Es gibt diese Vorstellung vom Neuanfang, die ich ein bisschen verdächtig finde.
Eine Frau steht irgendwo am Meer.
Die Haare wehen.
Sie trägt ein weißes Hemd.
Vielleicht hat sie gerade ihren Job gekündigt, ihren Mann verlassen oder ein kleines Haus in der Provence gekauft.
Und natürlich sieht sie dabei fantastisch aus.
Niemand steht daneben und fragt, ob sie eigentlich schon die Steuer gemacht hat.
Neuanfänge sehen im echten Leben meistens anders aus.
Sie beginnen nicht unbedingt am Meer.
Manchmal beginnen sie nachts um halb drei.
Mit einem Gedanken, der plötzlich da ist:
Ich will das nicht mehr.
Manchmal beginnen sie nach einer Trennung.
Nach einer Krankheit.
Nach einem Todesfall.
Mit den Wechseljahren.
Nach einer Kündigung.
Oder mitten in einem vollkommen normalen Dienstag, an dem objektiv überhaupt nichts passiert ist und man trotzdem plötzlich weiß:
So möchte ich die nächsten zwanzig Jahre nicht verbringen.
Ich finde diese Momente faszinierend.
Vielleicht weil ich inzwischen glaube, dass wir das Wort Neuanfang häufig falsch verstehen.
Es klingt nach einem klaren Schnitt.
Vorher.
Nachher.
Altes Leben.
Neues Leben.
Aber so ordentlich sind Menschen selten.
Wir nehmen uns schließlich mit.
Unsere Ängste.
Unsere Erfahrungen.
Unsere schlechten Angewohnheiten.
Unsere Geschichten.
Unsere Beziehungen.
Und leider auch diesen einen Karton, der seit dem vorletzten Umzug ungeöffnet im Keller steht.
Ein Neuanfang bedeutet nicht, dass alles bei null beginnt.
Vielleicht bedeutet er eher:
Ich entscheide neu, was ich mitnehme.
Und was nicht.
Genau deshalb lese ich so gern Bücher über Frauen, die ihr Leben verändern.
Nicht die Geschichten, in denen innerhalb von 250 Seiten sämtliche Probleme verschwinden und am Ende zufällig noch ein ausgesprochen attraktiver Mann vor einer Buchhandlung steht.
Obwohl gegen einen attraktiven Mann vor einer Buchhandlung grundsätzlich wenig einzuwenden wäre.
Mich interessieren die komplizierteren Geschichten.
Frauen, die zweifeln.
Frauen, die Fehler machen.
Frauen, die etwas verlieren.
Frauen, die nicht wissen, ob ihre Entscheidung richtig ist.
Frauen, die bleiben und trotzdem etwas verändern.
Frauen, die gehen.
Und besonders Frauen, die irgendwann entdecken, dass ein Neuanfang kein Privileg der Jugend ist.
Man darf mit 40 neu anfangen.
Mit 50.
Mit 60.
Mit 70.
Und vermutlich auch mit 83, wenn einem danach ist.
Das Leben besitzt erstaunlicherweise keine eingebaute Funktion, die ab einem bestimmten Geburtstag sämtliche Änderungen sperrt.
Warum uns Neuanfänge in der Lebensmitte so faszinieren
Mit zwanzig wird Veränderung erwartet.
Ausbildung.
Studium.
Erste Wohnung.
Erste große Liebe.
Beruf.
Umzüge.
Reisen.
Alles ist Bewegung.
Mit dreißig beginnt gesellschaftlich häufig eine andere Erzählung.
Jetzt sollte man langsam angekommen sein.
Beruf.
Partnerschaft.
Vielleicht Kinder.
Wohnung oder Haus.
Ein einigermaßen vernünftiges Leben.
Und irgendwann steht dieses Leben.
Zumindest von außen.
Das Problem ist nur:
Menschen bleiben nicht stehen.
Was mit 32 richtig war, muss mit 52 nicht mehr richtig sein.
Eine Beziehung kann sich verändern.
Ein Beruf kann seine Bedeutung verlieren.
Der Körper verändert sich.
Eltern werden alt.
Kinder werden erwachsen.
