Mütter und Töchter: Bücher über Liebe, Wut und das, was wir voneinander erben

32eea466e2bd4cc8a2dc48163ea76db5

Es gibt vermutlich wenige Beziehungen, bei denen ein einziger Satz ausreicht, um einen erwachsenen Menschen innerhalb von Sekunden wieder fünfzehn Jahre alt werden zu lassen.

Mütter können das.

Man sitzt vollkommen vernünftig am Tisch, hat seit Jahrzehnten ein eigenes Leben, einen Beruf, Rechnungen, vielleicht ein Haus, Beziehungen, Verantwortung und vermutlich irgendeine Schublade voller Kabel, deren Zweck niemand mehr kennt.

Und dann sagt die Mutter einen bestimmten Satz.

Oder benutzt diesen Tonfall.

Und zack.

Pubertät.

Das ist eine erstaunliche Leistung.

Vielleicht gehören Mutter-Tochter-Beziehungen genau deshalb zu den großen Themen der Literatur.

Weil sie selten einfach sind.

Da ist Liebe.

Aber eben nicht nur Liebe.

Da ist Nähe.

Abgrenzung.

Bewunderung.

Wut.

Dankbarkeit.

Schuld.

Erwartung.

Enttäuschung.

Ähnlichkeit.

Und manchmal die verzweifelte Anstrengung, auf gar keinen Fall so zu werden wie die eigene Mutter.

Bis man irgendwann einen Satz sagt und mitten im Satz denkt:

Verdammt.

Da ist sie.

Ich finde Bücher über Mütter und Töchter inzwischen besonders spannend, weil sich der Blick auf diese Beziehung mit dem eigenen Alter verändert.

Als junge Frau liest man vielleicht vor allem Geschichten über Abgrenzung.

Wer bin ich?

Was will ich anders machen?

Wie werde ich unabhängig?

Später kommen andere Fragen hinzu.

Wer war meine Mutter eigentlich, bevor sie meine Mutter wurde?

Was wollte sie vom Leben?

Welche Möglichkeiten hatte sie?

Welche nicht?

Was hat sie aufgegeben?

Was hat sie von ihrer eigenen Mutter übernommen?

Und was davon ist irgendwann bei mir gelandet?

Manches davon möchte man behalten.

Anderes würde man gern zurückgeben.

Leider liegt dem familiären Erbe selten ein Retourenschein bei.

Genau deshalb habe ich meine gelesenen Bücher noch einmal unter diesem Blickwinkel betrachtet.

Nicht als Bücher über „die Mutter".

Sondern als Geschichten über Frauen verschiedener Generationen.

Über das, was zwischen ihnen weitergegeben wird.

Über Liebe und Verletzungen.

Über Erinnerung.

Über Erwartungen.

Und darüber, dass wir unsere Mütter manchmal erst sehr spät als die Frauen erkennen, die sie neben ihrer Rolle als Mutter immer waren.

Illustration auf dunkelrotem Grund: eine ältere Frau mit grauen Haaren und eine jüngere Frau mit dunklen Haaren sitzen eng nebeneinander im Schneidersitz und halten sich an den Händen, beide Gesichter ohne Züge, darüber ein grüner Blätterzweig

Warum Mutter-Tochter-Beziehungen so kompliziert sein können

Eine Mutter ist für eine Tochter häufig die erste Frau im Leben.

Das erste Modell.

Nicht unbedingt das gewünschte.

Aber eines, das da ist.

Wie lebt eine Frau?

Wie sieht sie ihren Körper?

Wie spricht sie über andere Frauen?

Wie geht sie mit Männern um?

Wie mit Arbeit?

Mit Geld?

Mit Sexualität?

Mit Alter?

Mit Wut?

Mit ihren eigenen Bedürfnissen?

Kinder beobachten all das lange bevor sie es benennen können.

Und natürlich gilt das nicht nur für Töchter.

Aber zwischen Müttern und Töchtern entsteht häufig eine besondere Spiegelung.

