Es gibt einen Satz, den Menschen erstaunlich gern sagen:
„Du bist doch gar nicht allein.“
Gemeint ist das meistens tröstlich.
Man hat Familie.
Freund:innen.
Kolleg:innen.
Nachbar:innen.
Menschen im Telefon.
Menschen im Internet.
Vielleicht einen Hund, der einen ohnehin nicht einmal allein ins Badezimmer gehen lässt.
Und trotzdem kann man sich einsam fühlen.
Umgekehrt kann man einen ganzen Nachmittag allein verbringen, ohne auch nur eine Sekunde Einsamkeit zu empfinden.
Vielleicht ist genau das der Punkt:
Alleinsein und Einsamkeit sind nicht dasselbe.
Sie wohnen manchmal im selben Haus.
Aber sie sind nicht dieselbe Person.
Ich brauche Alleinsein.
Heute vielleicht sogar mehr als früher.
Nicht, weil ich Menschen nicht mag.
Ich mag Menschen.
Einige jedenfalls.
Aber Menschen sind laut.
Nicht unbedingt akustisch.
Sie wollen etwas.
Antworten.
Aufmerksamkeit.
Reaktion.
Entscheidung.
Gespräch.
Nähe.
Und selbst schöne Begegnungen brauchen Energie.
Das ist keine Beschwerde.
Es ist nur eine Feststellung.
Manchmal möchte ich danach einfach eine Tür schließen.
Nicht dramatisch.
Nicht beleidigt.
Einfach:
Ruhe.
Alleinsein hat ein Imageproblem
Wir feiern Gesellschaft.
Gemeinschaft.
Netzwerke.
Freundschaften.
Partnerschaften.
Familie.
Alles wichtig.
Aber Alleinsein klingt schnell ein bisschen verdächtig.
Wer allein ins Café geht, wird manchmal angeschaut, als hätte die Person vergessen, jemanden mitzubringen.
Wer allein reist, gilt entweder als mutig oder bemitleidenswert.
Dazwischen scheint wenig vorgesehen.
Wer am Wochenende sagt:
„Ich mache nichts und möchte niemanden sehen“,
muss sich beinahe entschuldigen.
Als wäre ein leerer Kalender ein medizinischer Notfall.
Vielleicht haben wir verlernt, Alleinsein als normalen Zustand zu betrachten.
Nicht als Zwischenphase.
Nicht als Mangel.
Nicht als Strafe.
Sondern als Raum.
Ich kann sehr gut allein sein
Das war nicht immer gleich.
Es gibt Phasen im Leben, da fühlt sich Alleinsein riesig an.
Eine Wohnung nach einer Trennung.
Ein Sonntag, an dem niemand anruft.
Ein Hotelzimmer.
Ein Abend, an dem man merkt, dass die Person, mit der man eigentlich sprechen möchte, nicht da ist.
Dann kann Stille laut werden.
Man hört plötzlich den Kühlschrank.
Die Heizung.
Die eigenen Gedanken.
Nicht alle davon sind hervorragende Gesellschaft.
Aber es gibt auch anderes Alleinsein.
Kaffee.
Ein Buch.
Musik.
Der Garten.
Schreiben.
Ein Hund in der Nähe.
Das Telefon irgendwo, wo ich es nicht sehe.
Und niemand erwartet etwas.
Das kann sich nicht leer anfühlen.
Sondern voll.
Einsamkeit hat nichts mit der Zahl der Menschen im Raum zu tun
Vielleicht kennt fast jeder diese Erfahrung:
Man sitzt mit Menschen zusammen und fühlt sich allein.
Eine Party.
Ein Tisch.
Ein Kollegium.
Eine Familie.
Eine Beziehung.
Alle sind da.
Und trotzdem kommt man nicht vor.
Nicht wirklich.
Man erzählt etwas.
Niemand hört richtig zu.
Man lacht an den richtigen Stellen.
Führt Gespräche.
Und denkt gleichzeitig:
Wenn ich jetzt ginge, würde eigentlich jemand merken, dass etwas fehlt?
Das ist Einsamkeit.
Nicht die Abwesenheit von Menschen.
Sondern die Abwesenheit von Verbindung.
Und Verbindung lässt sich nicht durch Teilnehmerzahlen herstellen.
Beziehungen schützen nicht automatisch vor Einsamkeit
Auch das ist unbequem.
Man kann verheiratet sein und einsam.
