Weibliche Wut: Bücher über Frauen, die nicht mehr nett sein wollen

8c771a57792b4430bd5141712180a469

Es gibt Gefühle, die Frauen erstaunlich früh beigebracht werden.

Freundlichkeit.

Rücksicht.

Verständnis.

Geduld.

Empathie.

Anpassung.

Und dann gibt es Wut.

Die darf natürlich theoretisch existieren.

Praktisch soll sie bitte leise sein.

Kontrolliert.

Gut begründet.

Nicht peinlich.

Nicht zu laut.

Nicht unangenehm.

Nicht aggressiv.

Nicht hysterisch.

Nicht bitter.

Und möglichst so formuliert, dass sich niemand davon angegriffen fühlt.

Ein erstaunlich kompliziertes Anforderungsprofil für ein Gefühl, das eigentlich ziemlich schlicht funktioniert.

Etwas ist zu viel.

Etwas ist ungerecht.

Etwas tut weh.

Etwas überschreitet eine Grenze.

Und dann wird man wütend.

Eigentlich logisch.

Trotzdem scheint weibliche Wut gesellschaftlich noch immer eine besondere Art von Störung zu sein.

Ein Mann ist entschieden.

Eine Frau ist schwierig.

Ein Mann ist direkt.

Eine Frau ist aggressiv.

Ein Mann setzt sich durch.

Eine Frau ist anstrengend.

Man könnte darüber lachen, wenn es nicht so ermüdend wäre.

Vielleicht faszinieren mich Bücher über weibliche Wut deshalb so sehr.

Weil sie etwas sichtbar machen, das lange als unsympathisch galt.

Frauen, die nicht mehr gefallen wollen.

Frauen, die ihre Grenze bemerken.

Frauen, die aufhören, alles zu erklären.

Frauen, die aus Beziehungen ausbrechen.

Frauen, die sich nicht mehr damit begnügen, dass alle anderen zufrieden sind.

Frauen, die laut werden.

Und auch Frauen, deren Wut gar nicht laut ist.

Denn Wut kann viele Formen haben.

Sie kann explodieren.

Sie kann schweigen.

Sie kann einen Koffer packen.

Sie kann kündigen.

Sie kann einen Kontakt beenden.

Sie kann jahrelang unter einer höflichen Oberfläche liegen.

Und manchmal ist sie gar keine reine Wut.

Manchmal steckt darunter Enttäuschung.

Trauer.

Überforderung.

Angst.

Erschöpfung.

Oder das schlichte Wissen:

So geht es nicht weiter.

Ich habe über die Jahre viele Bücher gelesen, in denen Frauen wütend sind.

Offen.

Verdeckt.

Politisch.

Privat.

Auf Männer.

Auf Mütter.

Auf Arbeitgeber.

Auf ihren Körper.

Auf gesellschaftliche Erwartungen.

Auf sich selbst.

Und vielleicht ist genau das Spannende:

Weibliche Wut ist selten nur ein Gefühl.

Sie ist oft ein Hinweis.

Auf etwas, das vorher zu lange funktioniert hat.

Für andere.

Und nicht für die Frau selbst.

Illustration auf dunkelrotem Grund: eine Frau mit dunklen Haaren steht aufrecht mit verschränkten Armen, das Gesicht ohne Züge, daneben ein dornenbewehrter Zweig

Warum weibliche Wut so interessant ist

Wut hat einen schlechten Ruf.

Vor allem bei Frauen.

Sie gilt als unkontrolliert.

Unvernünftig.

Destruktiv.

Dabei ist Wut zunächst einmal Information.

Sie zeigt:

Hier stimmt etwas nicht.

Das heißt nicht, dass jede wütende Reaktion automatisch richtig ist.

Natürlich nicht.

Menschen können aus Wut verletzen.

Sie können unfair werden.

Sie können Dinge zerstören.

Aber das macht das Gefühl selbst nicht falsch.

Wir unterscheiden erstaunlich selten zwischen Gefühl und Handlung.

Ich kann wütend sein und trotzdem vernünftig handeln.

Ich kann sogar sehr wütend sein und nach außen ruhig bleiben.

