Es gibt einen Moment im Leben, auf den einen erstaunlicherweise niemand vorbereitet.
Die Eltern werden alt.
Natürlich weiß man theoretisch, dass das passieren wird. Eltern sind schließlich auch Menschen und nicht jene merkwürdig alterslosen Wesen, für die man sie als Kind hält.
Trotzdem kommt der Moment.
Vielleicht steht die Mutter plötzlich langsamer auf.
Vielleicht fragt der Vater zum dritten Mal dasselbe.
Vielleicht fällt zum ersten Mal der Satz: „Kannst du das für mich erledigen?“
Vielleicht fährt jemand nicht mehr Auto.
Braucht Hilfe beim Einkaufen.
Beim Arzt.
Mit Formularen.
Mit Medikamenten.
Mit einem Handy, das angeblich „schon wieder alles verstellt hat“, obwohl das Handy nachweislich seit Dienstag vollkommen unschuldig auf dem Küchentisch liegt.
Und irgendwann merkt man:
Etwas hat sich verschoben.
Die Menschen, die früher wussten, was zu tun ist, brauchen plötzlich uns.
Nicht immer.
Nicht sofort.
Und schon gar nicht in einer schönen geraden Linie.
Genau das macht diese Lebensphase so kompliziert.
Denn unsere Eltern werden nicht an einem Dienstagmorgen von „selbstständig“ auf „alt“ umgestellt.
Es passiert langsam.
In kleinen Veränderungen.
Und manchmal bemerken wir sie erst im Rückblick.
Das Alter der Eltern ist deshalb für mich eines dieser Themen, bei denen Bücher unglaublich wichtig werden können.
Nicht weil sie uns sagen können, was wir tun sollen.
Dafür sind Familien viel zu unterschiedlich.
Aber weil sie etwas sichtbar machen, worüber wir erstaunlich selten sprechen:
Was passiert eigentlich mit uns, wenn unsere Eltern alt werden?
Denn auch wir verändern uns dabei.
Wir werden vielleicht zu Kümmernden.
Zu Organisierenden.
Zu Begleitenden.
Manchmal zu Pflegenden.
Wir werden mit der Geschichte unserer Familie konfrontiert.
Mit alten Konflikten.
Mit Liebe.
Mit Schuld.
Mit Verantwortung.
Und irgendwann möglicherweise mit Abschied.
Ich habe über die Jahre immer wieder Bücher gelesen, in denen Mütter, Väter, Alter, Krankheit, Erinnerung und Verlust eine Rolle spielen.
Manche davon sind Sachbücher.
Andere Romane.
Und einige handeln auf den ersten Blick von etwas völlig anderem und treffen dieses Thema trotzdem mitten ins Herz.
Denn wenn Eltern alt werden, geht es nie nur ums Alter.
Es geht um Herkunft.
Und um die merkwürdige Erkenntnis, dass diejenigen, die vor uns da waren, nicht für immer bleiben.
Wenn aus Eltern alte Eltern werden
Wann ist jemand eigentlich alt?
Mit 60?
70?
80?
Das lässt sich kaum beantworten.
Manche Menschen sind mit 80 erstaunlich selbstständig.
Andere brauchen deutlich früher Unterstützung.
Alter ist keine Diagnose.
Und genau deshalb finde ich den Ausdruck „alte Eltern“ manchmal schwierig.
Er beschreibt weniger eine Zahl als eine Veränderung der Beziehung.
Plötzlich sehe ich meine Mutter nicht mehr nur als meine Mutter.
Ich sehe auch eine ältere Frau.
Einen Menschen mit einem Körper, der Grenzen bekommt.
Mit Ängsten.
Mit Erinnerungen.
Mit einer eigenen Geschichte, von der ich erstaunlich wenig weiß.
Das ist vielleicht eine der merkwürdigsten Erfahrungen des Erwachsenseins:
Irgendwann erkennt man, dass Eltern ein komplettes Leben hatten, bevor man selbst darin auftauchte.
Sie waren Kinder.
Jugendliche.
Verliebt.
Enttäuscht.
Mutig.
Feige.
Sie haben Entscheidungen getroffen.
Manche gute.
Manche schlechte.
Sie haben Dinge erlebt, von denen wir vielleicht nie erfahren werden.
Und irgendwann läuft die Zeit davon, in der wir noch fragen könnten.
Vielleicht berühren mich Bücher über Eltern deshalb heute stärker als früher.