Eine große Familie haben und einsam.
Jeden Tag mit Menschen arbeiten und einsam.
Tausende Follower haben und einsam.
Vielleicht sogar besonders dann.
Denn wenn von außen alles nach Verbindung aussieht, wird die eigene Einsamkeit schwerer zu erklären.
„Aber du hast doch …“
Ja.
Und trotzdem.
Es gibt keinen mathematischen Beweis dafür, dass ein Mensch sich verbunden fühlen muss, nur weil andere Menschen in Reichweite sind.
Social Media macht das Ganze nicht einfacher
Ich mag Social Media.
Sonst würde ich vermutlich nicht seit Jahren so viel Zeit dort verbringen.
Es verbindet Menschen.
Ich habe darüber wunderbare Kontakte gefunden.
Menschen kennengelernt.
Bücher entdeckt.
Gespräche geführt.
Es kann Nähe herstellen, die ohne Internet nie entstanden wäre.
Aber Social Media kann auch eine beeindruckend effiziente Einsamkeitsmaschine sein.
Man sieht ständig:
Andere treffen sich.
Andere werden eingeladen.
Andere feiern.
Andere reisen.
Andere haben Freund:innen, die ihnen Blumen schicken.
Andere haben offenbar jeden Sonntag einen Tisch voller Menschen und selbstgebackenes Brot.
Man selbst sitzt mit Käsebrot auf dem Sofa.
Objektiv völlig in Ordnung.
Bis Instagram erklärt, dass offenbar gerade alle anderen ein sehr erfülltes Gemeinschaftsleben führen.
Natürlich stimmt das nicht.
Wir sehen Ausschnitte.
Das wissen wir.
Unser Gefühl interessiert sich nicht immer dafür.
Der Unterschied zwischen Rückzug und Verschwinden
Rückzug kann gesund sein.
Ich brauche ihn.
Aber Rückzug kann auch kippen.
Das ist eine wichtige Grenze.
Es gibt Tage, an denen ich niemanden sehen möchte und danach erholt bin.
Dann war Alleinsein genau richtig.
Und es gibt Rückzug, nach dem die Welt kleiner wird.
Man sagt Treffen ab.
Dann noch eins.
Antwortet später.
Dann gar nicht.
Irgendwann erscheint Kontakt anstrengender als Einsamkeit.
Das ist etwas anderes.
Vielleicht ist die entscheidende Frage:
Gibt mir der Rückzug Kraft?
Oder nimmt er mir zunehmend die Möglichkeit, wieder hinauszugehen?
Introvertiert ist nicht einsam
Auch diese Begriffe werden gern durcheinandergeworfen.
Manche Menschen laden ihre Batterien mit Gesellschaft.
Andere eher ohne.
Das ist kein Qualitätsurteil.
Niemand bekommt Punkte dafür, wie viele Menschen er am Samstag gesehen hat.
Ich finde kleine Begegnungen oft schöner als große Runden.
Ein Gespräch.
Zwei Menschen.
Zeit.
Nicht dieses soziale Tischtennis, bei dem acht Personen gleichzeitig versuchen, einen Satz unterzubringen.
Vielleicht liegt darin auch mein Verständnis von Nähe:
nicht möglichst viel Kontakt.
Sondern echter.
Freundschaften im Erwachsenenleben
Darüber habe ich auf DUNKELROT bereits ausführlich geschrieben.
Freundschaften verändern sich.
Das ist vielleicht einer der Gründe, warum Einsamkeit im Erwachsenenleben so heimlich auftreten kann.
In der Schule sieht man sich automatisch.
Im Studium.
In Ausbildung.
Am Anfang eines Berufslebens.
Dann wird Leben komplizierter.
Arbeit.
Partner:innen.
Kinder.
Pflege.
Umzüge.
Gesundheit.
Termine.
Menschen verschwinden nicht immer aus unserem Leben, weil etwas passiert ist.
Manchmal verliert man sich einfach im Alltag.
Und irgendwann merkt man:
Wir haben uns seit acht Monaten nicht gesehen.
Dabei mag ich dich immer noch.
Freundschaft braucht Pflege, aber keine Buchhaltung
Ich mag keine Beziehungen, in denen ständig gegengerechnet wird.
Ich habe zweimal geschrieben.
Du nur einmal.
Ich habe eingeladen.
Du nicht.
Natürlich sollte Beziehung nicht einseitig sein.