Vielleicht weil Geschlecht und gesellschaftliche Erwartungen eine Rolle spielen.

Eine Mutter sieht in ihrer Tochter manchmal die junge Frau, die sie selbst einmal war.

Oder die sie gern gewesen wäre.

Eine Tochter sieht in der Mutter möglicherweise eine mögliche Zukunft.

Das kann Nähe erzeugen.

Und Angst.

Man möchte ähnlich sein.

Und unbedingt anders.

Beides gleichzeitig.

Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Mutter-Tochter-Beziehungen in Romanen so ergiebig sind.

Sie sind niemals nur Gegenwart.

Da sitzen immer mindestens zwei Generationen am Tisch.

Eigentlich meistens mehr.

1. „Die Wahrheiten meiner Mutter": Wem gehört eigentlich eine Familiengeschichte?

Schon der Titel macht etwas Interessantes.

Nicht:

Die Wahrheit meiner Mutter.

Sondern:

Die Wahrheiten.

Mehrzahl.

Das gefällt mir.

Denn Familien besitzen selten nur eine Wahrheit.

Frag drei Geschwister nach ihrer Kindheit und du bekommst möglicherweise drei vollkommen unterschiedliche Familien.

Alle haben am selben Tisch gegessen.

Alle lebten im selben Haus.

Und trotzdem erinnern sie sich anders.

Das ist keine Täuschung.

Erinnerung funktioniert einfach nicht wie eine Videoaufnahme.

Wir erinnern Gefühle.

Bedeutungen.

Ausschnitte.

Und wir verändern Erinnerungen, indem wir sie immer wieder erzählen.

Bei Müttern und Töchtern wird das besonders spannend.

Was erzählt die Mutter über ihr Leben?

Was verschweigt sie?

Was erzählt die Tochter über ihre Mutter?

Und welche Geschichte stimmt?

Vielleicht alle ein bisschen.

„Die Wahrheiten meiner Mutter" ist für mich deshalb ein wichtiger Ausgangspunkt für diesen Artikel.

Weil das Buch daran erinnert, dass eine Mutter nicht nur die Person ist, an die sich ihre Tochter erinnert.

Sie hatte ein Leben davor.

Eine eigene Innenwelt.

Entscheidungen.

Widersprüche.

Und Geheimnisse.

Das klingt selbstverständlich.

Aber Kinder, auch erwachsene Kinder, sehen Eltern erstaunlich lange aus der eigenen Perspektive.

Meine Mutter.

Mein Vater.

Erst später wird daraus manchmal:

diese Frau.

Dieser Mann.

Und plötzlich wird die Geschichte größer.

Für wen? Für Leserinnen und Leser, die Familiengeschichten, Erinnerung und die Beziehung zwischen den Generationen interessieren.

Meine ausführliche Rezension zu Vigdis Hjorths „Die Wahrheiten meiner Mutter“ findest du hier.

2. Die Mutter, bevor sie Mutter war

Ich finde alte Fotos von Eltern faszinierend.

Besonders solche, die vor der eigenen Geburt entstanden sind.

Da steht plötzlich die Mutter.

Jung.

Vielleicht in einer Kleidung, die man von ihr überhaupt nicht kennt.

Mit Freunden.

Auf einer Reise.

Auf einer Party.

Verliebt.

Und für einen kurzen Moment sieht man jemanden, den man nie kennengelernt hat.

Denn diese Frau war verschwunden, bevor man selbst überhaupt Erinnerungen bilden konnte.

Nicht wirklich verschwunden natürlich.

Aber verändert.

Mutterschaft wird häufig so mächtig erzählt, dass alles davor zur Vorgeschichte wird.

Dabei war da ein Mensch.

Mit Plänen.

Vielleicht mit einem Berufswunsch.

Mit Beziehungen.

Mit Sex.

Mit Freundschaften.

Mit schlechten Entscheidungen.

Mit Nächten, von denen die Kinder vermutlich besser nichts wissen.

Das ist eine ziemlich schöne Vorstellung.

Mütter müssen keine Heiligen gewesen sein.

