Es gibt Menschen, von denen wissen wir irgendwann nicht mehr, wann wir sie eigentlich kennengelernt haben.
Sie waren einfach da.
Auf alten Fotos.
Bei Geburtstagen.
In Wohnungen, in denen wir längst nicht mehr wohnen.
Sie kennen Menschen, mit denen wir längst keinen Kontakt mehr haben.
Sie erinnern sich an Frisuren, die wir erfolgreich verdrängt hatten.
Und sie wissen Dinge über uns, die neuere Freunde niemals vollständig verstehen können, weil ihnen dafür ungefähr dreißig Jahre Vorgeschichte fehlen.
Freundschaften sind seltsame Beziehungen.
Wir feiern romantische Liebe mit Hochzeiten, Jahrestagen, Ringen, Liedern und einem beachtlichen industriellen Komplex aus Blumen, Pralinen und Tischdekoration.
Für Freundschaft gibt es vergleichsweise wenig.
Dabei können Freundschaften ein ganzes Leben tragen.
Manche über Jahrzehnte.
Andere nur für eine bestimmte Zeit.
Und vielleicht ist genau das etwas, das wir über Freundschaften lernen müssen:
Nicht jede Freundschaft muss für immer halten, um wichtig gewesen zu sein.
Das klingt vernünftig.
Fühlt sich allerdings nicht immer vernünftig an.
Wenn eine Freundschaft endet, kann das genauso wehtun wie eine Trennung.
Manchmal sogar mehr.
Denn für das Ende romantischer Beziehungen besitzen wir immerhin ein gesellschaftliches Drehbuch.
Liebeskummer.
Gespräche.
Trennungslieder.
Freundinnen, die mit Wein auftauchen.
Beim Ende einer Freundschaft fehlt dieses Drehbuch häufig.
Man meldet sich weniger.
Dann gar nicht mehr.
Vielleicht gab es einen Streit.
Vielleicht nicht einmal das.
Und irgendwann stellt man fest:
Dieser Mensch gehört nicht mehr zu meinem Leben.
Ich lese deshalb sehr gern Bücher über Freundschaften.
Über Frauenfreundschaften besonders.
Über Nähe.
Loyalität.
Eifersucht.
Konkurrenz.
Über Menschen, die gemeinsam erwachsen werden.
Und über Freundschaften, die sich verändern, wenn das Leben sich verändert.
Denn Freundschaft ist keine Nebensache.
Sie gehört zu den großen Beziehungen unseres Lebens.
Warum Freundschaften im Erwachsenenleben anders werden
Als Kind war Freundschaft manchmal erstaunlich einfach.
Wer saß neben mir?
Wer wohnte in derselben Straße?
Wer spielte dasselbe Spiel?
In der Schule verbringen Menschen automatisch Zeit miteinander.
Jeden Tag.
Stundenlang.
Das erzeugt Nähe.
Im Erwachsenenleben wird das schwieriger.
Menschen arbeiten.
Haben Partnerschaften.
Kinder.
Eltern, die Hilfe brauchen.
Haushalte.
Termine.
Und irgendwann besitzt jeder einen Kalender, in dem ein gemeinsamer Kaffee behandelt wird wie ein Gipfeltreffen internationaler Staatschefs.
„Wie sieht es bei dir in drei Wochen Donnerstag aus?“
So beginnt erwachsene Freundschaft.
Nähe braucht plötzlich Organisation.
Und das kann Beziehungen verändern.
Manche Freundschaften überleben lange Pausen problemlos.
Man sieht sich nach einem Jahr und ist innerhalb von zehn Minuten wieder da.
Andere brauchen regelmäßigen Kontakt.
Beides ist okay.
Schwierig wird es, wenn zwei Menschen unterschiedliche Vorstellungen davon haben, was Freundschaft bedeutet.
Wie oft muss man sich melden?
Wie viel darf man erwarten?
Muss eine gute Freundin immer erreichbar sein?
Was passiert, wenn eine Person dauerhaft mehr investiert?
Darüber sprechen wir erstaunlich wenig.
Dabei entstehen genau dort viele Verletzungen.