Aber Lebensphasen sind unterschiedlich.
Manchmal trägt eine Person mehr.
Später die andere.
Schwierig wird es dort, wo man dauerhaft nicht mehr vorkommt.
Wo Interesse nur noch eine Richtung kennt.
Dann kann eine Freundschaft, die einmal gegen Einsamkeit geholfen hat, selbst einsam machen.
Die Menschen, die bleiben
Vielleicht werden Beziehungen mit dem Alter deshalb anders wertvoll.
Nicht die Menge.
Die Verlässlichkeit.
Die Person, die weiß, wer man ist, ohne dass man die letzten zehn Jahre zusammenfassen muss.
Jemand, dem man eine Nachricht schicken kann, ohne vorher drei höfliche Absätze zu formulieren.
Menschen, bei denen Schweigen nicht peinlich wird.
Das ist selten.
Und kostbar.
Ein Hund verändert Alleinsein
Tiere machen Wohnungen anders.
Da ist ein anderes Lebewesen.
Geräusche.
Routine.
Bedürfnisse.
Man ist allein und gleichzeitig nicht allein.
Ein Hund interessiert sich allerdings nur eingeschränkt für philosophische Unterschiede zwischen Einsamkeit und Rückzug.
Er möchte raus.
Vielleicht ist genau das hilfreich.
Man kann einen sehr komplizierten inneren Tag haben.
Und dann muss der Hund trotzdem pinkeln.
Das Leben besitzt manchmal eine erfreulich bodenständige Dramaturgie.
Allein essen
Interessantes Thema.
Viele Menschen empfinden allein essen als traurig.
Ich nicht grundsätzlich.
Natürlich esse ich gern mit Menschen.
Aber ich kann auch allein essen.
Sehr gut sogar.
Das hat Vorteile.
Niemand möchte probieren.
Niemand kommentiert die Reihenfolge.
Man kann lesen.
Fernsehen.
Nichts tun.
Vielleicht ist es ein kleines Zeichen von Freiheit, Dinge, die gesellschaftlich für zwei gedacht scheinen, auch allein genießen zu können.
Restaurant.
Kino.
Reise.
Ausstellung.
Spaziergang.
Nicht immer.
Aber ohne das Gefühl:
Dazu brauche ich erst jemanden.
Allein reisen
Das ist nochmal eine andere Liga.
Da fehlt nicht nur Gesellschaft.
Man muss alles selbst entscheiden.
Wo hin?
Wo essen?
Was machen?
Wann zurück?
Das kann befreiend sein.
Und manchmal anstrengend.
Vielleicht lernt man beim Alleinreisen besonders schnell, ob man die eigene Gesellschaft eigentlich mag.
Ein ziemlich direkter Test.
Denn irgendwann sind Sehenswürdigkeiten gesehen.
Das Café schließt.
Und dann ist man da.
Mit sich selbst.
Was passiert, wenn niemand zusieht?
Das finde ich spannend.
Wer sind wir, wenn wir niemandem etwas zeigen müssen?
Was hören wir?
Was essen wir?
Wie verbringen wir Zeit?
Welche Kleidung tragen wir?
Was interessiert uns wirklich?
Alleinsein nimmt Publikum weg.
Und vielleicht entsteht dadurch manchmal etwas Ehrliches.
Kein Performance-Modus.
Keine Reaktion.
Kein „Wie kommt das an?“
Einfach:
Was möchte ich?
Eine Frage, die erstaunlich schwer sein kann.
Die Angst, etwas zu verpassen
Natürlich gibt es FOMO.
Fear of missing out.
Andere sind irgendwo.
Und ich nicht.
Früher wusste man wenigstens nicht immer, was man verpasste.
Ein großer Vorteil vergangener Jahrzehnte.
Heute kann man beim Nichtdabeisein live zuschauen.
Sehr serviceorientiert.
Vielleicht brauchen wir deshalb eine Gegenbewegung.
Nicht JOMO als weiteren Lifestyle-Begriff, den man anschließend optimieren muss.
Sondern einfach das Wissen:
Ich muss nicht überall sein.
Manches darf ohne mich stattfinden.
Rückzug als Selbstschutz
Manchmal brauche ich Abstand, weil etwas zu viel ist.
Menschen.
Arbeit.
Nachrichten.
Emotionen.
Internet.
Erwartungen.
Dann ist Rückzug keine Ablehnung der Welt.