Und manchmal ist genau diese ruhige Wut die stärkste.

Der Moment, in dem man nicht mehr schreit.

Sondern entscheidet.

Nein.

Nicht mehr.

Bis hierhin.

Vielleicht ist weibliche Wut deshalb so oft mit Veränderung verbunden.

Denn wer lange angepasst war, braucht manchmal eine ziemlich deutliche innere Energie, um etwas zu beenden.

Eine Beziehung.

Eine Rolle.

Ein Arbeitsverhältnis.

Ein Familienmuster.

Oder einfach die Erwartung, immer verfügbar zu sein.

Die fünfzehn Themen im Überblick

1. Miriam Stein: „Die gereizte Frau“

Natürlich muss dieses Buch hier hinein.

Schon der Titel.

„Die gereizte Frau“.

Nicht die entspannte.

Nicht die ausgeglichene.

Nicht die Frau, die gelernt hat, jeden Morgen zehn Minuten zu meditieren und danach ihre Grenzen liebevoll zu kommunizieren.

Die gereizte Frau.

Miriam Stein verbindet in ihrem Buch Wechseljahre, Hormone, gesellschaftliche Erwartungen, Alter und weibliche Wut.

Und genau das finde ich spannend.

Denn Gereiztheit wird bei Frauen gern medizinisiert.

Hormone.

Stress.

Schlafmangel.

Alles möglich.

Aber was, wenn man zusätzlich einfach genug hat?

Genug vom Funktionieren.

Genug vom Gefallen.

Genug von Rollen.

Genug davon, dass weibliche Lebensphasen immer wieder bewertet werden.

Zu jung.

Zu alt.

Zu laut.

Zu emotional.

Zu ehrgeizig.

Zu wenig ehrgeizig.

Zu sexy.

Zu unsexy.

Irgendwann könnte man tatsächlich gereizt werden.

Völlig unerklärlich.

Was ich an „Die gereizte Frau“ mag, ist deshalb nicht, dass ich jeder These uneingeschränkt zustimme.

Muss ich auch nicht.

Ein gutes Buch darf mich beschäftigen.

Es darf widersprechen.

Es darf nerven.

Es darf Gedanken anstoßen.

Und genau das macht dieses Buch.

Für wen? Für Frauen, die ihre Wut nicht nur individuell, sondern auch gesellschaftlich betrachten möchten.

Meine ausführliche Rezension zu Miriam Steins „Die gereizte Frau“ findest du hier.

2. „Wut und Liebe“: Warum starke Gefühle nebeneinander existieren dürfen

Wut und Liebe.

Zwei Gefühle, die erstaunlich gut zusammenpassen.

Auch wenn romantische Vorstellungen uns gern etwas anderes erzählen.

Wir werden selten auf Menschen wütend, die uns vollkommen egal sind.

Wut entsteht oft gerade dort, wo etwas wichtig ist.

Wo Erwartungen existieren.

Nähe.

Verletzlichkeit.

Liebe schützt nicht vor Konflikt.

Im Gegenteil.

Je näher ein Mensch uns ist, desto präziser kann er uns treffen.

Deshalb finde ich Geschichten interessant, in denen Frauen nicht nur lieben, sondern auch wütend sein dürfen.

Nicht als „verrückte Ex“.

Nicht als hysterische Ehefrau.

Nicht als komische Nebenfigur.

Sondern als vollständige Menschen.

Mit widersprüchlichen Gefühlen.

Eine Frau kann jemanden lieben und trotzdem gehen.

Sie kann jemanden vermissen und gleichzeitig wissen, dass die Beziehung ihr nicht gutgetan hat.

Sie kann wütend auf einen Menschen sein und ihn trotzdem lieben.

Diese Ambivalenz ist erwachsen.

Und literarisch viel interessanter als die Vorstellung, Gefühle müssten ordentlich sortiert sein.

Für wen? Für Leserinnen und Leser, die Beziehungsgeschichten mögen, in denen Nähe nicht mit Harmonie verwechselt wird.

3. Wenn Frauen aufhören, nett zu sein

„Sei nett.“

Wahrscheinlich einer der frühesten Sätze, die viele Mädchen lernen.