Freundschaften verschwinden oder entstehen neu.
Und manchmal verändert sich schlicht die eigene Vorstellung davon, was ein gutes Leben ist.
Das ist keine Krise.
Zumindest nicht automatisch.
Vielleicht ist es Entwicklung.
Trotzdem werden Veränderungen in der Lebensmitte erstaunlich schnell mit dem Wort „Midlife-Crisis“ versehen.
Besonders wenn sie ein bisschen unbequem werden.
Jemand kauft ein Motorrad?
Midlife-Crisis.
Jemand kündigt einen sicheren Job?
Midlife-Crisis.
Eine Frau verändert ihr Leben?
Da wird gern besonders gründlich nach einer psychologischen Erklärung gesucht.
Vielleicht ist die Erklärung manchmal ziemlich simpel:
Sie möchte etwas anderes.
Auch das ist erlaubt.
Die zwanzig Themen im Überblick
- 1. Dana Spiotta: „Unberechenbar“
- 2. Neuanfang bedeutet nicht immer Weggehen
- 3. Miriam Stein: „Die gereizte Frau“
- 4. Wenn der Beruf plötzlich nicht mehr passt
- 5. „Das Meno Power Buch“: Wenn Arbeit und Lebensmitte gleichzeitig verhandelt werden
- 6. Neuanfang nach einer Trennung
- 7. „Mein Mann“: Wenn eine Beziehung zum Mittelpunkt des eigenen Lebens wird
- 8. Wenn die Kinder groß werden
- 9. Neuanfang ohne Kinder
- 10. Elke Heidenreich: „Altern“
- 11. Neuanfang nach Verlust
- 12. „Hase und ich“: Wenn eine Begegnung den Blick verändert
- 13. Ein neues Verhältnis zum eigenen Körper
- 14. „Frauen trainieren anders“
- 15. Neue Freundschaften sind ebenfalls Neuanfänge
- 16. Der Awesome People Club und die Menschen, die einfach angefangen haben
- 17. Muss man für einen Neuanfang mutig sein?
- 18. Muss ich alles hinschmeißen?
- 19. Was möchte ich eigentlich noch?
- 20. Es ist nicht zu spät
1. Dana Spiotta: „Unberechenbar“
Wenn ich über Frauen und Neuanfänge nachdenke, lande ich ziemlich schnell bei Sam Raymond.
Sam ist 53.
Und sie tut etwas Unvernünftiges.
Ich mag allein diesen Ausgangspunkt.
Denn Frauenfiguren dürfen viel zu selten wirklich unvernünftig sein.
Sie dürfen Krisen haben, solange diese pädagogisch wertvoll bewältigt werden.
Sie dürfen sich verändern, solange am Ende klar ist, warum.
Sie dürfen ausbrechen, wenn anschließend eine bessere Version ihrer selbst erscheint.
Aber einfach etwas tun?
Aus Unzufriedenheit?
Aus Sehnsucht?
Aus einem Impuls?
Das wird interessanter.
In Dana Spiottas „Unberechenbar“ kauft Sam spontan ein heruntergekommenes Haus.
Und damit verändert sie nicht nur ihren Wohnort.
Sie bringt ihr bisheriges Leben in Bewegung.
Mich interessiert an diesem Roman gerade das Unordentliche.
Sam ist keine perfekte Heldin für einen Neuanfang.
Sie trifft Entscheidungen, über die man diskutieren kann.
Sie verletzt Menschen.
Sie ist widersprüchlich.
Gut so.
Denn echte Veränderung ist selten sauber.
Wenn wir etwas in unserem Leben verschieben, betrifft das häufig auch andere.
Partner.
Kinder.
Freunde.
Familie.
Und plötzlich steht die Frage im Raum:
Wie viel Egoismus darf ein Neuanfang enthalten?
Eine schwierige Frage.
Besonders für Frauen.
Denn von Frauen wird häufig erwartet, die Auswirkungen ihrer Entscheidungen auf alle anderen mitzudenken.
Was grundsätzlich keine schlechte Eigenschaft ist.
Nur sollte irgendwo in dieser Rechnung auch die Frau selbst auftauchen.