Sondern Regulierung.
Vielleicht ist das eine Fähigkeit, die wir ernster nehmen sollten.
Zu merken:
Jetzt reicht es.
Nicht erst dann, wenn man alle Menschen hasst.
Sondern vorher.
Stille ist anfangs manchmal unangenehm
Wenn immer etwas läuft, wird Stille fremd.
Podcast.
Musik.
Fernsehen.
TikTok.
Nachrichten.
Radio.
Wir können jede Sekunde beschallen.
Und manchmal tue ich das auch.
Aber es ist interessant, was passiert, wenn nichts läuft.
Zuerst:
Gedanken.
Viele.
Herzlichen Glückwunsch.
Dann vielleicht Langeweile.
Und irgendwann etwas anderes.
Man bemerkt Dinge.
Licht.
Geräusche draußen.
Den Hund.
Den eigenen Körper.
Es klingt fast verdächtig achtsam.
Keine Sorge.
Ich kaufe uns jetzt keine Klangschale.
Einsamkeit nach Verlust
Es gibt eine Form von Einsamkeit, die kein Hobby und kein schöner Nachmittag allein lösen kann.
Wenn ein bestimmter Mensch fehlt.
Tod.
Trennung.
Kontaktabbruch.
Dann fehlt nicht „Gesellschaft“.
Es fehlt dieser Mensch.
Andere können da sein.
Liebevoll.
Aufmerksam.
Und trotzdem bleibt ein Loch, das nicht durch zusätzliche Personen aufgefüllt wird.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Trauer so einsam sein kann.
Die Welt geht weiter.
Aber die Person, mit der man genau diese Welt geteilt hat, ist nicht mehr da.
Mehr dazu in meiner Sammlung Bücher über Tod, Trauer und Abschied.
Mütter, Töchter, Familie
Auch Familienbeziehungen können Nähe und Einsamkeit gleichzeitig enthalten.
Man kennt einander seit Jahrzehnten.
Und versteht sich trotzdem nicht immer.
Vielleicht kennt jemand die Kindheitsversion von uns besser als die aktuelle.
Man wird in alte Rollen zurückgeschoben.
Das brave Kind.
Das schwierige.
Das vernünftige.
Und plötzlich sitzt man mit Menschen zusammen, die einen seit fünfzig Jahren kennen, und fühlt sich erstaunlich wenig gesehen.
Über genau diese Beziehung habe ich in Mütter und Töchter: Bücher über Liebe, Wut und das, was wir voneinander erben geschrieben – und über das Älterwerden der Eltern in Wenn die Eltern alt werden.
Alleinsein ist nicht automatisch Selbstliebe
Das klingt im Internet gern sehr schön:
„Wenn du gern allein bist, hast du dich selbst gefunden.“
Vielleicht.
Vielleicht schaut man aber auch einfach gern Serien und möchte niemandem die Fernbedienung geben.
Wir müssen nicht jede Vorliebe spirituell aufladen.
Man kann gern allein sein, ohne vollständig mit sich im Reinen zu sein.
Man kann sich selbst lieben und trotzdem andere brauchen.
Menschen sind komplizierter.
Zum Glück.
Sich selbst aushalten
Vielleicht ist das der wichtigere Ausdruck.
Nicht sich permanent großartig finden.
Sondern mit sich sein können.
Auch wenn die Stimmung nicht glänzend ist.
Nicht sofort jemanden brauchen, der das Gefühl wegmacht.
Traurigkeit.
Unsicherheit.
Langeweile.
Wir müssen nicht alles allein lösen.
Aber ein bisschen eigene Gesellschaft aushalten zu können, macht frei.
Bücher sind hervorragende Gesellschaft
Natürlich komme ich irgendwann zu Büchern.
Wie sollte es anders sein.
Ein Buch ist eine seltsame Form von Beziehung.
Da ist jemand.
Eine Stimme.
Eine Welt.
Aber sie verlangt nichts.
Man kann aufhören.
Zurückgehen.
Eine Seite zweimal lesen.
Das Buch ist nicht beleidigt.
Literatur kann Alleinsein füllen, ohne es abzuschaffen.
Vielleicht liebe ich sie auch deshalb.
Ein paar Bücher, die genau das können, habe ich in Warme Bücher für kalte Tage gesammelt. Und acht, die vom Alleinsein erzählen, stelle ich weiter unten in diesem Text vor.