Nicht unbedingt ausdrücklich.

Manchmal reicht das Lob für angepasstes Verhalten.

Brav.

Pflegeleicht.

Vernünftig.

Hilfsbereit.

Und nichts davon ist schlecht.

Natürlich nicht.

Freundlichkeit ist eine wunderbare Eigenschaft.

Problematisch wird sie, wenn sie zur Pflicht wird.

Wenn ein Nein plötzlich unfreundlich wirkt.

Wenn Grenzen egoistisch erscheinen.

Wenn eine Frau das Gefühl hat, jedes Anliegen anderer zumindest emotional bearbeiten zu müssen.

Dann wird Nettsein Arbeit.

Unsichtbare Arbeit.

Und irgendwann vielleicht Wut.

Ich glaube, viele Frauen kennen diesen Moment:

Man sagt zum hundertsten Mal ja.

Und ist plötzlich völlig unverhältnismäßig wütend.

Nicht wegen dieses einen Ja.

Sondern wegen der 99 davor.

Wut hat ein Gedächtnis.

Sie sammelt.

Besonders dann, wenn wir sie ständig verschieben.

Kein Problem.

Mach ich.

Ist okay.

Nicht so schlimm.

Doch.

Manchmal ist es schlimm.

Und manchmal ist das erste ehrliche Nein der Anfang davon, wieder freundlicher zu werden.

Auch zu sich selbst.

4. Weibliche Wut in Beziehungen

Beziehungen sind ein ergiebiges Wutgebiet.

Überraschung.

Da leben zwei Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, Erwartungen, Gewohnheiten und Vorstellungen möglichst lange zusammen.

Was könnte schiefgehen?

Sehr viel.

Besonders interessant wird es dort, wo Arbeit innerhalb einer Beziehung ungleich verteilt ist.

Nicht nur Haushalt.

Auch Denken.

Planen.

Erinnern.

Organisieren.

Wer weiß, wann der nächste Termin ist?

Wer denkt an Geschenke?

Wer merkt, dass Waschmittel fehlt?

Wer organisiert Familienkontakte?

Wer hält Beziehungen am Laufen?

Diese unsichtbare Arbeit wird inzwischen häufiger als Mental Load bezeichnet.

Und wenn eine Person dauerhaft mehr davon trägt, entsteht nicht selten Wut.

Manchmal wegen einer Tasse.

Eines Handtuchs.

Eines vergessenen Termins.

Von außen sieht die Reaktion vollkommen überzogen aus.

„Warum regt sie sich wegen einer Tasse so auf?“

Tut sie nicht.

Sie regt sich wegen der letzten zehn Jahre auf.

Die Tasse hatte nur Pech und war gerade da.

Genau deshalb finde ich Bücher wichtig, die Beziehungskonflikte nicht auf weibliche „Überempfindlichkeit“ reduzieren.

Manchmal ist Wut eine ziemlich logische Reaktion auf strukturelle Ungleichheit.

5. Dana Spiotta: „Unberechenbar“

Sam Raymond ist 53.

Und sie macht etwas, das Frauen in Romanen erstaunlich schnell den Ruf einbringt, unvernünftig zu sein.

Sie handelt.

Nicht unbedingt klug.

Nicht immer sympathisch.

Aber aus einem eigenen inneren Impuls heraus.

„Unberechenbar“ ist für mich deshalb auch ein Buch über Wut.

Nicht unbedingt in Form von Schreien.

Sondern als Energie des Ausbruchs.

Was passiert, wenn eine Frau irgendwann merkt:

Ich möchte dieses Leben so nicht mehr.

Das ist eine gefährliche Erkenntnis.

Denn dann reicht es nicht mehr, sich einzureden, man sei eigentlich zufrieden.

Plötzlich entstehen Fragen.

Was möchte ich?

Was habe ich aufgegeben?

Welche Entscheidungen waren wirklich meine?

Welche habe ich getroffen, weil sie vernünftig waren?

Und was passiert, wenn ich jetzt etwas Unvernünftiges tue?