Für wen? Für Leserinnen und Leser, die keine hübsche Neuerfindungsgeschichte wollen, sondern eine komplizierte Frau in einer komplizierten Lebensphase.
Meine ausführliche Rezension zu Dana Spiottas „Unberechenbar“ findest du hier.
2. Neuanfang bedeutet nicht immer Weggehen
Wir verbinden Veränderung gern mit großen Gesten.
Kündigen.
Trennen.
Umziehen.
Auswandern.
Aber vielleicht findet der wichtigste Neuanfang manchmal statt, ohne dass sich die Adresse ändert.
Man kann in derselben Beziehung bleiben und sie verändern.
Im selben Haus.
Im selben Beruf.
Mit denselben Menschen.
Und trotzdem beginnen, anders zu leben.
Ein Nein sagen, wo früher automatisch ein Ja kam.
Einen Tag in der Woche freihalten.
Etwas anfangen, das immer verschoben wurde.
Eine Freundschaft beenden.
Eine neue beginnen.
Den eigenen Körper anders behandeln.
Hilfe annehmen.
Eine Aufgabe abgeben.
Weniger machen.
Mehr wollen.
Neuanfang muss nicht spektakulär aussehen.
Vielleicht ist das sogar eine der befreiendsten Erkenntnisse.
Wir müssen nicht unser gesamtes Leben niederbrennen, nur weil ein Zimmer renoviert werden muss.
Manchmal reicht eine Veränderung.
Und dann noch eine.
Bis man irgendwann zurückblickt und merkt:
Ich lebe inzwischen anders.
3. Miriam Stein: „Die gereizte Frau“
Was hat weibliche Wut mit Neuanfang zu tun?
Eine ganze Menge.
Denn Veränderung beginnt häufig nicht mit einer Vision.
Sondern mit Genervtheit.
Ich will das nicht mehr.
Dieser Satz ist noch kein Plan.
Aber er ist ein Anfang.
Miriam Steins „Die gereizte Frau“ beschäftigt sich mit Wechseljahren, weiblicher Wut, Alter und gesellschaftlichen Erwartungen.
Und gerade deshalb gehört das Buch für mich auch hierher.
Denn die Lebensmitte ist eine interessante Phase.
Man hat schon ziemlich viel Leben hinter sich.
Und hoffentlich noch ziemlich viel vor sich.
Das ist ein guter Zeitpunkt für eine Bestandsaufnahme.
Was davon möchte ich behalten?
Was nicht?
Vielleicht werden Frauen in dieser Phase nicht plötzlich „schwierig“.
Vielleicht sinkt nur die Bereitschaft, Dinge weiterhin hinzunehmen, die schon lange schwierig waren.
Das ist ein Unterschied.
Die Wechseljahre können körperlich und emotional herausfordernd sein.
Aber sie fallen eben auch in eine Lebensphase, in der viele andere Dinge gleichzeitig passieren.
Eltern werden älter.
Kinder brauchen einen vielleicht anders oder gar nicht mehr.
Beziehungen verändern sich.
Im Beruf hat man möglicherweise Jahrzehnte hinter sich.
Und plötzlich wird Zeit spürbarer.
Nicht dramatisch.
Aber konkret.
Will ich das wirklich noch zehn Jahre machen?
Zwanzig?
Diese Frage kann unbequem sein.
Aber sie kann auch unglaublich produktiv werden.
Für wen? Für Frauen, die spüren, dass ihre Unzufriedenheit vielleicht nicht nur ein Problem, sondern auch eine Information ist.
Meine ausführliche Rezension zu Miriam Steins „Die gereizte Frau“ findest du hier.
4. Wenn der Beruf plötzlich nicht mehr passt
Ein Beruf kann lange richtig sein.
Und irgendwann nicht mehr.
Das finde ich wichtig.
Wir behandeln berufliche Entscheidungen häufig so, als müssten sie für immer gelten.
Mit 20 oder 25 soll ein Mensch entscheiden, was er beruflich machen möchte.
Und dann bitte möglichst bis zur Rente.
Eine erstaunlich ambitionierte Prognose.
Natürlich können Menschen ihren Beruf jahrzehntelang lieben.
Aber sie dürfen sich auch verändern.