Die zwanzig Themen im Überblick
- 1. Freundschaft ist eine Liebesgeschichte
- 2. Freundschaften, die seit Jahrzehnten bestehen
- 3. Wenn Freundschaften auseinandergehen
- 4. Freundschaft und unterschiedliche Lebenswege
- 5. Freundschaft und Kinderlosigkeit
- 6. Neue Freundschaften mit 40, 50 oder später
- 7. Einsamkeit trotz Freundschaften
- 8. Freundschaft und weibliche Wut
- 9. Wenn eine Freundschaft einseitig wird
- 10. Freundschaft und Neid
- 11. Konkurrenz unter Frauen
- 12. Freundschaften und Geld
- 13. Freundschaften in Krisen
- 14. Wenn Freundinnen sterben
- 15. Tiere und Freundschaft
- 16. „Hase und ich“: Eine ungewöhnliche Freundschaft
- 17. Freundschaften im digitalen Zeitalter
- 18. Alte Freundschaften wieder aufnehmen
- 19. Wann darf eine Freundschaft enden?
- 20. Und wann lohnt es sich zu bleiben?
1. Freundschaft ist eine Liebesgeschichte
Vielleicht sollten wir Freundschaften überhaupt häufiger als Liebesgeschichten betrachten.
Nicht romantisch.
Aber Liebe ist schließlich größer als Romantik.
Man kann eine Freundin lieben.
Man kann sie vermissen.
Sich auf sie verlassen.
Sich mit ihr streiten.
Eifersüchtig sein.
Enttäuscht werden.
Verzeihen.
All diese Gefühle, die wir in Romanen selbstverständlich der romantischen Liebe zugestehen, existieren auch in Freundschaften.
Und manchmal ist eine Freundin die Person, die einen durch Lebensphasen begleitet, in denen romantische Beziehungen kommen und gehen.
Sie kennt den Menschen davor.
Den währenddessen.
Und den danach.
Literatur über Freundschaft interessiert mich deshalb besonders, wenn sie diese Beziehungen nicht als hübsche Ergänzung behandelt.
Nicht die Freundin als Nebenfigur, die nur auftaucht, um der Hauptfigur bei einem Glas Wein zu erklären, dass der Mann ein Idiot ist.
Freundinnen dürfen eigene Geschichten haben.
Eigene Konflikte.
Und Beziehungen untereinander, die genauso kompliziert sind wie jede Liebesgeschichte.
2. Freundschaften, die seit Jahrzehnten bestehen
Alte Freundschaften besitzen etwas, das neue Beziehungen nicht herstellen können:
gemeinsame Vergangenheit.
Das ist kein Qualitätsurteil.
Eine neue Freundschaft kann unglaublich tief sein.
Aber sie kann nicht nachträglich dabei gewesen sein.
Die Freundin aus der Schulzeit weiß vielleicht noch, wie man mit sechzehn war.
Sie kennt die erste große Liebe.
Die erste Trennung.
Die Eltern, als sie jünger waren.
Vielleicht sogar Großeltern, die längst tot sind.
Sie erinnert sich an Häuser, die nicht mehr existieren.
An Menschen.
An Geschichten.
Alte Freunde sind deshalb manchmal eine Art externes Gedächtnis.
„Weißt du noch?“
Und plötzlich taucht ein Teil des eigenen Lebens wieder auf.
Das ist kostbar.
Aber eine lange gemeinsame Geschichte garantiert nicht automatisch eine gute Gegenwart.
Auch das gehört dazu.
Manchmal halten wir Freundschaften fest, weil sie alt sind.
Nicht weil sie noch gut sind.
Meine ausführliche Rezension zu Araminta Halls „Die dritte Freundin“ findest du hier.
3. Wenn Freundschaften auseinandergehen
Das passiert.
Und es muss nicht einmal jemand schuld sein.
Eine Person bekommt Kinder.
Die andere nicht.
Eine zieht weg.
Eine verändert sich beruflich.
Eine lebt plötzlich in einer vollkommen anderen Welt.
Interessen verändern sich.
Werte vielleicht auch.
Man sieht sich weniger.
Gespräche werden oberflächlicher.