Ich finde solche Figuren enorm wichtig.

Frauen müssen in Literatur nicht immer Vorbilder sein.

Sie dürfen Fehler machen.

Sie dürfen egoistisch sein.

Sie dürfen Entscheidungen treffen, die ich selbst nicht treffen würde.

Männlichen Figuren erlauben wir diese Komplexität seit Jahrhunderten.

Frauen dürfen langsam aufholen.

Für wen? Für Menschen, die Romane über weiblichen Aufbruch, Unzufriedenheit und komplizierte Entscheidungen mögen.

Hier geht es zu meiner Rezension von „Unberechenbar“.

6. Wenn Wut mit dem Alter wächst

Vielleicht werden Frauen mit dem Alter tatsächlich wütender.

Ich finde diese Vorstellung gar nicht so erschreckend.

Vielleicht werden sie nur weniger bereit, ihre Wut zu verstecken.

Mit zwanzig möchte man vielleicht noch gefallen.

Mit dreißig funktionieren.

Mit vierzig alles irgendwie zusammenhalten.

Und irgendwann kommt möglicherweise der Moment:

Nein.

Ich mache das nicht mehr.

Das kann mit Wechseljahren zusammenfallen.

Muss aber nicht.

Es kann auch schlicht Lebenserfahrung sein.

Mit zunehmendem Alter weiß man besser, was Dinge kosten.

Zeit.

Energie.

Nerven.

Und dass davon nicht unendlich viel vorhanden ist.

Vielleicht wird man deshalb selektiver.

Welche Menschen möchte ich noch in meinem Leben?

Welche Diskussion führe ich nicht noch einmal?

Welche Erwartungen interessieren mich nicht mehr?

Das kann von außen wie Härte wirken.

Vielleicht ist es aber Klarheit.

Und Klarheit wird bei Frauen erstaunlich oft mit Unfreundlichkeit verwechselt.

7. Wut auf den eigenen Körper

Auch das gehört zu weiblicher Wut.

Wut auf den eigenen Körper.

Weil er sich verändert.

Weil er nicht funktioniert, wie man möchte.

Weil er krank wird.

Weil er altert.

Weil er zunimmt.

Weil er müde ist.

Weil er Schmerzen macht.

Diese Wut kann brutal sein.

Denn der Körper ist kein Mensch, von dem man sich trennen kann.

Er ist da.

Immer.

Und gleichzeitig verbringen viele Frauen Jahrzehnte damit, gegen ihn zu arbeiten.

Zu dick.

Zu dünn.

Zu weich.

Zu alt.

Zu faltig.

Zu wenig trainiert.

Zu irgendetwas.

Ein ziemlich absurdes Verhältnis, wenn man darüber nachdenkt.

Wir wohnen unser gesamtes Leben in einem Körper und behandeln ihn teilweise wie eine Immobilie mit gravierenden Baumängeln.

Kein Wunder, dass daraus Wut entsteht.

Vielleicht braucht es irgendwann einen Perspektivwechsel.

Nicht:

Wie bekomme ich meinen Körper wieder in den Zustand, in dem er früher war?

Sondern:

Wie lebe ich gut mit dem Körper, den ich jetzt habe?

Das ist keine Kapitulation.

Es ist Gegenwart.

8. „Frauen trainieren anders“: Wut auf Regeln, die nie für Frauen gemacht wurden

Ein Buch wie „Frauen trainieren anders“ passt für mich auch in diesen Zusammenhang.

Denn Wut kann entstehen, wenn man merkt, dass vermeintlich allgemeine Regeln gar nicht allgemein sind.

Medizin.

Sport.

Arbeitswelt.

Forschung.

Vieles wurde historisch lange vom männlichen Körper aus gedacht.

Frauen galten als Abweichung.

Als komplizierter.

Hormone.

Zyklus.

Schwangerschaft.

Menopause.

Lästige Sonderfälle.

Dabei ist ungefähr die Hälfte der Menschheit ein erstaunlich großer Sonderfall.

Ich mag deshalb Bücher, die den weiblichen Körper zum Ausgangspunkt machen.

Nicht weil Frauen grundsätzlich komplett anders wären.