Lesen ist gemeinsames Alleinsein
Das klingt widersprüchlich.
Ist aber genau das.
Ein Mensch sitzt allein.
Und gleichzeitig ist er in Kontakt mit Gedanken, Figuren, einer Autorin oder einem Autor.
Vielleicht sogar mit Menschen, die seit Jahrhunderten tot sind.
Lesen verbindet über Zeit und Raum.
Und trotzdem darf man dabei vollkommen für sich sein.
Besser wird Alleinsein kaum organisiert.
Acht Bücher, die vom Alleinsein erzählen
Weil Bücher hervorragende Gesellschaft sind, hier acht, die genau von diesem Zwischenraum erzählen: vom Alleinsein, von Einsamkeit und von dem, was zwischen beidem liegt.
Ein Bilderbuch, das Einsamkeit sichtbar macht
Manchmal sind es gerade die Bücher mit den wenigsten Worten, die einem Gefühl am nächsten kommen.
Britta Teckentrup hat mit „Einsam“ ein Bilderbuch geschaffen, das Einsamkeit nicht erklärt, sondern zeigt.
In Bildern, die still sind.
In Farben, die etwas aushalten.
In Szenen, in denen man sich wiederfindet, egal ob man vier Jahre alt ist oder vierundfünfzig.
Für mich ist es ein poetisches Buch über große Gefühle, für kleine und große Leserinnen und Leser.
Und es zeigt etwas Wichtiges:
Einsamkeit hat kein Alter.
Kinder kennen dieses Gefühl genauso.
Sie haben oft nur noch keine Worte dafür.
Ein Bilderbuch kann diese Worte nicht ersetzen.
Aber es kann einen Anfang machen.
Ein Gespräch eröffnen.
Oder einfach nur sagen: Ich sehe dich.
Meine ausführliche Rezension zu Britta Teckentrups „Einsam“ findest du hier.
Einsamkeit verstehen, ohne sich zu schämen
Es gibt Bücher, die man nicht wegen ihres Titels kauft.
Sondern trotz.
„Wege aus der Einsamkeit für Dummies“ von Andrea Wigfield gehört dazu.
Der Titel klingt nach Ratgeberregal.
Und genau das ist das Buch auch.
Aber ein gutes.
Es erklärt, wie Einsamkeit entsteht, warum sie so viele Menschen betrifft und was man konkret tun kann, um aus ihr herauszufinden.
Nüchtern.
Verständlich.
Ohne den erhobenen Zeigefinger.
Für mich war es ein Buch für alle, die sich in irgendeiner Form isoliert fühlen oder sich mit dem Thema Einsamkeit auseinandersetzen möchten, für sich selbst oder für andere.
Und vielleicht ist das sein wichtigster Beitrag:
Es nimmt der Einsamkeit die Scham.
Wer ein Sachbuch über ein Thema liest, macht es zu etwas, das man verstehen kann.
Und was man verstehen kann, ist nicht mehr ganz so bedrohlich.
Meine ausführliche Rezension zu Andrea Wigfields „Wege aus der Einsamkeit für Dummies“ findest du hier.
Verbundenheit kann man üben
Dr. Ruth Westheimer war für viele Menschen die Frau, die im Fernsehen ohne jede Verlegenheit über Sex sprach.
Lebensfroh.
Direkt.
Unerschrocken.
Ihr letztes Buch widmet sich einem ganz anderen Thema: Einsamkeit und soziale Verbundenheit.
In „Vom Glück der Zufriedenheit“ verbindet sie persönliche Erfahrungen mit psychologischen Ansätzen.
Und sie macht deutlich, dass Verbundenheit nicht einfach passiert.
Sie ist etwas, um das man sich kümmern kann.
Ein Anruf.
Ein Brief.
Ein Gespräch mit der Nachbarin.
Eine Einladung, auch wenn man sich nicht sicher ist, ob sie angenommen wird.
Das klingt nach kleinen Schritten.
Ist es auch.
Aber gegen Einsamkeit helfen selten große Gesten.
Sondern die vielen kleinen, die man wiederholt.
Mehr zum Buch steht in meiner Rezension zu „Vom Glück der Zufriedenheit“ von Dr. Ruth Westheimer.
Die stille Seite: Alleinsein als Weg nach innen
Nicht jedes Buch über Einsamkeit will sie loswerden.
Manche laden dazu ein, sie anzuschauen.