Mit zwanzig habe ich Geschichten über Mütter und Töchter anders gelesen.
Da ging es für mich häufig um Abgrenzung.
Um Freiheit.
Darum, anders zu werden.
Später verschiebt sich etwas.
Man versteht vielleicht manche Entscheidungen besser.
Andere noch weniger.
Und plötzlich kommt eine neue Frage hinzu:
Wie viel Zeit haben wir eigentlich noch?
Die zehn Themen im Überblick
- 1. „Die Wahrheiten meiner Mutter“: Wer war meine Mutter eigentlich?
- 2. Elke Heidenreich: „Altern“
- 3. Wenn die Rollen sich umdrehen
- 4. Wenn die Mutter plötzlich Hilfe braucht
- 5. Bücher über Demenz: Wenn Erinnerung verschwindet
- 6. Wenn Pflege Teil der Familie wird
- 7. Darf ich genervt von meinen alten Eltern sein?
- 8. Alte Konflikte werden nicht automatisch alt
- 9. Was wir unsere Eltern noch fragen sollten
- 10. „Unberechenbar“: Wenn auch erwachsene Kinder ihre eigenen Wege gehen
1. „Die Wahrheiten meiner Mutter“: Wer war meine Mutter eigentlich?
Eine Mutter ist für ein Kind zunächst einfach Mutter.
Das klingt banal.
Ist aber ziemlich fundamental.
Wir sehen Eltern lange hauptsächlich in ihrer Funktion für uns.
Was hat sie erlaubt?
Was verboten?
War sie liebevoll?
Streng?
Anwesend?
Überfordert?
Verlässlich?
Schwierig?
Erst viel später beginnen manche von uns zu fragen:
Wer war dieser Mensch eigentlich außerhalb seiner Rolle als Mutter?
Was wollte sie?
Wovor hatte sie Angst?
In wen war sie verliebt?
Was hat sie aufgegeben?
Was bereut?
Welche Träume hatte sie mit zwanzig?
Welche davon verschwanden?
Welche erfüllten sich?
„Die Wahrheiten meiner Mutter“ berührt genau diesen Raum zwischen Erinnerung, Familiengeschichte und Identität.
Und ich finde diese Perspektive gerade dann wichtig, wenn Eltern älter werden.
Denn plötzlich bekommen ihre Geschichten ein Verfallsdatum.
Das klingt brutal.
Ist aber wahr.
Es gibt Fragen, die man irgendwann nicht mehr stellen kann.
Und dann bleiben vielleicht Fotos.
Briefe.
Erzählungen anderer.
Oder eben Lücken.
Familiengeschichten bestehen ohnehin erstaunlich häufig aus Lücken.
Dazwischen liegen die Versionen, die immer wieder erzählt wurden.
„Damals war das so.“
War es wirklich so?
Vielleicht.
Vielleicht erinnert sich nur jemand seit vierzig Jahren auf dieselbe Weise daran.
Erinnerung ist kein Archiv.
Sie verändert sich.
Und genau deshalb finde ich Bücher über Mütter, Väter und Familiengeschichte so spannend.
Sie erinnern daran, noch zu fragen, solange jemand antworten kann.
Für wen? Für Töchter und Söhne, die ihre Eltern nicht nur als Eltern, sondern als Menschen verstehen möchten.
Meine ausführliche Rezension zu „Die Wahrheiten meiner Mutter“ von Vigdis Hjorth findest du hier.
2. Elke Heidenreich: „Altern“
Natürlich gehört „Altern“ auch hier hinein.
Denn wir altern nicht allein.
Das ist vielleicht einer der Punkte, über die ich früher wenig nachgedacht habe.
Während ich selbst älter werde, werden meine Eltern ebenfalls älter.
Nur schneller.
Zumindest fühlt es sich so an.
Mit jedem eigenen Geburtstag verschiebt sich auch ihr Alter weiter.
Und irgendwann ist die Zahl plötzlich eine, bei der man kurz schluckt.
Elke Heidenreich schreibt über das Älterwerden ohne den üblichen Zwang, daraus entweder eine Katastrophe oder eine triumphale Selbstfindungsreise zu machen.
Das gefällt mir.
Denn Alter ist beides nicht automatisch.
Es kann Freiheit bringen.
Gelassenheit.
Zeit.
Aber eben auch Krankheit.
Verlust.
Einschränkungen.
Einsamkeit.
Und Abhängigkeit.
Gerade wenn wir über unsere Eltern sprechen, neigen wir manchmal dazu, Alter ausschließlich aus unserer Perspektive zu betrachten.
Wie viel Hilfe brauchen sie?
Was müssen wir organisieren?
Was wird schwierig?
Aber wie fühlt es sich eigentlich für sie an?
Autonomie zu verlieren?
Nicht mehr Auto fahren zu dürfen?
Bei Dingen um Hilfe bitten zu müssen, die man jahrzehntelang selbst erledigt hat?
Vielleicht von den eigenen Kindern gesagt zu bekommen, was jetzt besser wäre?
Das muss eine Zumutung sein.
Und wahrscheinlich ist es genau deshalb manchmal so konfliktgeladen.
Für wen? Für Menschen, die über das Älterwerden grundsätzlich nachdenken möchten, nicht nur über seine organisatorischen Folgen.
Was ich zu Elke Heidenreichs Buch geschrieben habe, liest du in meiner Rezension von „Altern“.
3. Wenn die Rollen sich umdrehen
„Jetzt bist du plötzlich die Mutter deiner Mutter.“
Diesen Satz hört man häufig, wenn Eltern pflegebedürftig werden.
Ich verstehe, was damit gemeint ist.
Und trotzdem mag ich ihn nicht besonders.
Denn unsere Eltern werden nicht zu unseren Kindern.
Sie bleiben erwachsene Menschen.
Auch wenn sie Hilfe brauchen.
Auch wenn sie krank sind.
Auch wenn sie manches nicht mehr können.
Das ist eine wichtige Grenze.
Natürlich können sich Rollen verändern.
Vielleicht verwaltet die Tochter irgendwann die Termine.
Vielleicht fährt der Sohn zum Arzt mit.
Vielleicht werden Rechnungen übernommen.
Medikamente sortiert.
Einkäufe erledigt.
Aber Hilfsbedürftigkeit macht einen Erwachsenen nicht zum Kind.
Und ich glaube, genau darin liegt eine der schwierigsten Aufgaben beim Umgang mit alten Eltern:
helfen, ohne ihnen unnötig Selbstständigkeit zu nehmen.
Das klingt in einem Text ausgesprochen vernünftig.
Im echten Leben ist es vermutlich erheblich chaotischer.
Denn was passiert, wenn ein Vater unbedingt weiter Auto fahren möchte, obwohl die Familie es für gefährlich hält?
Was, wenn die Mutter jede Hilfe ablehnt?
Was, wenn jemand nicht einsehen möchte, dass etwas nicht mehr funktioniert?
Autonomie und Sicherheit können gegeneinander stehen.
Und plötzlich gibt es keine Lösung, bei der sich alle gut fühlen.
Bücher über diese Situationen finde ich deshalb wertvoll.
Sie geben nicht immer Antworten.
Aber sie zeigen, dass andere Familien an denselben Widersprüchen scheitern, streiten und weiterleben.
4. Wenn die Mutter plötzlich Hilfe braucht
Mütter sind in vielen Familien jahrzehntelang diejenigen, die wissen, wo etwas liegt.
Die an Geburtstage denken.
Die Essen machen.
Die sich kümmern.
Natürlich gilt das nicht für jede Familie.
Aber für viele.
Und wenn genau dieser Mensch plötzlich selbst Hilfe braucht, verändert sich etwas Grundsätzliches.
Vielleicht ist es zunächst nur eine Kleinigkeit.
Ein Termin.
Ein Einkauf.
Eine Fahrt.
Dann werden es mehr.
Und irgendwo dazwischen kann Fürsorge zur Verantwortung werden.
Das passiert häufig so langsam, dass niemand einen bewussten Entschluss getroffen hat.
Man macht eben noch das.
Und das.
Und das auch.
Bis irgendwann ein erheblicher Teil des eigenen Lebens aus Organisation besteht.
Das betrifft besonders häufig Töchter.
Und darüber müssen wir sprechen.
Denn familiäre Pflege und Sorgearbeit entstehen nicht im luftleeren Raum.
Noch immer übernehmen Frauen einen großen Teil davon.
Neben Beruf.
Eigener Familie.
Partnerschaft.
Haushalt.
Und häufig in einer Lebensphase, in der sie selbst körperliche Veränderungen erleben.
Da treffen dann Wechseljahre, Beruf und alte Eltern aufeinander.