Sondern weil Unterschiede berücksichtigt werden dürfen.

Wissen kann Wut übrigens sehr produktiv machen.

Denn diffuse Unzufriedenheit bekommt plötzlich eine Richtung.

Ach.

Das liegt nicht nur an mir.

Das System ist tatsächlich schlecht gebaut.

Eine ausgesprochen befreiende Erkenntnis.

Was ich über das Buch von Tabea Lorch geschrieben habe, liest du in meiner Rezension von „Frauen trainieren anders“.

9. Wut im Beruf

Frauen dürfen im Beruf selbstverständlich ehrgeizig sein.

Aber bitte angenehm ehrgeizig.

Selbstbewusst, aber nicht arrogant.

Durchsetzungsfähig, aber nicht dominant.

Freundlich, aber nicht zu weich.

Emotional intelligent, aber nicht emotional.

Und währenddessen bitte noch sympathisch.

Ich würde gern die Person kennenlernen, die diese Anforderungen gleichzeitig erfüllt.

Wahrscheinlich ein Labrador.

Wut im Beruf entsteht deshalb nicht nur aus konkreten Konflikten.

Sie kann aus permanenter Anpassung entstehen.

Aus Sexismus.

Aus schlechter Bezahlung.

Aus Überlastung.

Aus Unsichtbarkeit.

Oder aus dem Gefühl, für dieselbe Direktheit anders bewertet zu werden als ein männlicher Kollege.

Und besonders interessant wird das in der Lebensmitte.

Viele Frauen haben dann Jahrzehnte Berufserfahrung.

Sie kennen ihren Wert.

Und gleichzeitig erleben manche, dass Alter bei Frauen beruflich anders bewertet wird als bei Männern.

Jung genug, um attraktiv zu sein.

Alt genug, um Erfahrung zu haben.

Aber bitte nie sichtbar altern.

Ein beneidenswert logisches System.

Kein Wunder, wenn irgendwann jemand gereizt ist.

10. Wut auf die Mutter

Ein heikles Thema.

Aber literarisch ein großes.

Mütter und Töchter.

Liebe und Wut.

Nähe und Abgrenzung.

Kaum eine Beziehung trägt so viele Erwartungen.

Mütter werden häufig entweder idealisiert oder verantwortlich gemacht.

Manchmal beides gleichzeitig.

Was hat sie mir mitgegeben?

Was hat sie mir nicht gegeben?

Wo war sie zu nah?

Wo zu weit weg?

Welche Ängste habe ich übernommen?

Welche Sätze höre ich noch Jahrzehnte später im Kopf?

Wut auf die eigene Mutter kann sich besonders verboten anfühlen.

Denn Mütter sollen geliebt werden.

Dankbarkeit spielt eine große Rolle.

Und natürlich kann man dankbar sein.

Und trotzdem wütend.

Beides passt nebeneinander.

Vielleicht wird eine Beziehung sogar ehrlicher, wenn diese Ambivalenz erlaubt ist.

Bücher über Mütter und Töchter können dabei unglaublich viel auslösen.

Weil wir plötzlich eigene Geschichten wiedererkennen.

Und merken:

Familie ist selten einfach.

11. „Die Wahrheiten meiner Mutter“: Wut, Erinnerung und das, was weitergegeben wird

„Die Wahrheiten meiner Mutter“ gehört für mich deshalb auch in diese Liste.

Weil Mutter-Tochter-Beziehungen selten aus einem einzigen Gefühl bestehen.

Liebe.

Wut.

Bewunderung.

Abgrenzung.

Enttäuschung.

Nähe.

Alles kann nebeneinander existieren.

Und manchmal wird Wut sogar erst möglich, wenn man die eigene Mutter als Menschen erkennt.

Nicht als unfehlbare Instanz.

Nicht als Opfer.

Nicht als Schuldige für alles.

Sondern als Frau mit einer eigenen Geschichte.

Das macht Dinge nicht automatisch einfacher.

Aber differenzierter.

Vielleicht versteht man manches.

Vielleicht wird man über anderes erst recht wütend.

Auch das darf sein.