Ich möchte lieber glauben, dass sie Menschen waren.

Literatur kann diesen Blick öffnen.

Sie kann uns Frauen zeigen, bevor sie Mütter werden.

Und danach.

Sie kann sichtbar machen, was Mutterschaft verändert und was nicht.

Vielleicht sollten wir unsere Mütter öfter danach fragen.

Nicht nur:

Wie war ich als Kind?

Sondern:

Wie warst du?

3. Was Töchter von ihren Müttern erben

Natürlich Gene.

Augen.

Haare.

Vielleicht die Form der Hände.

Manchmal Krankheiten.

Aber das eigentlich Interessante ist das unsichtbare Erbe.

Sätze.

Überzeugungen.

Ängste.

Verhaltensweisen.

Wie gehe ich mit Konflikten um?

Wie entschuldige ich mich?

Kann ich Nein sagen?

Wie denke ich über Geld?

Was bedeutet Sicherheit?

Wie behandle ich meinen Körper?

Darf ich mich wichtig nehmen?

Wie viel Raum darf ich beanspruchen?

All das kann über Generationen weitergegeben werden, ohne dass jemals jemand sagt:

Hier, das ist jetzt deine Familienregel.

Man lernt sie einfach.

Vielleicht hieß es zu Hause:

Über Geld spricht man nicht.

Oder:

Was sollen die Leute denken?

Oder:

Stell dich nicht so an.

Vielleicht musste die Mutter immer funktionieren.

Und die Tochter lernt:

Eine gute Frau braucht nichts.

Bis sie irgendwann merkt, dass das eine ziemlich schlechte Regel ist.

Das Spannende am Erwachsenwerden ist deshalb vielleicht nicht nur, herauszufinden, wer man ist.

Sondern auch:

Was davon gehört wirklich zu mir?

Und was habe ich übernommen?

Zwei Bücher, die genau dieses unsichtbare Erbe untersuchen, habe ich rezensiert: „Vererbte Gefühle“ von Judy Wilkins-Smith und „Dieser Schmerz ist nicht meiner“ von Mark Wolynn.

4. Körper: Der erste weibliche Blick

Viele Mädchen lernen ihren Körper nicht nur durch den Spiegel kennen.

Sie lernen ihn durch die Art kennen, wie Frauen in ihrer Umgebung über ihre eigenen Körper sprechen.

„Ich bin zu dick."

„Das kann ich nicht mehr tragen."

„Meine Beine sind schrecklich."

„Ich muss abnehmen."

Solche Sätze können beiläufig fallen.

Und trotzdem etwas weitergeben.

Eine Mutter muss ihrer Tochter nicht sagen, dass deren Körper falsch ist.

Es kann reichen, wenn sie ihren eigenen permanent kritisiert.

Denn was lernt ein Mädchen daraus?

Dass ein weiblicher Körper offenbar ein lebenslanges Verbesserungsprojekt ist.

Das finde ich erschreckend.

Und ich glaube, viele Frauen bemerken erst spät, wie viele ihrer Körpergedanken gar nicht individuell sind.

Sie wurden gelernt.

Von Müttern.

Von Freundinnen.

Von Zeitschriften.

Von Werbung.

Von einer Kultur, die mit weiblicher Unzufriedenheit ausgesprochen viel Geld verdient.

Genau deshalb sind Bücher über Frauenkörper, Generationen und Selbstbild so wichtig.

Sie können etwas sichtbar machen, das vorher wie eine persönliche Schwäche wirkte.

Und vielleicht beginnt Veränderung damit, den Satz nicht weiterzugeben.

5. Wenn die Tochter anders leben will

Jede Generation von Frauen bekommt andere Möglichkeiten.

Zumindest sollte es so sein.

Und genau darin kann ein Konflikt liegen.

Eine Mutter hat vielleicht Dinge akzeptiert, die ihre Tochter nicht akzeptieren möchte.

Eine Ehe.

Finanzielle Abhängigkeit.

Bestimmte Rollen.

Einen Beruf, der nicht der Wunschberuf war.