Vielleicht verändern sich Interessen.
Vielleicht Arbeitsbedingungen.
Vielleicht wird eine Tätigkeit zu belastend.
Vielleicht entsteht eine Geschäftsidee.
Vielleicht möchte man selbstständiger arbeiten.
Vielleicht will man weniger Verantwortung.
Oder mehr.
Ein beruflicher Neuanfang in der Lebensmitte ist allerdings anders als mit 25.
Es gibt Verpflichtungen.
Einkommen.
Versicherungen.
Vielleicht ein Haus.
Vielleicht Menschen, für die man Verantwortung trägt.
Deshalb ist „Mach einfach, was dich glücklich macht“ einer dieser Ratschläge, die auf Instagram erheblich besser funktionieren als bei der Bank.
Aber zwischen blindem Sprung und vollständigem Stillstand gibt es ziemlich viel Raum.
Man kann vorbereiten.
Testen.
Nebenbei beginnen.
Geld zurücklegen.
Weiterbilden.
Ein zweites Standbein aufbauen.
Manchmal besteht Mut nicht darin, alles hinzuschmeißen.
Sondern darin, über längere Zeit etwas Neues aufzubauen.
5. „Das Meno Power Buch“: Wenn Arbeit und Lebensmitte gleichzeitig verhandelt werden
Das ist einer der Gründe, warum ich „Das Meno Power Buch“ von Dr. Ute Brambrink und Claudia Rieß auch in diesem Zusammenhang interessant finde.
Wechseljahre finden nicht im luftleeren Raum statt.
Frauen gehen währenddessen arbeiten.
Und viele stehen genau in dieser Zeit beruflich an einem interessanten Punkt.
Sie haben Erfahrung.
Kompetenz.
Vielleicht Verantwortung.
Und gleichzeitig verändert sich möglicherweise der Körper.
Schlaf.
Energie.
Konzentration.
Belastbarkeit.
Das kann Fragen auslösen.
Möchte ich weiterarbeiten wie bisher?
Muss Arbeit immer größer werden?
Oder darf Erfolg irgendwann auch bedeuten, weniger zu arbeiten?
Eine bemerkenswert revolutionäre Vorstellung in einer Gesellschaft, die uns gern erzählt, jede freie Minute müsse irgendwie optimiert oder monetarisiert werden.
Vielleicht ist ein Neuanfang manchmal auch eine Reduktion.
Nicht höher.
Nicht schneller.
Nicht mehr.
Sondern besser.
Passender.
Eigener.
Für wen? Für Frauen, die berufliche Veränderung und Lebensmitte zusammendenken möchten.
Mehr zum Buch steht in meiner Rezension zu „Das Meno Power Buch“ von Dr. Ute Brambrink und Claudia Rieß.
6. Neuanfang nach einer Trennung
Trennungen sind seltsame Neuanfänge.
Denn meistens hat niemand nur Lust auf das Neue.
Da ist zunächst das Ende.
Selbst wenn man selbst gegangen ist.
Auch freiwillige Abschiede können wehtun.
Man verliert nicht nur einen Menschen.
Vielleicht verliert man Alltag.
Rituale.
Freunde.
Ein Zuhause.
Eine Vorstellung von Zukunft.
Pläne, die nie stattfinden werden.
Und manchmal eine Version von sich selbst.
Das wird in Geschichten über Neuanfänge gern übersprungen.
Frau verlässt Beziehung.
Frau zieht in charmante Wohnung.
Frau kauft Pflanze.
Frau findet sich selbst.
Die Pflanze gedeiht selbstverständlich.
Im echten Leben sitzt man vielleicht zwischen Umzugskartons und fragt sich, warum man ausgerechnet jetzt keinen Schraubenzieher findet.
Neuanfang nach einer Trennung bedeutet häufig, das eigene Leben neu zusammenzusetzen.
Was gehört mir?
Was möchte ich?
Wie verbringe ich meine Zeit?
Wer bin ich, wenn ich nicht mehr Teil dieses Wir bin?
Das kann schmerzhaft sein.
Und irgendwann vielleicht befreiend.
Beides darf gleichzeitig wahr sein.