„Into the Lonely Woods“ von Lucy Cavendish ist so ein Buch.
Es betrachtet Einsamkeit als Teil einer inneren Reise.
Als Zeit, in der man in den stillen Momenten oft dem eigenen Kern begegnet.
Hoffnung, Freundlichkeit und innerer Frieden sind die Themen, um die es kreist.
Ein poetisches und visuell beeindruckendes Buch.
Man muss nicht jede spirituelle Deutung teilen, um etwas daraus mitzunehmen.
Denn die Grundidee ist alt und klug:
Wer gelernt hat, mit sich selbst allein zu sein, ist weniger auf jede Gesellschaft angewiesen.
Und kann sich die Menschen, mit denen er Zeit verbringt, freier aussuchen.
Wichtig ist nur, das eine nicht mit dem anderen zu verwechseln.
Stille, die man wählt, nährt.
Stille, die einem auferlegt wird, zehrt.
Meine ausführliche Rezension zu Lucy Cavendishs „Into the Lonely Woods“ findest du hier.
Allein mit der Trauer
Kaum etwas macht so einsam wie Trauer.
Nicht, weil niemand da wäre.
Sondern weil die anderen irgendwann weiterleben.
Die Beileidskarten werden weniger.
Die Anrufe auch.
Und man selbst steht immer noch an derselben Stelle.
Cariad Lloyd hat mit fünfzehn Jahren ihren Vater verloren.
Und sie kennt dieses Gefühl, mit dem Verlust ganz allein zu sein.
In „Im Club der Trauernden“ erzählt sie davon.
Und von all den Menschen, mit denen sie über das Trauern gesprochen hat.
Gerade dieser Gedanke ist tröstlich:
Dass es diesen Club gibt.
Dass niemand ihm freiwillig beitritt.
Aber dass man darin nicht allein ist.
Meine ausführliche Rezension zu Cariad Lloyds „Im Club der Trauernden“ findest du hier.
Noch mehr Bücher über das Verlieren habe ich in meiner Sammlung Bücher über Tod, Trauer und Abschied zusammengestellt.
Wenn ein Tier die Stille füllt
Während der Lockdowns haben viele Menschen erlebt, wie schnell ein Leben still werden kann.
Keine Begegnungen.
Keine Umarmungen.
Keine spontanen Gespräche im Treppenhaus.
Chloe Dalton hat in dieser Zeit ein junges Feldhasenkind gefunden.
„Hase und ich“ erzählt von dieser ungewöhnlichen Beziehung.
Von einem wilden Tier, das sich nicht zähmen lassen will.
Und von einer Frau, die dadurch lernt, genauer hinzusehen.
Es ist kein Buch über Einsamkeit im engeren Sinn.
Aber es zeigt, wie sehr eine Verbindung das Leben verändern kann.
Auch eine, die sich nicht in Worte fassen lässt.
Wer mit Tieren lebt, weiß das.
Ein Hund, der wartet.
Eine Katze, die sich auf die Zeitung legt.
Ein Leben, das einen braucht.
Manchmal ist genau das der Faden, der einen durch eine stille Zeit trägt.
Meine ausführliche Rezension zu Chloe Daltons „Hase und ich“ findest du hier.
Gemeinsam unterwegs, obwohl etwas fehlt
Großer Panda und Kleiner Drache leben zufrieden in einem Tempel hoch oben in den Bergen.
Und trotzdem spürt der Kleine Drache, dass ihm etwas fehlt.
Also brechen die beiden auf.
In „Großer Panda und Kleiner Drache: Die Reise“ erzählt James Norbury in wenigen Worten und sanften Bildern von dieser Suche.
Es ist ein Buch für Erwachsene, die sich manchmal wie Kinder fühlen.
Und für Kinder, die schon große Fragen haben.
Was mir daran gefällt:
Das Fehlen wird nicht wegerklärt.
Es darf da sein.
Und es wird leichter, weil man es nicht allein trägt.
Vielleicht ist das eine der schönsten Formen von Freundschaft.
Nicht, dass jemand die Leere füllt.
Sondern dass jemand mitgeht, während man sie erkundet.
Mehr zum Buch steht in meiner Rezension zu „Großer Panda und Kleiner Drache: Die Reise“ von James Norbury.
Einsamkeit, erklärt für die Kleinen
Ein Hund namens Jupp tollt mit seinem Lieblingsmenschen Robin durch den Park.