Und dann kommt die Tochter und macht es anders.

Das müsste eigentlich ausschließlich Freude auslösen.

Tut es aber nicht immer.

Denn die Freiheit der Tochter kann der Mutter auch zeigen, was ihr selbst gefehlt hat.

Das ist schmerzhaft.

Vielleicht entsteht daraus Kritik.

Warum musst du das machen?

Warum reicht dir das nicht?

Warum willst du keine Kinder?

Warum willst du deinen sicheren Job aufgeben?

Warum trennst du dich?

Warum heiratest du nicht?

Warum heiratest du überhaupt?

Mütter können erstaunlich kreative Fragen produzieren.

Aber hinter manchen steckt vielleicht mehr als Kontrolle.

Vielleicht steckt dort die eigene Lebensgeschichte.

Das entschuldigt Grenzüberschreitungen nicht.

Aber es macht sie manchmal verständlicher.

6. Mütter, Töchter und Arbeit

Auch unsere Vorstellung von Arbeit wird weitergegeben.

Welche Berufe galten für Frauen als möglich?

Welche Ausbildung durfte die Mutter machen?

Konnte sie studieren?

Hat sie nach der Geburt der Kinder weitergearbeitet?

War sie finanziell unabhängig?

Wie wurde zu Hause über berufstätige Frauen gesprochen?

Diese Fragen erzählen viel über Generationen.

Für viele unserer Mütter waren Möglichkeiten, die uns heute selbstverständlich erscheinen, eben nicht selbstverständlich.

Und gleichzeitig erleben Töchter heute andere Widersprüche.

Sei beruflich erfolgreich.

Sei unabhängig.

Aber kümmere dich bitte weiterhin.

Um Kinder.

Um Eltern.

Um Beziehungen.

Um Weihnachten.

Um Geburtstage.

Um die Person, die seit drei Jahren nicht weiß, wo die Ersatzbettwäsche liegt.

Fortschritt bedeutet leider nicht automatisch, dass alte Aufgaben verschwinden.

Manchmal kommen neue einfach dazu.

Auch darüber kann zwischen Müttern und Töchtern gesprochen werden.

Vielleicht sogar mit überraschenden Erkenntnissen.

7. Wut auf die Mutter

Es gibt Gefühle, die sich in Familien verboten anfühlen.

Wut auf die eigene Mutter gehört dazu.

Denn Mutterliebe besitzt kulturell einen beinahe heiligen Status.

Mütter opfern sich auf.

Mütter lieben bedingungslos.

Mütter tun alles für ihre Kinder.

Das ist ein schönes Ideal.

Und eine ziemlich schwere Last für reale Frauen.

Denn reale Mütter machen Fehler.

Große.

Kleine.

Manche verletzen ihre Kinder.

Manche sind emotional nicht verfügbar.

Manche kontrollieren.

Manche kritisieren.

Manche können nicht geben, was ihre Tochter braucht.

Und Töchter dürfen darüber wütend sein.

Auch wenn die Mutter selbst eine schwierige Kindheit hatte.

Auch wenn sie „es nicht anders wusste".

Verstehen und Wut können gleichzeitig existieren.

Das finde ich wichtig.

Denn manchmal wird von Töchtern erwartet, die Geschichte der Mutter so gut zu verstehen, dass die eigenen Verletzungen darin verschwinden.

Das muss nicht sein.

Man kann wissen, warum ein Mensch etwas getan hat.

Und trotzdem sagen:

Es hat mir wehgetan.

Mehr Bücher über Frauen, die nicht mehr nett sein wollen, stehen in meiner Sammlung Weibliche Wut.

8. Und wenn die Mutter auf die Tochter wütend ist?

Auch Mütter sind keine emotionslosen Fürsorgemaschinen.

Sie können enttäuscht sein.

Eifersüchtig.

Wütend.

Überfordert.

Sie können Entscheidungen ihrer erwachsenen Töchter falsch finden.

Das Problem beginnt dort, wo aus diesen Gefühlen ein Anspruch entsteht.