7. „Mein Mann“: Wenn eine Beziehung zum Mittelpunkt des eigenen Lebens wird
Auch „Mein Mann“ lässt sich unter diesem Blickwinkel lesen.
Was passiert, wenn eine Beziehung so zentral wird, dass sich die eigene Identität darum organisiert?
Wer bin ich ohne den Blick des anderen?
Ohne seine Bestätigung?
Ohne die ständige Beschäftigung mit ihm?
Literatur über Beziehungen ist deshalb oft auch Literatur über Identität.
Wir verändern uns in Beziehungen.
Das ist normal.
Problematisch wird es vielleicht dort, wo die eigene Person kaum noch sichtbar ist.
Ein Neuanfang muss dann nicht zwingend Trennung bedeuten.
Vielleicht beginnt er mit einer anderen Frage:
Was gehört eigentlich mir?
Meine Interessen.
Meine Freundschaften.
Meine Zeit.
Meine Wünsche.
Ich finde diese Frage besonders für Frauen interessant, weil weibliche Identität gesellschaftlich lange sehr stark über Beziehungen definiert wurde.
Tochter.
Partnerin.
Ehefrau.
Mutter.
Großmutter.
Alles wichtige Beziehungen.
Aber dazwischen existiert noch ein Mensch.
Für wen? Für Leserinnen und Leser, die gern über Liebe, Abhängigkeit, Identität und die seltsamen Dinge nachdenken, die Menschen in Beziehungen tun.
Meine ausführliche Rezension zu Maud Venturas „Mein Mann“ findest du hier.
8. Wenn die Kinder groß werden
Auch das kann ein Neuanfang sein.
Jahrelang strukturiert Familie den Alltag.
Schule.
Termine.
Essen.
Fahrdienste.
Ferien.
Sorgen.
Organisation.
Und dann werden Kinder selbstständiger.
Vielleicht ziehen sie aus.
Plötzlich entsteht Raum.
Das kann schön sein.
Und schmerzhaft.
Denn auch eine gewünschte Entwicklung kann Verlust enthalten.
Man wollte schließlich, dass die Kinder selbstständig werden.
Und dann tun sie es.
Eine gewisse Frechheit.
Für viele Frauen entsteht damit eine neue Frage:
Was kommt jetzt?
Wenn Fürsorge jahrelang einen großen Teil des Lebens eingenommen hat, muss freie Zeit nicht automatisch Freiheit bedeuten.
Man muss vielleicht erst wieder herausfinden, was man mit ihr anfangen möchte.
Neue Interessen.
Alte Interessen.
Beruf.
Reisen.
Freundschaften.
Partnerschaft.
Oder einfach Ruhe.
Auch das ist ein Neuanfang.
9. Neuanfang ohne Kinder
Und natürlich besteht ein weibliches Leben nicht automatisch aus Mutterschaft.
Das sollte eigentlich kein bemerkenswerter Satz sein.
Ist es aber manchmal noch.
Frauen ohne Kinder erleben andere Übergänge.
Vielleicht bewusst kinderfrei.
Vielleicht ungewollt kinderlos.
Vielleicht irgendwo zwischen diesen Kategorien.
Und auch hier gibt es gesellschaftliche Vorstellungen darüber, wie ein Leben auszusehen hat.
Was kommt nach 40?
Nach 50?
Wenn bestimmte traditionelle Stationen fehlen?
Vielleicht genau das, was für diesen Menschen richtig ist.
Freundschaften.
Arbeit.
Kreativität.
Reisen.
Partnerschaft.
Tiere.
Familie in einer anderen Form.
Projekte.
Engagement.
Ruhe.
Abenteuer.
Ein erfülltes Leben besitzt keine vorgeschriebene Besetzungsliste.
Und vielleicht brauchen wir viel mehr Bücher, in denen Frauenleben selbstverständlich unterschiedlich aussehen dürfen.
10. Elke Heidenreich: „Altern“
Auch „Altern“ gehört für mich zum Thema Neuanfang.
Das klingt zunächst widersprüchlich.
Alter und Anfang.
Dabei passen die beiden Wörter wunderbar zusammen.
Denn solange etwas vor uns liegt, kann etwas beginnen.