Verstehen bedeutet nicht automatisch Verzeihen.

Und Verzeihen ist ohnehin keine Pflicht.

Meine Rezension zu Vigdis Hjorths „Die Wahrheiten meiner Mutter“ findest du hier.

12. Wut auf die Erwartungen an Frauen

Sei unabhängig.

Aber nicht egoistisch.

Sei sexy.

Aber nicht billig.

Sei erfolgreich.

Aber bitte nicht einschüchternd.

Sei fürsorglich.

Aber verliere dich nicht selbst.

Sei eine gute Mutter.

Oder begründe überzeugend, warum du keine bist.

Sieh jung aus.

Aber bitte natürlich.

Lass dich nicht gehen.

Aber sei nicht oberflächlich.

Man könnte aus den widersprüchlichen Erwartungen an Frauen ein ziemlich unterhaltsames Gesellschaftsspiel machen.

Wenn es nicht so anstrengend wäre.

Wut kann hier eine gesunde Reaktion sein.

Denn irgendwann erkennt man vielleicht:

Ich kann dieses Spiel gar nicht gewinnen.

Egal was ich tue, irgendeine Erwartung wird verletzt.

Und dann kann man sich endlich eine wichtigere Frage stellen:

Was will ich eigentlich selbst?

Das klingt simpel.

Ist aber für Menschen, die jahrzehntelang auf andere geachtet haben, ziemlich radikal.

13. Wut und Sexualität

Auch hier gibt es Regeln.

Frauen sollen begehrenswert sein.

Aber ihr eigenes Begehren war gesellschaftlich lange deutlich komplizierter.

Besonders bei älteren Frauen.

Als würde Sexualität irgendwann höflich ausziehen.

Tut sie nicht zwingend.

Und auch hier kann Wut entstehen.

Auf Rollen.

Auf Scham.

Auf Veränderungen des Körpers.

Auf Partner.

Auf Erwartungen.

Auf die Vorstellung, weibliche Lust sei dekoratives Zubehör und nicht etwas Eigenes.

Literatur kann solche Themen wunderbar öffnen.

Weil Figuren Dinge fühlen dürfen, die Menschen im echten Leben vielleicht nicht aussprechen.

Begehren.

Frust.

Eifersucht.

Langeweile.

Wut.

Und die Frage:

Was will ich körperlich eigentlich noch?

Eine ziemlich interessante Frage in jeder Lebensphase.

14. Wenn Wut eigentlich Erschöpfung ist

Manchmal bin ich nicht wütend.

Ich bin müde.

Nur fühlt sich Müdigkeit irgendwann wie Wut an.

Das kennt vermutlich jeder Mensch, der schon einmal komplett überlastet war.

Ein kleiner Reiz.

Und plötzlich möchte man das gesamte System niederbrennen.

Nicht weil dieser eine Mensch etwas besonders Schlimmes getan hat.

Sondern weil kein Puffer mehr da ist.

Gerade bei Frauen, die viel Care-Arbeit übernehmen, kann das relevant sein.

Kinder.

Eltern.

Partner.

Beruf.

Haushalt.

Organisation.

Soziale Kontakte.

Und irgendwo dazwischen die eigene Person, die meistens auf der Liste unter „später“ steht.

Wenn diese Überlastung lange anhält, wird Wut verständlich.

Dann braucht es vielleicht nicht bessere Atemtechniken.

Sondern weniger Aufgaben.

Das ist ein Unterschied.

15. Darf weibliche Wut hässlich sein?

Ich finde diese Frage wichtig.

Denn selbst in feministischen Erzählungen soll weibliche Wut häufig produktiv sein.

Klar.

Politisch.

Transformativ.

Empowernd.

Aber echte Wut ist manchmal hässlich.

Sie kann ungerecht sein.

Peinlich.

Überzogen.

Sie kann sich gegen die falsche Person richten.

Das heißt nicht, dass alles erlaubt ist.

Natürlich tragen wir Verantwortung für unser Verhalten.

Aber Frauen sollten genauso das Recht auf komplizierte Gefühle haben wie Männer.