Und irgendwann merkt man:
Wir erzählen uns unser Leben nicht mehr.
Ich finde diese Form des Endes besonders traurig.
Weil es keinen großen Knall gibt.
Keinen Verrat.
Keinen Streit.
Nur Entfernung.
Vielleicht versucht man noch eine Weile, die alte Nähe wiederherzustellen.
Aber Nähe lässt sich nicht aus Nostalgie produzieren.
Man kann gemeinsame Vergangenheit haben und trotzdem keine gemeinsame Gegenwart mehr.
Das anzuerkennen kann weh tun.
Aber es macht die frühere Freundschaft nicht wertlos.
Sie war echt.
Nur vielleicht nicht für immer.
4. Freundschaft und unterschiedliche Lebenswege
Hier wird es besonders interessant.
Denn Freundschaften entstehen häufig in einer Phase, in der Menschen ähnliche Leben führen.
Schule.
Studium.
Ausbildung.
Erster Beruf.
Und dann verzweigen sich die Wege.
Eine heiratet.
Eine trennt sich.
Eine bekommt Kinder.
Eine möchte keine.
Eine kann keine bekommen.
Eine macht Karriere.
Eine steigt aus.
Eine hat viel Geld.
Eine wenig.
Eine pflegt Eltern.
Eine reist.
Eine wird krank.
Plötzlich leben zwei Menschen, die früher fast alles geteilt haben, in vollkommen unterschiedlichen Realitäten.
Kann Freundschaft das aushalten?
Natürlich.
Aber nicht automatisch.
Es braucht Interesse.
Und die Fähigkeit, nicht jede Lebensentscheidung der anderen Person als Kommentar zur eigenen zu verstehen.
Wenn meine Freundin keine Kinder möchte, sagt das nichts über meine Mutterschaft.
Wenn sie ihren Job kündigt, bedeutet das nicht, dass mein sicherer Beruf falsch ist.
Wenn sie Single sein möchte, kritisiert sie nicht meine Ehe.
Eigentlich simpel.
Für Menschen offenbar trotzdem gelegentlich eine anspruchsvolle intellektuelle Übung.
5. Freundschaft und Kinderlosigkeit
Gerade dieses Thema kann Freundschaften verändern.
Wenn eine Frau Kinder bekommt und die andere nicht, verändert sich Alltag radikal.
Zeit.
Spontaneität.
Gesprächsthemen.
Prioritäten.
Das ist logisch.
Schwierig wird es, wenn die Freundschaft nur noch um das Kind kreist.
Oder wenn umgekehrt erwartet wird, dass sich durch ein Kind überhaupt nichts verändert.
Beides ist unrealistisch.
Und noch komplizierter wird es bei ungewollter Kinderlosigkeit.
Dann kann das Glück der Freundin gleichzeitig Freude und Schmerz auslösen.
Man kann jemanden lieben und trotzdem nicht zu jeder Babyparty gehen können.
Man kann sich ehrlich freuen und danach im Auto weinen.
Gefühle sind manchmal gleichzeitig wahr.
Gute Freundschaft hält diese Ambivalenz hoffentlich aus.
6. Neue Freundschaften mit 40, 50 oder später
Ich mag den Gedanken sehr, dass Freundschaft kein abgeschlossenes Kapitel ist.
Man kann mit 52 einen Menschen kennenlernen, der zehn Jahre später zu den wichtigsten Personen des eigenen Lebens gehört.
Wir wissen es nur beim Kennenlernen noch nicht.
Das finde ich schön.
Neue Freundschaften im Erwachsenenalter entstehen allerdings anders.
Man verbringt nicht automatisch jeden Tag miteinander.
Nähe muss aufgebaut werden.
Man muss sich melden.
Etwas vorschlagen.
Ein bisschen riskieren.
Denn auch Freundschaft braucht Verletzlichkeit.
Jemandem sagen:
Ich mag dich.
Lass uns etwas zusammen machen.
Das klingt banal.
Kann sich aber erstaunlich mutig anfühlen.
Besonders wenn man lange einen festen Freundeskreis hatte.