Ein wirklich hervorragend durchdachtes Timing der menschlichen Biologie.
Vielleicht erklärt das auch, warum so viele Frauen zwischen 45 und 60 irgendwann vollkommen erschöpft sind.
Nicht weil sie „schlecht organisiert“ sind.
Sondern weil schlicht sehr viel gleichzeitig passiert.
5. Bücher über Demenz: Wenn Erinnerung verschwindet
Kaum etwas berührt die Frage nach Identität so unmittelbar wie Demenz.
Wer sind wir, wenn Erinnerungen verschwinden?
Was bleibt?
Und wie verändert sich eine Beziehung, wenn gemeinsame Geschichten irgendwann nur noch einem von zwei Menschen gehören?
Demenzliteratur kann unglaublich schwer zu lesen sein.
Gerade wenn man selbst betroffen ist.
Aber sie kann auch etwas Wichtiges leisten:
Sie kann Erfahrungen sichtbar machen, die im Alltag häufig von Überforderung geprägt sind.
Denn Demenz ist nicht nur Vergessen.
Sie verändert Kommunikation.
Verhalten.
Nähe.
Alltag.
Familienrollen.
Und manchmal erkennt man einen geliebten Menschen in bestimmten Situationen kaum wieder.
Das kann weh tun.
Es kann wütend machen.
Und diese Wut wiederum kann Schuldgefühle auslösen.
Man weiß schließlich, dass der Mensch krank ist.
Und trotzdem ist man genervt.
Erschöpft.
Ungeduldig.
Vielleicht sogar verzweifelt.
Auch das darf ausgesprochen werden.
Pflegende Angehörige sind keine Heiligen.
Sie sind Menschen.
Und Menschen können jemanden lieben und gleichzeitig an der Situation verzweifeln.
Diese beiden Gefühle widersprechen sich nicht.
6. Wenn Pflege Teil der Familie wird
Pflege ist eines dieser Wörter, über die man erstaunlich abstrakt sprechen kann, solange man selbst nicht betroffen ist.
Pflegegrad.
Pflegedienst.
Pflegegeld.
Pflegeheim.
Hilfsmittel.
Anträge.
Und dann betrifft es die eigene Familie.
Plötzlich hängen an diesen Begriffen Menschen.
Die Mutter.
Der Vater.
Die Partnerin.
Der Partner.
Und neben der emotionalen Belastung entsteht eine zweite Welt:
Organisation.
Formulare.
Termine.
Telefonate.
Versicherungen.
Ärzte.
Kassen.
Dienste.
Wer schon einmal versucht hat, in einer ohnehin belastenden Situation deutsche Bürokratie zu bewältigen, weiß, dass Kafka vermutlich einfach nur einen Pflegeantrag ausfüllen wollte.
Und trotzdem muss irgendjemand all das erledigen.
Häufig sind es Angehörige.
Ich finde deshalb Bücher wichtig, die Pflege nicht romantisieren.
Für einen Menschen da zu sein, kann liebevoll sein.
Aber Pflege kann auch erschöpfen.
Sie kann Beziehungen belasten.
Sie kann Geld kosten.
Karrieren verändern.
Partnerschaften unter Druck setzen.
Und sie kann Menschen an Grenzen bringen.
Darüber zu sprechen bedeutet nicht, alte Menschen als Belastung zu bezeichnen.
Es bedeutet, die Realität derjenigen ernst zu nehmen, die Verantwortung tragen.
7. Darf ich genervt von meinen alten Eltern sein?
Ja.
Natürlich.
Das klingt vielleicht hart.
Aber Liebe schützt nicht vor Genervtheit.
Hat sie noch nie.
Wir können unsere Eltern lieben und gleichzeitig wahnsinnig werden, wenn sie zum achten Mal etwas ablehnen, das ihnen helfen würde.
Wir können uns Sorgen machen und trotzdem keine Lust auf das dritte Telefonat des Tages haben.
Wir können helfen und uns gleichzeitig wünschen, wir müssten es nicht.
Das macht uns nicht lieblos.
Es macht uns menschlich.
Problematisch wird es eher, wenn niemand über solche Gefühle sprechen darf.
Dann entsteht neben der Belastung auch noch Scham.
Ich müsste geduldiger sein.
Ich müsste dankbarer sein.
Ich müsste mehr machen.