Dann zieht ein Gewitter auf.
Und plötzlich ist am anderen Ende der Leine niemand mehr.
„Hundsallein“ von Rob Biddulph erzählt von dieser Suche.
Von dem Moment, in dem die Welt zu groß wird.
Und von dem Glück, wiedergefunden zu werden.
Kinder kennen dieses Gefühl.
Im Supermarkt, wenn die Mutter hinter dem Regal verschwunden ist.
Am ersten Tag in der Kita.
Im neuen Klassenzimmer, in dem man noch niemanden kennt.
Bilderbücher wie dieses geben solchen Momenten eine Form.
Und sie lassen Kinder erleben, dass Verlorensein ein Ende haben kann.
Meine ausführliche Rezension zu Rob Biddulphs „Hundsallein“ findest du hier.
Musik kann denselben Raum füllen
Ein Lied.
Eine Stimme.
Und plötzlich fühlt sich ein Zimmer anders an.
Musik ist ebenfalls Gesellschaft, ohne dass jemand im Raum sein muss.
Sie kann erinnern.
Trösten.
Energie geben.
Der Garten
Noch so ein Ort.
Man ist allein und beschäftigt.
Erde.
Pflanzen.
Jahreszeiten.
Es passiert etwas, ohne dass jemand eine Nachricht schickt.
Der Garten fordert ebenfalls.
Aber anders.
Eine Pflanze muss gegossen werden.
Sie schickt dafür keine Mail mit „Friendly Reminder“.
Vielleicht ist das einer ihrer größten Vorzüge.
Einsamkeit ist ein gesellschaftliches Thema
Wir tun gern so, als wäre Einsamkeit ein persönliches Problem.
Finde Freund:innen.
Geh raus.
Mach einen Kurs.
Aber Gesellschaft verändert sich.
Menschen wohnen häufiger allein.
Familien leben weit auseinander.
Arbeit wird mobiler.
Gemeinschaftsorte verschwinden.
Kontakt wandert ins Digitale.
Das bedeutet nicht automatisch, dass früher alles besser war.
War es nicht.
Aber Einsamkeit entsteht nicht nur, weil einzelne Menschen etwas falsch machen.
Manchmal fehlen Strukturen.
Orte.
Zeit.
Erwachsene Freundschaften sind logistisch absurd
„Wir müssen uns unbedingt mal wieder sehen.“
Dann werden Kalender geöffnet.
Nächster freier Termin:
in sieben Wochen.
Wenn nichts dazwischenkommt.
Und irgendetwas kommt immer dazwischen.
Vielleicht brauchen Freundschaften deshalb weniger Perfektion.
Ein Kaffee.
Eine Stunde.
Spaziergang.
Sprachnachricht.
Nicht jedes Treffen braucht einen freien Samstag und ein Drei-Gänge-Menü.
Nähe darf kleiner sein.
Kontakte, die nur digital existieren
Auch sie können echt sein.
Das sage ich ausdrücklich.
Menschen im Internet können wichtig werden.
Man kann sich Dinge erzählen, die man im direkten Umfeld kaum bespricht.
Vielleicht weil Distanz manchmal Offenheit schafft.
Natürlich gibt es Grenzen.
Digitale Nähe ist nicht identisch mit physischer.
Aber „online“ bedeutet nicht automatisch „oberflächlich“.
Das wäre eine ziemlich altmodische Vorstellung.
Gleichzeitig ersetzt ein Like kein Gespräch
Hundert Likes können schön sein.
Aber sie fragen nicht:
Wie geht es dir wirklich?
Ein Kommentar kann Nähe ausdrücken.
Aber soziale Medien belohnen Geschwindigkeit.
Nicht unbedingt Tiefe.
Vielleicht brauchen wir beides.
Leichte Kontakte.
Und tiefe.
Nur sollte man sie nicht miteinander verwechseln.
Alleinsein als Luxus
Für manche Menschen ist Alleinsein keine Belastung.
Sondern etwas, das sie kaum bekommen.
Kinder.
Pflege.
Partnerschaft.
Arbeit.
Menschen, die ständig jemanden brauchen.
Dann können zwei Stunden allein wie Urlaub wirken.
Auch daran sieht man:
Alleinsein bekommt seine Bedeutung durch Kontext.
Was der eine fürchtet, ersehnt die andere.
Einsamkeit ist keine persönliche Niederlage
Vielleicht sollte dieser Satz irgendwo groß stehen.