Du musst so leben, damit ich mich gut fühle.

Das funktioniert nicht.

Erwachsene Töchter sind nicht dafür zuständig, das Lebensmodell ihrer Mutter zu bestätigen.

Und Mütter müssen nicht jede Entscheidung ihrer Töchter gut finden.

Vielleicht ist erwachsene Beziehung genau das:

Wir dürfen unterschiedlich sein.

Ohne dass einer von uns gewinnen muss.

9. „Wut und Liebe": Warum beides gleichzeitig geht

Deshalb passt „Wut und Liebe" auch in diesen Zusammenhang.

Nicht ausschließlich als Mutter-Tochter-Buch, sondern wegen der Kombination im Titel.

Wir behandeln Liebe und Wut häufig wie Gegensätze.

Dabei können sie nebeneinander existieren.

Gerade in engen Beziehungen.

Ich kann einen Menschen lieben und wütend auf ihn sein.

Ich kann jemanden vermissen und trotzdem Abstand brauchen.

Ich kann dankbar sein und gleichzeitig etwas kritisieren.

Diese Gleichzeitigkeit ist vielleicht eine der wichtigsten Erkenntnisse erwachsener Beziehungen.

Wir müssen Menschen nicht entweder idealisieren oder ablehnen.

Sie dürfen kompliziert sein.

Und wir auch.

Für Mutter-Tochter-Beziehungen ist das geradezu eine Erlösung.

Die Mutter muss keine perfekte Mutter gewesen sein, damit Liebe existiert.

Und eine Tochter muss nicht jede Verletzung vergessen, um ihre Mutter zu lieben.

Meine ausführliche Rezension zu Martin Suters „Wut und Liebe“ findest du hier.

10. Wenn Töchter keine Töchter mehr sein wollen

Natürlich bleiben sie biologisch Töchter.

Aber irgendwann muss eine Beziehung erwachsen werden.

Das kann erstaunlich schwierig sein.

Eine Mutter gibt einen ungefragten Rat.

Die Tochter reagiert gereizt.

Die Mutter fühlt sich zurückgewiesen.

Die Tochter fühlt sich bevormundet.

Und plötzlich diskutieren zwei erwachsene Frauen miteinander, aber emotional sind beide in einem zwanzig Jahre alten Muster.

Familienrollen sind hartnäckig.

Vielleicht besteht ein wichtiger Teil des Erwachsenwerdens deshalb darin, sie zu erkennen.

Ich bin deine Tochter.

Aber ich bin kein Kind mehr.

Du bist meine Mutter.

Aber du entscheidest nicht mehr für mich.

Das klingt hart.

Ist es eigentlich nicht.

Es ist eine Voraussetzung dafür, dass aus einer Eltern-Kind-Beziehung irgendwann eine Beziehung zwischen Erwachsenen werden kann.

11. Mütter und kinderlose Töchter

Ein Thema, das in Mutter-Tochter-Beziehungen besonders empfindlich sein kann, ist Kinderlosigkeit.

Vielleicht wünscht sich eine Mutter Enkelkinder.

Vielleicht sehr.

Aber der Kinderwunsch der Mutter ist nicht der Kinderwunsch der Tochter.

Eine Frau darf keine Kinder wollen.

Sie darf keine bekommen können.

Sie darf ambivalent sein.

Sie darf ihre Meinung ändern.

Und sie muss ihre Lebensentscheidung nicht dadurch rechtfertigen, dass sie ihrer Mutter eine alternative Form von Sinn präsentiert.

Kinderlosigkeit ist kein unfertiges Leben.

Und eine Tochter ist nicht dafür zuständig, die nächste Generation der Familie zu produzieren.

Das klingt drastisch.

Aber gerade Frauen erleben erstaunlich häufig, dass ihre Fortpflanzungsentscheidungen wie ein Gemeinschaftsprojekt behandelt werden.

Sind sie nicht.

12. Wenn die Mutter alt wird

Irgendwann verändert sich die Beziehung noch einmal.