Das Wort „müsste“ ist in Familien ohnehin erstaunlich leistungsfähig.
Natürlich gibt es Verantwortung.
Aber erwachsene Kinder schulden ihren Eltern nicht automatisch die vollständige Aufgabe des eigenen Lebens.
Auch Grenzen können Fürsorge sein.
Manchmal braucht eine Familie professionelle Unterstützung.
Und das ist kein Scheitern.
8. Alte Konflikte werden nicht automatisch alt
Es wäre praktisch, wenn Menschen mit zunehmendem Alter automatisch alle alten Konflikte ablegen würden.
Tun sie leider nicht.
Eine schwierige Mutter kann auch mit 85 schwierig sein.
Ein distanzierter Vater wird nicht zwangsläufig im Alter plötzlich emotional zugänglich.
Geschwisterrollen können innerhalb von Sekunden wieder auftauchen, sobald alle am selben Tisch sitzen.
Und sobald Pflege organisiert werden muss, werden diese alten Dynamiken manchmal besonders sichtbar.
Wer macht mehr?
Wer entscheidet?
Wer wohnt näher?
Wer hat „schon immer alles gemacht“?
Wer taucht plötzlich auf und hat erstaunlich viele Meinungen?
Familienpflege kann Geschwisterkonflikte produzieren, die jahrzehntelang friedlich geschlafen haben.
Und manchmal geht es dabei gar nicht nur um die aktuelle Situation.
Es geht um früher.
Wer wurde bevorzugt?
Wer musste Verantwortung übernehmen?
Wer durfte gehen?
Wer blieb?
Das alles kann plötzlich wieder im Raum stehen.
Genau deshalb liebe ich gute Familienromane.
Sie wissen, dass Gegenwart selten nur Gegenwart ist.
In Familien sitzen die vergangenen Jahrzehnte häufig mit am Tisch.
9. Was wir unsere Eltern noch fragen sollten
Ich glaube, wir sollten früher anfangen zu fragen.
Nicht erst, wenn jemand krank wird.
Wie warst du als Kind?
Wer war deine beste Freundin?
Was wolltest du einmal werden?
In wen warst du zum ersten Mal verliebt?
Wovor hattest du Angst?
Wie waren deine Eltern?
Was war dein glücklichster Sommer?
Was hast du bereut?
Was würdest du heute anders machen?
Welche Musik hast du gehört?
Warum habt ihr eigentlich diese eine Entscheidung getroffen?
Manche Antworten werden überraschen.
Andere vielleicht enttäuschen.
Und manche Fragen werden unbeantwortet bleiben.
Aber ich finde den Gedanken schön, Eltern irgendwann nicht mehr nur nach organisatorischen Dingen zu fragen.
Nicht nur:
Wann ist dein Arzttermin?
Hast du deine Medikamente genommen?
Brauchst du etwas vom Supermarkt?
Sondern:
Wer bist du eigentlich gewesen, bevor ich dich kannte?
Vielleicht lernt man einen Menschen dadurch noch einmal neu kennen.
10. „Unberechenbar“: Wenn auch erwachsene Kinder ihre eigenen Wege gehen
Wenn Eltern alt werden, entsteht manchmal ein merkwürdiger Konflikt.
Die Zeit mit ihnen wird kostbarer.
Und gleichzeitig hat man ein eigenes Leben.
Eigene Pläne.
Eigene Krisen.
Vielleicht selbst einen Neuanfang.
Dana Spiottas „Unberechenbar“ interessiert mich auch in diesem Zusammenhang, weil es von einer Frau in der Lebensmitte erzählt, die ihr eigenes Leben infrage stellt.
Das ist genau die Generation, die häufig gleichzeitig nach zwei Seiten Verantwortung trägt.
Nach hinten zu den Eltern.
Nach vorne zu Kindern oder anderen Verpflichtungen.
Und irgendwo dazwischen soll noch ein eigenes Leben stattfinden.
Diese Sandwichposition kann enorm anstrengend sein.
Was darf ich für mich wollen, wenn andere mich brauchen?
Eine schwierige Frage.
Und es gibt keine allgemeingültige Antwort.
Aber ich finde wichtig, dass Frauen überhaupt noch fragen dürfen:
Was will ich?
Auch wenn die Eltern alt sind.
Auch wenn jemand Hilfe braucht.
Das eigene Leben endet nicht automatisch mit der Verantwortung für andere.
Hier geht es zu meiner Rezension von Dana Spiottas „Unberechenbar“.
Wenn die Eltern nicht loslassen wollen
Auch das gehört dazu.
Nicht nur Kinder müssen lernen, ihre Eltern altern zu sehen.
Eltern müssen akzeptieren, dass ihre Kinder erwachsen sind.
Und manche tun sich damit bis zuletzt schwer.
Ratschläge.
Einmischung.
Erwartungen.
Die Vorstellung, immer noch zu wissen, was für das längst erwachsene Kind am besten ist.
Alter macht Familienrollen nicht automatisch vernünftig.
Man kann 55 sein und sich nach einem einzigen Satz der Mutter wieder fühlen wie 15.
Beeindruckend eigentlich.
Jahrzehnte persönlicher Entwicklung, und dann reicht ein bestimmter Tonfall.
Zurück auf Anfang.
Vielleicht gehört zum Älterwerden deshalb auch, die Beziehung zu den Eltern noch einmal neu zu verhandeln.
Nicht brutal.
Nicht lieblos.
Aber erwachsen.
Ich bin dein Kind.
Aber ich bin kein Kind mehr.
Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Wenn Eltern einsam werden
Einsamkeit im Alter ist ein Thema, das mich beschäftigt.
Freunde sterben.
Kolleginnen verschwinden nach der Rente aus dem Alltag.
Mobilität nimmt vielleicht ab.
Der Partner stirbt.
Plötzlich wird die Welt kleiner.
Und dann können Kinder ungewollt zum wichtigsten sozialen Kontakt werden.
Das ist verständlich.
Aber es kann beide Seiten überfordern.
Ein erwachsenes Kind kann nicht das gesamte soziale Leben eines Elternteils ersetzen.
Das ist zu viel Verantwortung für eine Beziehung.
Deshalb finde ich es so wichtig, soziale Kontakte im Alter zu erhalten.
Freundschaften.
Nachbarschaft.
Vereine.
Gruppen.
Hobbys.
Alles, was Menschen weiterhin mit anderen verbindet.
Denn Selbstständigkeit bedeutet nicht nur, allein einkaufen zu können.
Sie bedeutet auch, ein eigenes Leben zu haben.
Der schwierige Satz: Wir müssen über später reden
Viele Familien vermeiden Gespräche über Krankheit, Pflege und Tod erstaunlich erfolgreich.
Bis sie keine Wahl mehr haben.
Dabei wäre vieles leichter, wenn wir früher darüber sprechen würden.
Was möchtest du, wenn du nicht mehr allein wohnen kannst?
Gibt es eine Patientenverfügung?
Eine Vorsorgevollmacht?
Wer soll Entscheidungen treffen?
Was möchtest du auf keinen Fall?
Wie stellst du dir Pflege vor?
Und ja:
Was möchtest du nach deinem Tod?
Das sind keine gemütlichen Sonntagskaffee-Themen.
Verstehe ich.
Aber ein Gespräch ist leichter als eine Entscheidung unter Zeitdruck.
Und vielleicht ist es sogar liebevoll, darüber zu sprechen.
Denn dann müssen Angehörige später weniger raten.
Sie wissen zumindest ungefähr, was der Mensch wollte.
Natürlich kann man nicht alles planen.
Das Leben hält sich bekanntermaßen nur mäßig an unsere Organisationssysteme.
Aber ein bisschen Klarheit kann unglaublich entlasten.
Wenn die Eltern sterben
Egal wie alt man ist:
Wenn die Eltern sterben, verändert sich etwas.
Vielleicht war die Beziehung eng.
Vielleicht schwierig.
Vielleicht beides.
Tod macht aus einer komplizierten Beziehung nicht rückwirkend eine einfache.
Man kann trauern und gleichzeitig erleichtert sein.
Man kann jemanden vermissen und trotzdem wissen, dass vieles schwer war.
Man kann um die Mutter trauern, die man hatte.
Und gleichzeitig um die Mutter, die man sich gewünscht hätte.
Das ist vielleicht eine besonders komplizierte Form von Trauer.
Denn manchmal trauern wir nicht nur um Menschen.
Wir trauern um Möglichkeiten.
Um Gespräche, die nie stattgefunden haben.
Um Entschuldigungen, die nicht mehr kommen.
Um Fragen, die niemand mehr beantworten kann.
Und auch diese Trauer ist berechtigt.