Elke Heidenreich schreibt über das Älterwerden, über Erfahrungen, Verluste, Beziehungen und die Frage, wie man auf das eigene Leben schaut.
Und vielleicht verändert sich mit dem Alter tatsächlich etwas Entscheidendes:
Zeit wird wertvoller.
Mit zwanzig kann man sich vorstellen, Dinge irgendwann zu tun.
Irgendwann reisen.
Irgendwann schreiben.
Irgendwann etwas ändern.
Dieses Irgendwann scheint riesig.
Später bekommt es Konturen.
Und vielleicht entsteht daraus Mut.
Nicht weil Angst verschwindet.
Sondern weil die Alternative plötzlich ebenfalls einen Preis hat.
Was kostet es mich, nichts zu verändern?
Eine hervorragende Frage.
Für wen? Für Menschen, die Neuanfang nicht als Jugendthema betrachten, sondern als Teil des Älterwerdens.
Was ich sonst noch über Elke Heidenreichs „Altern“ denke, steht in meiner Rezension.
11. Neuanfang nach Verlust
Manche Neuanfänge sucht man sich nicht aus.
Ein Mensch stirbt.
Eine Krankheit verändert das Leben.
Ein Arbeitsplatz fällt weg.
Etwas endet, obwohl man es unbedingt behalten wollte.
Dann klingt das Wort Neuanfang möglicherweise geradezu zynisch.
Niemand muss einen Verlust sofort als Chance betrachten.
Dieser Zwang, aus jeder Katastrophe persönliches Wachstum zu extrahieren, ist ziemlich anstrengend.
Manche Dinge sind einfach schlimm.
Punkt.
Und trotzdem entsteht irgendwann ein Danach.
Nicht weil man es wollte.
Sondern weil Zeit weitergeht.
Vielleicht beginnt Neuanfang hier ganz klein.
Zum ersten Mal wieder lachen.
Allein irgendwo hingehen.
Eine Entscheidung treffen.
Etwas planen.
Ein Tag, der nicht vollständig vom Verlust bestimmt wird.
Das reicht.
Man muss aus Trauer kein neues, besseres Ich bauen.
Weiterleben ist bereits genug.
12. „Hase und ich“: Wenn eine Begegnung den Blick verändert
Neuanfänge müssen nicht immer aus großen Entscheidungen entstehen.
Manchmal verändert eine Begegnung etwas.
Ein Mensch.
Ein Tier.
Ein Buch.
Ein Ort.
„Hase und ich“ ist für mich auch deshalb ein Buch über Veränderung.
Eine Begegnung mit einem wilden Tier verändert die Aufmerksamkeit.
Plötzlich wird etwas wichtig, das vorher nicht Teil des eigenen Lebens war.
Ich mag diesen Gedanken.
Dass wir nicht jeden Neuanfang planen können.
Manche passieren uns.
Und vielleicht müssen wir nur aufmerksam genug sein, sie zu bemerken.
Für wen? Für Menschen, die leise Veränderungen und Geschichten über die Verbindung zwischen Mensch und Natur mögen.
Meine ausführliche Rezension zu Chloe Daltons „Hase und ich“ findest du hier.
13. Ein neues Verhältnis zum eigenen Körper
Mit 50 sieht der Körper möglicherweise anders aus als mit 30.
Eine bahnbrechende Erkenntnis.
Und trotzdem behandelt unsere Kultur das gern wie einen bedauerlichen Produktionsfehler.
Falten.
Gewicht.
Haare.
Haut.
Muskeln.
Hormone.
Alles verändert sich.
Vielleicht kann auch hier ein Neuanfang stattfinden.
Nicht in Form des nächsten Programms, mit dem wir unseren Körper möglichst effizient zurück in eine frühere Version zwingen.
Sondern in der Beziehung zu ihm.
Was braucht dieser Körper jetzt?
Wie möchte ich mich bewegen?
Was tut mir gut?
Wie möchte ich aussehen?
Und für wen eigentlich?
Diese Fragen können unglaublich befreiend sein.
Nicht weil Selbstzweifel danach verschwinden.