Die Mutter wird älter.

Vielleicht braucht sie Hilfe.

Zunächst mit kleinen Dingen.

Später möglicherweise mit größeren.

Und die Tochter übernimmt Aufgaben.

Hier beginnt eine neue Spannung.

Wie helfe ich, ohne die Mutter zu entmündigen?

Wie viel Verantwortung kann ich tragen?

Was darf ich ablehnen?

Wie gehe ich damit um, dass die Frau, die früher für mich verantwortlich war, plötzlich selbst Unterstützung braucht?

Das ist emotional nicht einfach.

Und praktisch häufig auch nicht.

Arzttermine.

Einkäufe.

Formulare.

Pflege.

Telefonate.

Organisation.

All das kann sich langsam in ein Leben schieben.

Gerade Töchter übernehmen dabei häufig viel Sorgearbeit.

Deshalb gehört zu einer liebevollen Beziehung auch die Frage nach Grenzen.

Liebe ist keine unbegrenzte Ressource an Arbeitsstunden.

Bücher über genau diese Zeit habe ich in Wenn die Eltern alt werden: Bücher über Mütter, Väter, Pflege und Abschied gesammelt.

13. Die Sandwichgeneration

Viele Frauen erleben diese Phase gleichzeitig mit anderen Veränderungen.

Eigene Kinder.

Beruf.

Partnerschaft.

Wechseljahre.

Alte Eltern.

Vielleicht Selbstständigkeit.

Vielleicht gesundheitliche Themen.

Vielleicht alles gleichzeitig, weil das Leben offenbar gelegentlich der Meinung ist, eine Aufgabe nach der anderen wäre zu langweilig.

Diese sogenannte Sandwichgeneration trägt Verantwortung in mehrere Richtungen.

Und irgendwo in der Mitte sitzt die Frau selbst.

Das ist ein wichtiger Zusammenhang.

Wenn eine Tochter gereizt auf ihre Mutter reagiert, ist sie vielleicht nicht lieblos.

Vielleicht ist sie schlicht erschöpft.

Das macht nicht jede Reaktion richtig.

Aber es verändert die Perspektive.

Familien sollten über Belastung sprechen, bevor jemand zusammenbricht.

14. Wenn die Mutter krank wird

Krankheit verändert Beziehungen.

Manchmal vorübergehend.

Manchmal dauerhaft.

Plötzlich gibt es Angst.

Termine.

Diagnosen.

Entscheidungen.

Vielleicht Pflege.

Und gleichzeitig bleibt die alte Beziehung bestehen.

Die Mutter ist nicht plötzlich nur Patientin.

Sie ist immer noch die Frau, mit der man seit Jahrzehnten eine Geschichte hat.

Mit all den guten und schwierigen Teilen.

Das kann Gefühle sehr kompliziert machen.

Man kann sich sorgen und gleichzeitig genervt sein.

Man kann helfen und wütend werden.

Man kann Angst vor dem Verlust haben und trotzdem eine Pause brauchen.

Nichts davon bedeutet automatisch, dass die Liebe fehlt.

Menschen sind emotional nicht so ordentlich.

15. Abschied von der Mutter

Irgendwann kann der endgültige Abschied kommen.

Und ich glaube, der Tod einer Mutter ist unabhängig vom eigenen Alter eine besondere Zäsur.

Nicht für jeden Menschen gleich.

Natürlich nicht.

Manche Beziehungen waren eng.

Andere schwierig.

Manche abgebrochen.

Manche ambivalent.

Aber häufig verschiebt sich mit dem Tod eines Elternteils etwas im eigenen Verhältnis zur Vergangenheit.

Plötzlich kann man nicht mehr fragen.

Wie war das damals?

Wer war auf diesem Foto?

Wie hast du dieses Rezept gemacht?

Was war eigentlich mit Tante X?

Kleine Fragen können plötzlich genauso schwer wiegen wie große.

Vielleicht ist das ein Grund, warum wir früher fragen sollten.

Nicht erst, wenn Krankheit da ist.