Vielleicht sollten wir Freundschaft deshalb aktiver betrachten.
Nicht nur hoffen, dass Menschen irgendwie bleiben.
Sondern Beziehungen pflegen.
Mehr zum Buch steht in meiner Rezension zu „Dieser Sommer gehört mir“ von Claudia Schaumann.
Noch mehr Geschichten über Frauen, die später im Leben neu anfangen, findest du in meiner Sammlung Neuanfang mit 40, 50 oder später.
7. Einsamkeit trotz Freundschaften
Man kann viele Menschen kennen und einsam sein.
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Soziale Kontakte sind nicht automatisch Nähe.
Man kann auf einer Party stehen, Nachrichten bekommen, Kolleginnen haben und trotzdem das Gefühl haben:
Niemand weiß wirklich, wie es mir geht.
Freundschaft braucht deshalb nicht zwingend Menge.
Vielleicht braucht sie eher Tiefe.
Einen Menschen, dem man schreiben kann:
Heute ist alles Mist.
Ohne vorher drei Absätze Kontext liefern zu müssen.
Einen Menschen, der weiß, warum ein bestimmtes Datum schwierig ist.
Oder warum eine scheinbar kleine Sache gerade groß ist.
Diese Form von Verstandenwerden ist selten.
Und wertvoll.
8. Freundschaft und weibliche Wut
Natürlich können auch Freundinnen uns wahnsinnig machen.
Eine interessante Erkenntnis, die in manchen Darstellungen weiblicher Freundschaft gern verloren geht.
Frauenfreundschaft wird inzwischen häufig als Gegenmodell zu romantischen Beziehungen gefeiert.
Sisterhood.
Support.
Women supporting women.
Alles wunderbar.
Aber Frauen sind Menschen.
Und Menschen können schwierig sein.
Auch Freundinnen können egoistisch sein.
Neidisch.
Unzuverlässig.
Kontrollierend.
Sie können Grenzen überschreiten.
Sie können verletzen.
Eine Freundschaft ist nicht automatisch gesund, nur weil zwei Frauen beteiligt sind.
Auch hier darf man wütend werden.
Grenzen setzen.
Oder gehen.
Passende Bücher dazu habe ich in meiner Sammlung Weibliche Wut: Bücher über Frauen, die nicht mehr nett sein wollen zusammengestellt.
9. Wenn eine Freundschaft einseitig wird
Wer meldet sich eigentlich?
Eine gefährliche Frage.
Besonders wenn man anfängt zu zählen.
Ich habe dreimal geschrieben.
Sie einmal.
Ich habe zweimal gefragt.
Sie nie.
Natürlich kann Freundschaft Phasen haben, in denen eine Person mehr trägt.
Wenn jemand krank ist.
Trauert.
Ein Baby hat.
Überfordert ist.
Gute Beziehungen müssen nicht jeden Tag exakt ausgeglichen sein.
Aber dauerhaft?
Wenn immer nur eine Person fragt.
Plant.
Zuhört.
Sich erinnert.
Dann entsteht irgendwann Erschöpfung.
Freundschaft braucht Gegenseitigkeit.
Nicht mathematisch.
Aber spürbar.
10. Freundschaft und Neid
Darüber spricht kaum jemand gern.
Man kann eine Freundin lieben und sie beneiden.
Um Erfolg.
Aussehen.
Geld.
Eine Beziehung.
Kinder.
Freiheit.
Talent.
Mut.
Neid ist unangenehm.
Aber er muss Freundschaft nicht zerstören.
Vielleicht kann er sogar etwas zeigen.
Was wünsche ich mir selbst?
Warum trifft mich genau dieser Erfolg?
Problematisch wird Neid dort, wo man der Freundin ihren Erfolg nicht mehr gönnen kann.
Wo man kleinredet.
Stichelt.
Sich heimlich über Rückschläge freut.
Dann lohnt sich Ehrlichkeit.
Zumindest sich selbst gegenüber.
11. Konkurrenz unter Frauen
Frauen wurden lange gegeneinander bewertet.
Wer ist schöner?
Jünger?
Dünner?
Begehrter?
Die bessere Mutter?
Erfolgreicher?