Eine weibliche Figur muss aus ihrer Wut keine gesellschaftliche Lektion produzieren.

Sie darf einfach wütend sein.

Literatur ist genau der richtige Ort dafür.

Was tun mit Wut?

Vielleicht nicht sofort wegmachen.

Das wäre mein erster Gedanke.

Wir sind sehr schnell darin, unangenehme Gefühle regulieren zu wollen.

Beruhigen.

Atmen.

Loslassen.

Alles sinnvoll.

Aber vorher könnte man fragen:

Warum bin ich eigentlich wütend?

Was ist passiert?

Welche Grenze wurde überschritten?

Ist das gerade ein einzelner Konflikt?

Oder ein Muster?

Will ich etwas verändern?

Manchmal braucht Wut Bewegung.

Ein Gespräch.

Eine Entscheidung.

Ein Nein.

Manchmal braucht sie einfach Zeit.

Und manchmal braucht sie professionelle Hilfe, besonders wenn sie ständig außer Kontrolle gerät oder Beziehungen zerstört.

Aber sie verdient zuerst einmal Aufmerksamkeit.

Wut ist nicht automatisch Stärke

Das ist mir wichtig.

Ich möchte weibliche Wut nicht romantisieren.

Nicht jede Wut ist revolutionär.

Nicht jede wütende Frau hat recht.

Menschen können aus Wut grausam werden.

Sie können manipulieren.

Sie können verletzen.

Auch Frauen.

Gleichberechtigung bedeutet schließlich auch das Recht, sich daneben zu benehmen.

Aber wir sollten weibliche Wut genauso ernst nehmen wie männliche.

Nicht automatisch pathologisieren.

Nicht lächerlich machen.

Nicht auf Hormone reduzieren.

Und nicht verlangen, dass Frauen jede berechtigte Wut so freundlich formulieren, dass niemand sich unwohl fühlt.

Mein Fazit: Vielleicht ist Wut manchmal der Anfang von Klarheit

Ich glaube nicht, dass Wut ein besonders angenehmes Gefühl ist.

Aber vielleicht ist sie manchmal notwendig.

Sie macht sichtbar, was wir lange verdrängt haben.

Eine ungerechte Beziehung.

Eine überfordernde Rolle.

Eine Grenzüberschreitung.

Eine Erwartung, die wir nicht mehr erfüllen wollen.

Vielleicht beginnt Veränderung nicht immer mit Mut.

Manchmal beginnt sie mit einem Satz wie:

Ich habe die Schnauze voll.

Nicht besonders poetisch.

Aber wirksam.

Die Bücher, die ich über weibliche Wut lese, interessieren mich deshalb nicht, weil ich möchte, dass Frauen wütender werden.

Sondern weil ich möchte, dass sie ihre Wut ernst nehmen dürfen.

Ohne sich dafür sofort zu entschuldigen.

Ohne sie kleinzureden.

Und ohne den üblichen Zusatz:

„Aber ich verstehe natürlich auch die andere Seite.“

Manchmal versteht man die andere Seite.

Und ist trotzdem wütend.

Das ist erlaubt.

Vielleicht ist weibliche Wut sogar eines der Gefühle, die uns besonders viel über unser Leben erzählen können.

Wo passe ich mich an?

Wo sage ich ja und meine nein?

Wo bin ich erschöpft?

Wo werde ich nicht ernst genommen?

Was möchte ich nicht mehr?

Und was will ich stattdessen?

Das sind keine kleinen Fragen.

Aber vielleicht braucht es manchmal genau diese Energie, um sie überhaupt zu stellen.

Wut muss nicht das Ende von etwas sein.

Manchmal ist sie der Moment, in dem eine Frau zum ersten Mal sehr deutlich hört, was sie selbst eigentlich denkt.

Und dann wird es interessant.

Weiterlesen auf Dunkelrot

Über die Autorin

Fidi ist die Stimme hinter DUNKELROT – einem kreativen Magazin für Poesie, Handmade und Gedankenräume. Sie schreibt über Bücher, die bleiben: selbst gelesen, ehrlich empfohlen.

➤ Mehr über mich  ·  Instagram: @dunkelrot.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert