spazierengehen.

Sport.

Aufräumen.

Steuererklärung.

Gut, bei der Steuererklärung hilft vermutlich auch kein Fünf-Seiten-Prinzip, aber irgendjemand musste dieses Wort hier hineinbringen.

Lesen braucht einen Einstieg.

Und wenn man sich vornimmt, zwei Stunden konzentriert zu lesen, während man innerlich schon bei der Vorstellung müde wird, passiert gar nichts.

Fünf Seiten dagegen sind lächerlich wenig.

Perfekt.

Lächerlich wenig ist besser als gar nicht.

9. Das vielleicht wichtigste Buch gegen eine Lesekrise: Das, auf das du wirklich Lust hast

Ich glaube, wir unterschätzen beim Lesen ständig die Lust.

Gerade wenn man viel über Bücher spricht, Rezensionen liest, Literaturpreise verfolgt oder auf Bookstagram unterwegs ist.

Plötzlich gibt es Bücher, die man gelesen haben sollte.

Neuerscheinungen, die alle lesen.

Klassiker, die fehlen.

Themen, die wichtig sind.

Bücher, die gerade „relevant“ sind.

Und irgendwann besteht der eigene Lesestapel aus lauter Büchern, die man aus hervorragenden Gründen lesen sollte.

Nur möchte man keines davon lesen.

Das ist ein Problem.

Nicht für die Weltliteratur.

Für dich.

Wenn du in einer Lesekrise steckst, dann lies das Buch, auf das du wirklich Lust hast.

Auch wenn es albern ist.

Auch wenn es alt ist.

Auch wenn du es schon kennst.

Auch wenn gerade niemand darüber spricht.

Auch wenn das Cover peinlich ist.

Auch wenn es 1997 erschienen ist und niemand daraus einen Trend gebaut hat.

Auch wenn es ein Krimi ist.

Eine Liebesgeschichte.

Fantasy.

Jugendbuch.

Sachbuch.

Comic.

Kurzgeschichten.

Oder ein Roman, den du zum dritten Mal liest.

Lesen ist keine Prüfung.

Du bekommst am Ende keine Urkunde dafür, dass du möglichst vernünftig gelesen hast.

Und wenn ein vertrautes Buch dich zurück ins Lesen bringt, dann war es genau das richtige Buch.

Wann sollte ich ein Buch abbrechen?

Hier kommt die Frage, an der sich Leser:innen offenbar seit Generationen abarbeiten.

Darf man Bücher abbrechen?

Ja.

Natürlich.

Es gibt keine Literaturpolizei.

Ich weiß, schockierend.

Die schwierigere Frage lautet eher: Wann?

Dafür habe ich keine feste Seitenzahl.

Ich glaube nicht an Regeln wie „Gib jedem Buch hundert Seiten“.

Bei einem 120-Seiten-Buch wäre das auch eine eher groteske Strategie.

Ich frage mich stattdessen:

Bin ich neugierig?

Interessiert mich wenigstens eine Figur?

Mag ich die Sprache?

Gibt es irgendetwas, weshalb ich weiterlesen möchte?

Wenn die Antwort auf alles Nein lautet, wird es schwierig.

Natürlich kann sich ein Buch entwickeln.

Aber ich muss nicht meine Freizeit darauf verwetten.

Und besonders in einer Lesekrise finde ich es geradezu kontraproduktiv, sich aus Prinzip durch einen Roman zu kämpfen.

Man trainiert sich damit nämlich eine ungünstige Verbindung an:

Lesen = Pflicht.

Das ist exakt das Gegenteil dessen, was man erreichen will.

Ein Buch darf zur Seite.

Manchmal für immer.

Manchmal bis später.

Ich habe Bücher Jahre später erneut begonnen und plötzlich geliebt.

Ich habe andere nie wieder angerührt.

Beides hat meinem Charakter offenbar nicht geschadet.

Wie finde ich mein Reading-Slump-Buch?

Ich würde weniger nach Bewertungen gehen und mehr nach Bedürfnis.

Frag dich nicht:

Was ist gerade das beste Buch?

Frag dich:

Was brauche ich gerade beim Lesen?

Spannung?

Dann such Spannung.

Trost?

Dann lies etwas Warmes.

Kurze Aufmerksamkeitsspanne?

Nimm ein schmales Buch.

Langeweile?

Nimm etwas Seltsames.

Emotionale Leere?

Such eine Geschichte, die dich berührt.

Kopf zu voll?

Lies etwas Einfaches.

Sehnsucht nach Sprache?

Dann nimm genau das Buch, bei dem du Sätze zweimal lesen möchtest, weil sie schön sind.

Wir wählen Bücher häufig nach Genre.

Vielleicht sollten wir sie öfter nach Zustand auswählen.

Denn dieselbe Person kann am Montag etwas völlig anderes brauchen als am Freitag.

Ich jedenfalls kann heute einen komplizierten literarischen Roman lieben und morgen bei Seite zwölf denken: Bitte nicht noch eine Metapher.

Das ist kein Widerspruch.

Das ist Tagesform.

Und Bücher dürfen dazu passen.

Was mir bei einer Lesekrise nicht hilft

Druck.

Ziemlich zuverlässig.

„Ich müsste mal wieder mehr lesen.“

Nein.

Müssen ist selten sexy.

Auch Leseziele können kippen.

Fünfzig Bücher im Jahr.

Hundert Bücher.

Jeden Tag dreißig Seiten.

Challenges.

Listen.

Das kann Spaß machen.

Aber sobald ich für eine Statistik lese, werde ich misstrauisch.

Ich möchte mich an Bücher erinnern.

Nicht an meine Jahreszahl.

Auch Bookstagram kann gleichzeitig inspirierend und vollkommen kontraproduktiv sein.

Man sieht Menschen mit acht Neuerscheinungen, zwölf gelesenen Büchern und ästhetisch sortierten Regalen.

Und man selbst hat in drei Wochen 74 Seiten gelesen.

Dann ist das eben so.

Vielleicht hattest du anderes zu tun.

Vielleicht warst du müde.

Vielleicht war dein Kopf woanders.

Vielleicht hast du einfach gerade keine Lust.

Lesen ist kein Leistungsnachweis.

Und Leselust kommt oft schneller zurück, wenn man sie nicht mit Gewalt zurückzerren will.

Mein Fazit: Eine Lesekrise ist kein Ende

Ich habe inzwischen keine Angst mehr vor Leseflauten.

Früher dachte ich manchmal: Was, wenn ich gar nicht mehr richtig lesen kann?

Das ist natürlich Unsinn.

Leselust verschwindet nicht einfach.

Sie verändert sich.

Manchmal ist sie laut.

Manchmal liegt sie irgendwo unter Müdigkeit, Stress und zu vielen offenen Tabs begraben.

Dann braucht sie vielleicht nicht das wichtigste Buch des Jahres.

Sondern das richtige.

Ein Buch, das neugierig macht.

Eines, das tröstet.

Eines, das irritiert.

Eines, das man an einem Nachmittag wegliest.

Eines, bei dem man lachen muss.

Eines, bei dem man wieder merkt, warum man überhaupt liest.

Und wenn keines funktioniert?

Dann leg die Bücher für ein paar Tage weg.

Auch das darf sein.

Lesen ist kein Vertrag.

Die Bücher laufen nicht weg.

Na gut, aus meinem Bücherregal vielleicht gelegentlich, weil ich nie wieder weiß, wem ich sie geliehen habe.

Aber grundsätzlich warten sie.

Und irgendwann passiert es meistens ganz unspektakulär.

Man nimmt ein Buch in die Hand.

Liest einen Satz.

Dann noch einen.

Dann eine Seite.

Und plötzlich ist man wieder drin.

Nicht im Buch.

Im Lesen.

Und genau darum geht es.

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