Kein Wunder, dass Konkurrenz auch in Freundschaften auftaucht.
Aber vielleicht kann gerade Freundschaft ein Gegenmodell sein.
Nicht:
Wenn du erfolgreich bist, bleibt weniger Erfolg für mich.
Sondern:
Dein Erfolg nimmt mir nichts weg.
Das klingt nach einem hübschen Spruch für eine Postkarte.
Im echten Leben muss man es manchmal tatsächlich lernen.
Besonders wenn zwei Menschen in ähnlichen Bereichen arbeiten.
Trotzdem können Freundschaften gerade dann unglaublich stärkend sein.
Jemand versteht, was man tut.
Kennt die Schwierigkeiten.
Und freut sich wirklich, wenn etwas gelingt.
12. Freundschaften und Geld
Auch Geld kann Beziehungen verändern.
Wenn eine Person deutlich mehr verdient.
Wenn gemeinsame Aktivitäten für eine zu teuer werden.
Wenn Geld geliehen wird.
Wenn Erwartungen entstehen.
Wir reden erstaunlich ungern offen darüber.
Und genau dadurch wird es häufig schwieriger.
Vielleicht möchte eine Freundin nicht schon wieder ins teure Restaurant.
Nicht weil sie keine Lust hat.
Sondern weil sie es sich gerade nicht leisten kann.
Offenheit kann hier viel retten.
Eine gute Freundschaft braucht kein bestimmtes Budget.
Kaffee funktioniert erstaunlicherweise auch ohne Rooftop-Bar.
13. Freundschaften in Krisen
Krisen zeigen Beziehungen.
Das ist ein abgedroschener Satz.
Leider stimmt er manchmal.
Wenn jemand krank wird.
Trauert.
Sich trennt.
Den Job verliert.
Dann zeigt sich, wer da ist.
Aber auch hier möchte ich vorsichtig sein.
Nicht jeder Mensch weiß automatisch, wie man mit Krisen umgeht.
Manche ziehen sich aus Unsicherheit zurück.
Nicht aus Gleichgültigkeit.
Vielleicht ist deshalb Kommunikation wichtig.
Ich brauche dich.
Kannst du morgen kommen?
Kannst du einfach zuhören?
Konkrete Bitten können leichter sein als die Erwartung, ein anderer Mensch müsse intuitiv wissen, was gebraucht wird.
Wir wären gern alle Gedankenleser.
Sind wir bedauerlicherweise nicht.
Meine ausführliche Rezension zu Bobbi Frenchs „Die guten Frauen von Safe Harbour“ findest du hier.
14. Wenn Freundinnen sterben
Auch darüber wird wenig gesprochen.
Mit zunehmendem Alter gehört irgendwann die Möglichkeit dazu, Freunde zu verlieren.
Nicht durch Streit.
Sondern durch Tod.
Und Freundschaftstrauer kann tief sein.
Vielleicht wird sie gesellschaftlich trotzdem weniger wahrgenommen als der Verlust eines Partners oder nahen Familienmitglieds.
Dabei kann eine Freundin jahrzehntelang Teil des Lebens gewesen sein.
Gemeinsame Geschichte.
Urlaube.
Gespräche.
Alltag.
Wer eine solche Person verliert, verliert auch jemanden, der die eigene Biografie mitgetragen hat.
Das ist ein großer Verlust.
Und er verdient Raum.
Mehr zum Buch steht in meiner Rezension zu „Ein Lied für Ella Grey“ von David Almond.
Weitere Bücher über das Verlieren findest du in meiner Sammlung Bücher über Tod, Trauer und Abschied.
15. Tiere und Freundschaft
Kann ein Tier ein Freund sein?
Für mich ist die Antwort ziemlich eindeutig.
Natürlich.
Nicht in exakt derselben Form wie ein Mensch.
Aber Beziehungen müssen nicht identisch sein, um bedeutsam zu sein.
Ein Tier begleitet Alltag.
Es ist da.
Man entwickelt Rituale.
Kommunikation.
Vertrauen.
Vielleicht ist gerade die Wortlosigkeit manchmal besonders tröstlich.