Einsamkeit bedeutet nicht:
Du bist uninteressant.
Unfähig.
Nicht liebenswert.
Sie bedeutet zunächst:
Dir fehlt Verbindung.
Das kann viele Gründe haben.
Ein Umzug.
Verlust.
Krankheit.
Lebensphase.
Alter.
Arbeitsbedingungen.
Eine Beziehung, die nicht mehr trägt.
Man sollte das ernst nehmen.
Aber nicht moralisch bewerten.
Verbindung beginnt manchmal klein
Ein Gespräch.
Eine Nachricht.
Ein regelmäßiger Ort.
Hundewiese.
Buchhandlung.
Kurs.
Kolleg:in.
Nachbar:in.
Vielleicht entsteht Nähe nicht immer in diesem großen Moment:
„Wir sind jetzt beste Freund:innen.“
Sondern aus Wiederholung.
Man sieht sich.
Noch einmal.
Noch einmal.
Und irgendwann gehört jemand ein bisschen zum Leben.
Man darf Menschen vermissen und trotzdem gern allein sein
Auch das ist kein Widerspruch.
Ich kann einen Menschen vermissen.
Und trotzdem heute Abend niemanden sehen wollen.
Ich kann Freundschaften lieben und Rückzug brauchen.
Nähe und Distanz sind keine Gegner.
Vielleicht ist eine gute Beziehung sogar eine, in der beides möglich ist.
Das gute Alleinsein
Wie fühlt es sich an?
Ruhig.
Nicht leer.
Man muss niemanden erreichen.
Niemanden beeindrucken.
Die Zeit gehört ein bisschen mehr einem selbst.
Vielleicht ist genau das der Unterschied.
Einsamkeit fühlt sich an wie:
Niemand ist da.
Gutes Alleinsein wie:
Ich bin da.
Das klingt fast ein bisschen zu schön.
Aber vielleicht stimmt es trotzdem.
Und wenn Einsamkeit bleibt?
Dann sollte man sie nicht romantisieren.
Chronische Einsamkeit kann belasten.
Psychisch und körperlich.
Wenn Rückzug nur noch enger macht, wenn man leidet, wenn alles schwer wird, ist Hilfe sinnvoll.
Menschen sind soziale Wesen.
Wir brauchen Verbindung.
Nicht in derselben Menge.
Nicht in derselben Form.
Aber wir brauchen sie.
Die Kunst liegt vielleicht darin herauszufinden, welche.
Wenn Einsamkeit sehr schwer wird, wenn sie über Wochen nicht weggeht oder mit dunklen Gedanken einhergeht, dann ist das kein Grund zur Scham, sondern ein guter Grund, sich Hilfe zu holen. Die TelefonSeelsorge ist rund um die Uhr kostenlos und anonym erreichbar unter 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Für ältere Menschen gibt es außerdem das Silbertelefon von Silbernetz unter 0800 4 70 80 90.
Mein Fazit
Ich möchte nicht ständig unter Menschen sein.
Ich möchte aber auch nicht ohne Menschen leben.
Dazwischen liegt ziemlich viel.
Freundschaft.
Familie.
Bekanntschaften.
Onlinekontakte.
Der Hund.
Bücher.
Musik.
Gespräche.
Und Stille.
Vielleicht muss ein gutes Leben nicht maximal vernetzt sein.
Vielleicht braucht es nur einige Verbindungen, die wirklich tragen.
Und genug Raum, in dem man wieder bei sich ankommen kann.
Alleinsein ist nicht automatisch Einsamkeit.
Und Einsamkeit verschwindet nicht automatisch, sobald jemand den Raum betritt.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger fragen:
Wie viele Menschen habe ich?
Und häufiger:
Wo fühle ich mich verbunden?
Mit wem kann ich wirklich sprechen?
Bei wem darf ich schweigen?
Und kann ich manchmal auch mit mir selbst einen Abend verbringen, ohne sofort vor mir davonzulaufen?
Ich glaube, das ist eine ziemlich gute Mischung.
Menschen, die bleiben.
Räume, in denen ich allein sein darf.
Und die Freiheit, beides zu brauchen.
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Über die Autorin
Fidi ist die Stimme hinter DUNKELROT – einem kreativen Magazin für Poesie, Handmade und Gedankenräume. Sie schreibt über Bücher, die bleiben: selbst gelesen, ehrlich empfohlen.