Aber weil man vielleicht aufhört, permanent gegen die Gegenwart anzukämpfen.
14. „Frauen trainieren anders“
Tabea Lorchs „Frauen trainieren anders“ passt für mich genau hier hinein.
Das Buch setzt beim weiblichen Körper an und betrachtet Training und körperliche Voraussetzungen aus dieser Perspektive.
Was ich daran für einen Neuanfang interessant finde:
Man kann Bewegung neu denken.
Nicht als Strafe.
Nicht als Reparatur.
Nicht als Versuch, wieder 25 zu werden.
Sondern als etwas, das zum jetzigen Leben passt.
Stärker werden.
Beweglicher.
Sich besser fühlen.
Den eigenen Körper spüren.
Vielleicht ist das ein wesentlich interessanteres Ziel als irgendeine Zahl auf einer Waage.
Für wen? Für Frauen, die ihren Körper nicht zurückhaben, sondern mit ihrem jetzigen Körper weiterleben möchten.
Mehr dazu in meiner Rezension zu „Frauen trainieren anders“ von Tabea Lorch.
15. Neue Freundschaften sind ebenfalls Neuanfänge
Wir reden viel über neue Liebe.
Erstaunlich wenig über neue Freundschaften.
Dabei können Menschen auch mit 40, 50 oder 70 neue Freunde finden.
Zum Glück.
Freundeskreise verändern sich.
Menschen ziehen weg.
Lebenswege entwickeln sich auseinander.
Manche Freundschaften halten.
Andere nicht.
Und irgendwann kann ein neuer Mensch auftauchen, mit dem plötzlich eine Nähe entsteht, die man nicht erwartet hat.
Ich finde das wunderschön.
Es widerspricht dieser Vorstellung, irgendwann sei das soziale Leben fertig eingerichtet.
Ist es nicht.
Wir dürfen immer noch neue Menschen kennenlernen.
Und manchmal verändern genau diese Begegnungen unser Leben stärker als romantische Beziehungen.
16. Der Awesome People Club und die Menschen, die einfach angefangen haben
Genau deshalb denke ich beim Thema Neuanfang auch an meinen Awesome People Club.
An die Menschen, mit denen ich über ihre Arbeit, Kreativität, Ideen, Projekte und Lebenswege gesprochen habe.
Was mich an solchen Geschichten immer wieder interessiert:
Von außen sehen Entwicklungen häufig viel geradliniger aus, als sie tatsächlich waren.
Wir sehen irgendwann das Ergebnis.
Ein Unternehmen.
Ein Buch.
Kunst.
Ein Projekt.
Eine Marke.
Was wir weniger sehen, sind die Jahre davor.
Zweifel.
Umwege.
Nebenjobs.
Fehler.
Versuche.
Diese Geschichten erinnern mich daran, dass Neuanfang selten ein einziger mutiger Moment ist.
Oft besteht er aus hundert kleinen Entscheidungen.
Heute noch einmal.
Morgen wieder.
Und irgendwann ist aus einer Idee ein anderes Leben geworden.
Alle Porträts findest du im Awesome People Club.
17. Muss man für einen Neuanfang mutig sein?
Nicht unbedingt.
Das finde ich beruhigend.
Man kann Angst haben und trotzdem anfangen.
Mut wird häufig so beschrieben, als fühle man sich dabei stark.
Vielleicht fühlt man sich in Wirklichkeit manchmal einfach nur schlecht vorbereitet.
Man zweifelt.
Man rechnet.
Man schläft nicht.
Man fragt drei Menschen nach ihrer Meinung und ist danach verwirrter als vorher.
Und dann macht man trotzdem den nächsten Schritt.
Das reicht.
Man muss nicht erst ein mutiger Mensch werden.
Vielleicht entsteht Mut sogar rückwirkend.
Man schaut irgendwann zurück und denkt:
Interessant.
Ich habe das tatsächlich gemacht.
18. Muss ich alles hinschmeißen?
Nein.
Bitte nicht allein deshalb, weil irgendein Artikel über Neuanfang sehr überzeugend klang.
Veränderung darf geplant werden.
Besonders wenn finanzielle Verpflichtungen existieren.
Ein Sicherheitsnetz ist nichts Unromantisches.