Ein Hund verlangt keine Erklärung dafür, warum der Tag schlecht war.
Er hat ohnehin wichtigere Themen.
Zum Beispiel denselben Busch wie gestern.
Auch Bücher über Mensch-Tier-Beziehungen erzählen deshalb oft etwas über Freundschaft.
Über Nähe.
Vertrauen.
Und Verlust.
16. „Hase und ich“: Eine ungewöhnliche Freundschaft
„Hase und ich“ passt hier wunderbar hinein.
Denn das Buch erzählt von einer Beziehung, die sich nicht sauber in unsere menschlichen Kategorien einordnen lässt.
Es geht um Aufmerksamkeit.
Beobachtung.
Nähe.
Und darum, einem anderen Lebewesen seine Eigenständigkeit zu lassen.
Vielleicht ist das sogar eine interessante Definition guter Freundschaft.
Nähe ohne Besitz.
Ein anderer Mensch gehört mir nicht.
Eine Freundin muss nicht leben wie ich.
Sie muss nicht jede Entscheidung mit mir abstimmen.
Sie darf sich verändern.
Und ich hoffentlich auch.
Vielleicht bleibt die Freundschaft.
Vielleicht verändert sie sich.
Beides ist möglich.
Meine ausführliche Rezension zu Chloe Daltons „Hase und ich“ findest du hier.
17. Freundschaften im digitalen Zeitalter
Wir waren vermutlich noch nie mit so vielen Menschen gleichzeitig verbunden.
Und gleichzeitig kann man sich fragen, was „verbunden“ eigentlich bedeutet.
Likes.
Nachrichten.
Stories.
Gruppenchats.
Man weiß, was Menschen zum Frühstück gegessen haben, mit denen man seit sieben Jahren kein richtiges Gespräch geführt hat.
Das ist eine sehr moderne Form von Nähe.
Oder vielleicht von Information.
Digitale Kontakte können echte Freundschaften ermöglichen.
Natürlich.
Menschen lernen sich online kennen und werden wichtig füreinander.
Aber Sichtbarkeit ist nicht automatisch Beziehung.
Nur weil ich täglich sehe, was jemand macht, weiß ich nicht unbedingt, wie es ihm geht.
Vielleicht brauchen Freundschaften deshalb trotz aller digitalen Möglichkeiten etwas erstaunlich Altmodisches:
Aufmerksamkeit.
18. Alte Freundschaften wieder aufnehmen
Manchmal verschwinden Menschen.
Und tauchen wieder auf.
Eine Nachricht.
Ein zufälliges Treffen.
Ein Name, an den man plötzlich denkt.
Soll man sich melden?
Warum nicht?
Natürlich kann es sein, dass nichts daraus wird.
Vielleicht hat sich zu viel verändert.
Aber manchmal entsteht etwas Neues auf einer alten Grundlage.
Nicht dieselbe Freundschaft wie früher.
Das muss sie auch nicht sein.
Menschen dürfen sich neu kennenlernen.
Vielleicht ist das sogar besonders schön.
19. Wann darf eine Freundschaft enden?
Immer.
Das klingt hart.
Aber keine Beziehung muss allein deshalb weitergeführt werden, weil sie einmal wichtig war.
Wenn eine Freundschaft dauerhaft verletzt.
Wenn Grenzen nicht respektiert werden.
Wenn Manipulation, Abwertung oder Kontrolle dazugehören.
Dann darf man gehen.
Auch ohne dramatischen Beweis.
Auch ohne Gerichtsverfahren vor dem gemeinsamen Freundeskreis.
Man darf entscheiden:
Diese Beziehung tut mir nicht mehr gut.
Natürlich sollte man nicht jede Unstimmigkeit sofort mit Kontaktabbruch beantworten.
Menschen machen Fehler.
Wir selbst übrigens auch.
Aber Dauer und Geschichte sind keine Verpflichtung.
20. Und wann lohnt es sich zu bleiben?
Sehr oft.
Freundschaften müssen nicht perfekt sein.
Vielleicht ist gerade das ihre Stärke.
Man kann sich streiten.
Missverstehen.
Enttäuschen.