Mehr Bücher zu diesem Thema sammle ich in „Bücher über Tod, Trauer und Abschied“.
Was bleibt?
Vielleicht ist das die Frage, die alle Bücher über alte Eltern irgendwann stellen.
Was bleibt?
Fotos.
Gegenstände.
Geschichten.
Ein bestimmter Topf.
Ein Rezept.
Ein Schmuckstück.
Ein Satz, den man plötzlich selbst sagt.
Manchmal erschrickt man darüber.
Plötzlich hört man die eigene Mutter aus dem eigenen Mund.
Offenbar ist Genetik nicht einmal nötig. Jahrzehntelange Wiederholung reicht vollkommen.
Aber genau darin liegt auch etwas Schönes.
Menschen bleiben in unseren Gewohnheiten.
In Sprache.
In Geschmack.
In Dingen, die wir gelernt haben.
Manches davon möchten wir behalten.
Anderes bewusst nicht.
Auch das ist Erbe.
Nicht nur Häuser und Geld.
Wir erben Geschichten.
Ängste.
Stärken.
Muster.
Und irgendwann dürfen wir entscheiden, was davon weitergeht.
Bücher über Mütter und Väter sind auch Bücher über uns selbst
Vielleicht lese ich Familiengeschichten deshalb inzwischen so anders.
Ich lese nicht mehr nur:
Was haben diese Eltern ihren Kindern angetan?
Ich frage auch:
Warum waren diese Eltern so?
Was haben sie selbst erlebt?
Das entschuldigt nicht alles.
Verstehen und Entschuldigen sind zwei unterschiedliche Dinge.
Aber die Perspektive wird größer.
Unsere Eltern wurden schließlich ebenfalls von Menschen großgezogen, die ihre eigene Geschichte hatten.
Und plötzlich sieht man Generationen.
Was wurde weitergegeben?
Was verändert?
Was beendet?
Vielleicht ist Erwachsenwerden auch das:
Irgendwann zu verstehen, dass die Eltern fehlbare Menschen waren.
Und dass man selbst es ebenfalls ist.
Mein Fazit: Unsere Eltern werden alt und wir werden es mit ihnen
Vielleicht ist das die eigentliche Zumutung dieser Lebensphase.
Wenn Eltern alt werden, sehen wir nicht nur ihre Endlichkeit.
Wir sehen unsere eigene.
Die Generation vor uns rückt weiter.
Und damit rücken wir selbst nach.
Das kann Angst machen.
Aber vielleicht kann es auch etwas anderes auslösen.
Aufmerksamkeit.
Noch einmal fragen.
Noch einmal zuhören.
Noch einmal zusammen essen.
Nicht weil jeder Moment plötzlich bedeutungsschwer sein muss.
Das wäre unerträglich.
Auch mit 81 darf eine Mutter einfach fünf Minuten über etwas vollkommen Belangloses reden.
Vielleicht ist gerade das später das, was fehlt.
Nicht die großen Gespräche.
Sondern die normalen.
Das Telefon.
Der Kaffee.
Ein Satz.
Eine Beschwerde über das Wetter.
Die Frage, ob man gut nach Hause gekommen ist.
All diese kleinen Dinge, die selbstverständlich wirken, solange sie da sind.
Bücher über alte Eltern, Mütter, Väter, Pflege und Abschied können uns nicht sagen, wie wir diese Jahre richtig machen.
Es gibt kein richtig.
Familien sind zu verschieden.
Beziehungen sind zu kompliziert.
Aber Bücher können uns daran erinnern, hinzusehen.
Auf unsere Eltern.
Auf ihre Geschichte.
Auf ihre Grenzen.
Und auch auf unsere eigenen.
Wir dürfen helfen.
Wir dürfen lieben.
Wir dürfen genervt sein.
Wir dürfen Grenzen setzen.
Wir dürfen Angst vor dem Abschied haben.
Und irgendwann dürfen wir trauern.
Vielleicht besteht Liebe in dieser Lebensphase nicht darin, alles perfekt zu machen.
Vielleicht besteht sie darin, da zu sein.
Nicht immer.
Nicht grenzenlos.
Aber wirklich.
Solange es noch geht.
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Über die Autorin
Fidi ist die Stimme hinter DUNKELROT – einem kreativen Magazin für Poesie, Handmade und Gedankenräume. Sie schreibt über Bücher, die bleiben: selbst gelesen, ehrlich empfohlen.