Es ist ein Sicherheitsnetz.
Man darf einen neuen Beruf testen.
Ein Projekt nebenbei beginnen.
Sparen.
Informationen sammeln.
Einen Kurs machen.
Gespräche führen.
Die Vorstellung, echte Veränderung müsse radikal sein, ist Unsinn.
Langsame Veränderung ist ebenfalls Veränderung.
Vielleicht sogar nachhaltigere.
19. Was möchte ich eigentlich noch?
Das ist vermutlich die Kernfrage dieses ganzen Artikels.
Nicht:
Was sollte ich noch erreichen?
Nicht:
Was erwarten andere?
Sondern:
Was möchte ich?
Vielleicht lautet die Antwort gar nicht spektakulär.
Mehr schlafen.
Weniger arbeiten.
Mehr schreiben.
Einen Garten.
Reisen.
Ein eigenes Projekt.
Wieder verliebt sein.
Mehr Zeit mit Tieren.
Allein sein.
Nicht allein sein.
Kreativer arbeiten.
Eine Wohnung in der Stadt.
Ein Haus auf dem Land.
Nichts davon muss beeindruckend sein.
Es muss nur zum eigenen Leben passen.
20. Es ist nicht zu spät
Ich weiß nicht, warum wir Menschen so gern imaginäre Fristen für unser Leben erfinden.
Mit 30 müsste.
Mit 40 sollte.
Mit 50 ist es zu spät.
Wer hat diese Regeln eigentlich aufgestellt?
Natürlich verändern sich Möglichkeiten.
Mit 70 beginnt man vermutlich keine 45-jährige Karriere mehr.
Biologie und Zeit existieren.
Aber zwischen „nicht alles ist möglich“ und „nichts Neues ist mehr möglich“ liegt ein riesiger Raum.
Man kann mit 50 ein Unternehmen gründen.
Mit 60 verliebt sein.
Mit 70 umziehen.
Mit 80 eine neue Freundin finden.
Oder mit 52 endlich etwas anfangen, über das man seit zehn Jahren nachdenkt.
Das Leben wird nicht dadurch wertvoll, dass jede Entscheidung früh getroffen wurde.
Mein Fazit: Ein Neuanfang muss nicht wie ein Neuanfang aussehen
Vielleicht gefällt mir dieser Gedanke am besten.
Man muss nicht am Meer stehen.
Keine wehenden Haare.
Kein weißes Hemd.
Kein dramatischer Soundtrack.
Vielleicht sitzt man einfach am Küchentisch.
Mit Kaffee.
Und einem Blatt Papier.
Oder einem offenen Laptop.
Und schreibt zum ersten Mal auf:
Was will ich eigentlich?
Vielleicht passiert danach zunächst überhaupt nichts.
Dann eine kleine Sache.
Dann noch eine.
Und irgendwann hat sich etwas verschoben.
Die Bücher über Frauen, die ihr Leben verändern, mag ich genau deshalb.
Sie erinnern mich daran, dass ein Leben nicht irgendwann fertig ist.
Wir dürfen Entscheidungen überprüfen.
Wir dürfen etwas wollen, das früher nicht wichtig war.
Wir dürfen etwas verlassen, das einmal richtig war.
Wir dürfen bleiben und trotzdem verändern.
Wir dürfen scheitern.
Zurückgehen.
Noch einmal anfangen.
Und wir müssen dabei nicht zu einer vollkommen neuen Person werden.
Vielleicht geht es überhaupt nicht darum, jemand anderes zu werden.
Vielleicht geht es darum, wieder genauer herauszufinden, wer man inzwischen geworden ist.
Mit allem, was dazugehört.
Alter.
Erfahrung.
Fehler.
Verluste.
Wünsche.
Wut.
Mut.
Und diesem gelegentlich ziemlich hartnäckigen Gedanken:
Da geht noch was.
Ich finde, auf den sollte man hören.
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Über die Autorin
Fidi ist die Stimme hinter DUNKELROT – einem kreativen Magazin für Poesie, Handmade und Gedankenräume. Sie schreibt über Bücher, die bleiben: selbst gelesen, ehrlich empfohlen.