Nicht erst, wenn Zeit sichtbar knapp wird.

16. Trauer um eine schwierige Mutter

Besonders kompliziert kann Trauer werden, wenn die Beziehung schwierig war.

Denn mit dem Tod verschwindet nicht automatisch die Vergangenheit.

Es kommt auch nicht plötzlich die perfekte Versöhnung.

Man kann um eine Mutter trauern und gleichzeitig um das, was man nie mit ihr hatte.

Um Gespräche.

Nähe.

Anerkennung.

Eine Entschuldigung.

Das ist eine doppelte Form von Verlust.

Der Mensch ist weg.

Und mit ihm die Möglichkeit, dass die Beziehung sich irgendwann doch noch verändert.

Auch diese Trauer darf existieren.

Man muss Verstorbene nicht nachträglich zu besseren Menschen machen, um um sie trauern zu dürfen.

Noch mehr Bücher über das Verlieren stehen in meiner Sammlung Bücher über Tod, Trauer und Abschied.

17. Was nach einer Mutter bleibt

Manchmal erstaunliche Dinge.

Ein Rezept.

Ein Schal.

Eine Tasse.

Schmuck.

Handschrift.

Fotos.

Und natürlich Sätze.

Ich finde es faszinierend, wie Sprache weiterlebt.

Man hört sich selbst etwas sagen und erkennt plötzlich die Mutter darin.

Vielleicht rollt man innerlich mit den Augen.

Vielleicht muss man lachen.

Vielleicht tut es weh.

Aber da ist sie.

Auch Gewohnheiten bleiben.

Wie man einen Tisch deckt.

Wie man bestimmte Dinge kocht.

Wie man Weihnachten feiert.

Welche Blumen man kauft.

Familienerbe besteht aus unglaublich vielen Kleinigkeiten.

Und manchmal merkt man erst nach einem Verlust, wie viel davon im eigenen Alltag steckt.

Marlen Hobrack hat über genau das ein Buch geschrieben: „Erbgut – Was von meiner Mutter bleibt“. Meine Rezension findest du hier.

18. Die Mutter muss nicht die beste Freundin sein

Dieser Gedanke ist mir wichtig.

Wir romantisieren Mutter-Tochter-Beziehungen manchmal mit dem Ideal:

Meine Mutter ist meine beste Freundin.

Das kann wunderschön sein.

Aber es ist kein Qualitätsnachweis für eine gute Beziehung.

Eine Mutter darf Mutter sein.

Eine Tochter darf Freundinnen haben, denen sie Dinge erzählt, die ihre Mutter niemals erfahren wird.

Nähe braucht nicht vollständige Verschmelzung.

Im Gegenteil.

Eine gute Beziehung kann auch daraus bestehen, dass beide ein eigenes Leben haben.

Vielleicht wird Nähe sogar leichter, wenn nicht jede emotionale Aufgabe innerhalb dieser einen Beziehung erfüllt werden muss.

19. Was ich meine Mutter heute fragen würde

Vielleicht ist das eine schöne Übung.

Nicht für später.

Für jetzt.

Welche zehn Fragen würde ich meiner Mutter gern stellen?

Nicht über mich.

Über sie.

Was war dein größter Traum?

Wann warst du richtig glücklich?

Was würdest du heute anders machen?

Wovor hattest du Angst?

Welche Freundin hast du verloren?

Welche Liebe?

Welcher Mensch hat dein Leben verändert?

Was wolltest du als Kind werden?

Was hast du nie jemandem erzählt?

Und worauf bist du stolz?

Vielleicht bekommt man auf manche Fragen keine Antwort.

Vielleicht möchte eine Mutter bestimmte Dinge nicht erzählen.

Auch das ist ihr Recht.

Aber allein die Frage verändert manchmal schon den Blick.

Plötzlich sitzt dort nicht nur Mutter.

Sondern eine Frau mit einem ganzen Leben.

20. Was wir nicht weitergeben müssen

Vielleicht ist das für mich einer der wichtigsten Gedanken bei diesem Thema.