Und trotzdem wieder zueinanderfinden.
Entscheidend ist vielleicht, ob beide Menschen die Beziehung wollen.
Ob beide bereit sind, zuzuhören.
Sich zu entschuldigen.
Etwas zu verändern.
Eine gute Freundschaft hält nicht deshalb Jahrzehnte, weil nie etwas passiert.
Sondern vielleicht weil genug passieren durfte, ohne dass die Verbindung daran zerbrach.
Was gute Freundschaft für mich heute bedeutet
Mit zunehmendem Alter verändert sich möglicherweise auch die Vorstellung davon.
Ich brauche nicht möglichst viele Menschen.
Ich brauche echte.
Menschen, bei denen ich nicht ständig performen muss.
Bei denen Stille nicht unangenehm ist.
Die sich über Erfolge freuen.
Die sagen, wenn ich Unsinn mache.
Die bleiben, wenn es schwierig wird.
Und denen ich dasselbe geben möchte.
Freundschaft ist keine Dienstleistung.
Sie funktioniert nur, wenn beide Menschen darin vorkommen.
Warum Bücher über Freundschaft wichtig sind
Weil Literatur unsere Aufmerksamkeit häufig auf romantische Liebe richtet.
Wer bekommt wen?
Wer verlässt wen?
Wer liebt wen?
Dabei besteht ein Leben aus viel mehr Beziehungen.
Freundinnen.
Freunde.
Geschwister.
Kolleginnen.
Nachbarn.
Menschen, die nur eine Zeit lang da sind.
Vielleicht sollten Geschichten häufiger erzählen, wie lebensverändernd Freundschaften sein können.
Eine Freundin kann einen neuen Beruf anstoßen.
Eine Reise.
Eine Entscheidung.
Sie kann in einer Krise da sein.
Oder einfach an einem Dienstagabend anrufen und dadurch einen vollkommen normalen Tag besser machen.
Das klingt klein.
Ist es nicht.
Meine ausführliche Rezension zu Charlie Mackesys „Denk immer dran“ findest du hier.
Mein Fazit: Nicht jede Freundschaft muss für immer sein, aber manche dürfen es
Vielleicht ist das die schwierigste und gleichzeitig schönste Erkenntnis.
Menschen begleiten uns unterschiedlich lange.
Manche ein paar Monate.
Andere Jahre.
Einige Jahrzehnte.
Nicht jede Beziehung, die endet, ist gescheitert.
Vielleicht war sie genau für eine bestimmte Lebensphase wichtig.
Und dann ging das Leben weiter.
Das darf traurig sein.
Wir müssen vergangene Freundschaften nicht schlechtreden, nur damit ihr Ende verständlich wird.
Genauso wenig müssen wir an jeder alten Freundschaft festhalten, nur weil sie Geschichte besitzt.
Aber wenn man Menschen hat, die geblieben sind?
Dann sollte man das vielleicht gelegentlich bemerken.
Nicht erst beim runden Geburtstag.
Nicht erst in einer Krise.
Einfach so.
Denn Freundschaft besitzt keine Hochzeit.
Keinen offiziellen Jahrestag.
Keine Institution, die uns daran erinnert, sie zu feiern.
Wir müssen das selbst tun.
Vielleicht mit einem Anruf.
Einer Nachricht.
Einem gemeinsamen Essen.
Oder mit diesem wunderbaren Satz:
Weißt du noch?
Und dann beginnt irgendwo zwischen zwei Menschen wieder eine Geschichte, die beide längst kennen und trotzdem noch einmal hören möchten.
Vielleicht ist genau das eines der schönsten Dinge an alten Freundschaften.
Sie bewahren Versionen von uns, die längst verschwunden sind.
Und gleichzeitig dürfen sie kennenlernen, wer wir noch werden.
Das ist ziemlich viel für eine Beziehung, die offiziell nicht einmal einen Ring bekommt.
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Über die Autorin
Fidi ist die Stimme hinter DUNKELROT – einem kreativen Magazin für Poesie, Handmade und Gedankenräume. Sie schreibt über Bücher, die bleiben: selbst gelesen, ehrlich empfohlen.