Nicht alles, was wir geerbt haben, müssen wir behalten.

Manche Familienmuster dürfen bei uns enden.

Schweigen.

Körperkritik.

Angst.

Bestimmte Rollenbilder.

Das Bedürfnis, es allen recht zu machen.

Konflikte nie offen anzusprechen.

Oder immer alles auszuhalten.

Man kann die eigene Mutter lieben und trotzdem sagen:

Das möchte ich anders machen.

Das ist kein Verrat.

Vielleicht ist es sogar Entwicklung.

Jede Generation darf etwas behalten.

Und etwas verändern.

Mütter und Töchter in der Literatur: Warum ich diese Geschichten immer wieder lese

Vielleicht weil sie nie nur von zwei Menschen handeln.

Sie erzählen von Zeit.

Von Gesellschaft.

Von Frauenrollen.

Von Arbeit.

Von Körpern.

Von Liebe.

Von Alter.

Von Erwartungen.

Von dem, was möglich war und dem, was möglich geworden ist.

Eine Mutter und eine Tochter können zwei vollkommen unterschiedliche Frauenleben verkörpern.

Manchmal liegen nur zwanzig oder dreißig Jahre zwischen ihren Geburten.

Gesellschaftlich können Welten dazwischenliegen.

Das macht diese Geschichten so interessant.

Und es verhindert hoffentlich auch, dass wir zu schnell urteilen.

Nicht jede Entscheidung einer früheren Generation lässt sich mit heutigen Möglichkeiten bewerten.

Gleichzeitig müssen Töchter nicht dieselben Entscheidungen treffen, nur weil ihre Mütter keine anderen Möglichkeiten hatten.

Beides darf wahr sein.

Mein Fazit: Wir sind unseren Müttern ähnlicher und unähnlicher, als wir glauben

Vielleicht verbringen viele Töchter einen Teil ihres Lebens damit, ihrer Mutter ähnlich zu sein.

Und einen anderen damit, auf keinen Fall so zu werden.

Irgendwann merkt man möglicherweise:

Beides stimmt nicht ganz.

Wir sind eigene Menschen.

Aber wir kommen irgendwoher.

Unsere Mütter stecken in unseren Geschichten.

In unserem Körper.

In unserer Sprache.

In Dingen, die wir lieben.

Und manchmal in Dingen, gegen die wir uns entschieden haben.

Auch Abgrenzung ist eine Form von Verbindung.

Denn ich kann nur bewusst anders werden, wenn es vorher etwas gab, von dem ich mich unterscheide.

Vielleicht müssen Mutter-Tochter-Beziehungen deshalb gar nicht irgendwann vollkommen geklärt sein.

Vielleicht gibt es kein finales Gespräch, nach dem beide einander vollständig verstehen und anschließend unter bedeutungsvoller Musik in den Sonnenuntergang gehen.

Das wäre ohnehin anstrengend.

Vielleicht reicht etwas Realistischeres.

Die Mutter als Menschen sehen.

Die Tochter als Menschen sehen.

Mit Geschichte.

Mit Fehlern.

Mit Grenzen.

Mit Dingen, die gelungen sind.

Und solchen, die wehgetan haben.

Man darf lieben, ohne zu idealisieren.

Man darf wütend sein, ohne die Liebe zu leugnen.

Man darf Abstand brauchen.

Man darf Nähe wollen.

Man darf Dinge übernehmen.

Und andere bewusst beenden.

Vielleicht ist genau das das eigentliche Erbe zwischen Müttern und Töchtern:

Nicht nur das, was weitergegeben wurde.

Sondern auch die Freiheit, irgendwann selbst zu entscheiden, was davon weitergehen soll.

Weiterlesen auf Dunkelrot

Über die Autorin

Fidi ist die Stimme hinter DUNKELROT – einem kreativen Magazin für Poesie, Handmade und Gedankenräume. Sie schreibt über Bücher, die bleiben: selbst gelesen, ehrlich empfohlen.

➤ Mehr über mich · Instagram: @dunkelrot.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert