Astrologie gilt heute als das, was Frauen glauben, und Astronomie als das, was Männer wissen. Diese Aufteilung ist keine dreihundert Jahre alt. In diesem Beitrag geht es darum, wie sie entstanden ist — und wer dabei die Rechnungen gemacht hat.
Astrologie war nie Frauenwissen.
Sie wurde es, nachdem man sie abgewertet hatte.
Inhalt
- Ein halbes Augenrollen
- Als der Himmel noch ein Handwerk war
- Der Komet, den sie nicht unterschreiben durfte
- Wer die Akademie bezahlt hat
- Die Tür, die ein Schloss bekam
- Was daraus folgt. Und was nicht.
- Warum ich nicht zwölf Absätze schreibe
- Dunkelrot-Reminder: Du musst dich nicht entschuldigen
1. Ein halbes Augenrollen
Es gibt eine bestimmte Sorte Lachen, wenn Astrologie zur Sprache kommt. Du kennst es. Ein halbes Augenrollen, ein Satz über Sternzeichen, und die Sache ist erledigt.
Auffällig daran ist nicht das Lachen. Auffällig ist, wie zielsicher es ist.
Über Menschen, die an Bauchgefühl bei Personalentscheidungen schwören, wird nicht so gelacht. Über Managementratgeber mit erfundenen Persönlichkeitstypen auch nicht. Über Fußballaberglauben schon gar nicht — der gilt als Folklore.
Der Unterschied ist selten der Wahrheitsgehalt. Der Unterschied ist, wer es liest.
Und weil das so ist, lohnt ein Blick zurück auf den Moment, in dem diese Aufteilung entstand. Er liegt näher, als die meisten denken.
2. Als der Himmel noch ein Handwerk war
Bis weit ins 17. Jahrhundert gab es die Trennung nicht, die wir heute für selbstverständlich halten.
Wer den Himmel berechnete, deutete ihn auch. Kepler stellte Horoskope. Das war kein peinliches Nebengeschäft, sondern Teil der Stellenbeschreibung. Fürstenhöfe bezahlten Mathematiker dafür, Planetenstände auszurechnen und zu sagen, was sie bedeuteten. Beides kam aus derselben Tabelle.
Die Rechenarbeit war die eigentliche Leistung. Ephemeriden aufstellen, Bahnen fortschreiben, Kalender erstellen — mühsam, langwierig, ohne Maschine.
Und diese Arbeit fand nicht an Universitäten statt. Sie fand in Werkstätten statt. In Haushalten.
Das ist der entscheidende Punkt.
Universitäten nahmen keine Frauen auf. Werkstätten schon — nicht aus Überzeugung, sondern weil in einem Handwerksbetrieb alle mitarbeiten, die da sind. Ehefrauen, Töchter, Schwestern. Wer rechnen konnte, rechnete.
Solange die Himmelskunde ein Handwerk war, war sie für Frauen erreichbar.
3. Der Komet, den sie nicht unterschreiben durfte
Maria Margaretha Winkelmann wurde 1670 bei Leipzig geboren, als Tochter eines lutherischen Pfarrers. Mit dreizehn war sie Vollwaise. Astronomie lernte sie bei Christoph Arnold, einem Landwirt in der Nachbarschaft, der sich das Fach selbst beigebracht hatte und als Beobachter einen Namen hatte. Sie wurde seine inoffizielle Schülerin und später seine Assistentin.
1692 heiratete sie den Astronomen Gottfried Kirch. Von da an arbeiteten beide zusammen — offiziell er, faktisch sie beide.
In der Nacht des 21. April 1702 entdeckte sie einen Kometen. Sie gilt damit als erste Frau, der das gelang.
Veröffentlicht wurde die Entdeckung unter dem Namen ihres Mannes.
Nicht heimlich. Nicht bösartig. Einfach so, wie es lief: Die Akademie hatte einen Astronomen angestellt, und der hieß Gottfried Kirch. Erst 1710, im Jahr seines Todes, stellte er in einer akademischen Schrift richtig, dass die Entdeckung von seiner Frau stammte.
Da war sie vierzig und hatte achtzehn Jahre lang Himmelsmechanik gerechnet.
Nach seinem Tod bewarb sie sich auf seine Stelle. Sie schrieb der Berliner Akademie und wartete. Anderthalb Jahre lang. Gottfried Wilhelm Leibniz, damals Präsident der Sozietät, sprach sich für sie aus.
1712 lehnte der Exekutivrat ab. Begründung: ihr Geschlecht.
Im selben Jahr erschien von ihr eine Schrift über die bevorstehende Konjunktion von Jupiter und Saturn.
(Wikipedia, FrauenOrte Brandenburg)
4. Wer die Akademie bezahlt hat
Jetzt kommt der Teil, an dem die Geschichte kippt.
Die Berliner Akademie hatte 1700 ein Kalenderprivileg erhalten. Sie durfte als einzige die amtlichen Kalender für Brandenburg und Preußen herausgeben — und die verkauften sich. Der Kalenderverkauf war über ein Jahrhundert lang die Haupteinnahmequelle der Akademie.
Diese Kalender enthielten Planetenstände, Mondphasen, Finsternisse. Und Deutungen. Günstige Tage, ungünstige Tage, Wetterprognosen aus Konstellationen. Astrologie und Astronomie in einem Heft, weil das damals kein Widerspruch war.
Gerechnet wurden sie von der Familie Kirch. Gemeinsam.
Maria Margaretha rechnete weiter, nachdem man ihr die Stelle verweigert hatte. Ab 1716 durfte sie an der Akademie arbeiten — als Assistentin ihres Sohnes.
Und nach ihrem Tod und dem ihres Sohnes übernahmen ihre Töchter Christine und Marie die Kalenderberechnungen. Dreißig Jahre lang.
Halten wir das nebeneinander:
Eine wissenschaftliche Institution schließt Frauen aus. Grundsätzlich. Aktenkundig.
Und finanziert sich jahrzehntelang aus Berechnungen, die Frauen machen.
Das ist so dreist, dass es fast wieder komisch ist.
5. Die Tür, die ein Schloss bekam
Im Lauf des 18. Jahrhunderts trennten sich die beiden Hälften. Astronomie wurde Wissenschaft, Astrologie wurde Aberglaube. Für die Astronomie war das eine gute Entwicklung — Präzision, Überprüfbarkeit, Berechenbarkeit haben uns Finsternisvorhersagen auf die Sekunde gebracht.
Aber die Trennung verlief nicht nur zwischen zwei Methoden. Sie verlief auch zwischen zwei Orten.
Die eine Hälfte zog um. Von der Werkstatt in die Akademie, von der Familie ans Institut, vom Handwerk in den Beruf.
Und die Akademien nahmen keine Frauen. Die Institute auch nicht. Der Umzug war eine Tür, und die Tür hatte ein Schloss.
Die andere Hälfte blieb, wo sie war. Zugänglich, unbezahlt, ohne Titel. Und damit weiter erreichbar für alle, denen die erste Hälfte verschlossen war.
Nicht weil Astrologie weiblich wäre.
Sondern weil sie der Teil war, den man nicht wegschließen konnte.
Die Zuschreibung kam hinterher. So läuft das oft: Erst wird ein Bereich abgewertet, dann füllt er sich mit denen, die anderswo nicht hineindürfen, und irgendwann heißt es, er sei abgewertet, weil diese Leute darin sind.
Ganz dicht war die Tür übrigens nie — und die Ausnahmen zeigen die Regel besonders deutlich.
In Paris förderte der Astronom Jérôme de Lalande gezielt Frauen. 1786 veröffentlichte er unter dem Titel Astronomie des dames ein Überblickswerk für weibliches Lesepublikum, in dem er rund zwanzig Astronominnen aufzählte. Eine davon, Louise du Pierry, wurde die erste Professorin für Astronomie. (Wikipedia)
Lies den Satz noch einmal, und achte darauf, wo das Subjekt steht.
Er förderte. Er veröffentlichte. Er zählte auf.
Nichts davon nimmt den Frauen ihre Leistung. Aber der Zugang lief über einen Mann, der bereit war, ihn zu gewähren — und bei dem, was Maria Margaretha Kirch anging, war Leibniz zwar bereit, aber nicht mächtig genug. Das ist der Unterschied zwischen einer offenen Tür und einer, die jemand für dich aufhält, wenn er gerade Lust hat.
6. Was daraus folgt. Und was nicht.
Hier muss ich aufpassen, und du darfst mich beim Wort nehmen.
Aus dieser Geschichte folgt nicht, dass Astrologie stimmt. Kein einziges Wort oben ist ein Beleg dafür, dass Planetenstände Charakter oder Zukunft bestimmen. Wer die Geschichte so benutzt, benutzt sie falsch.
Was folgt, ist etwas anderes und Kleineres.
Dass die Grenze zwischen seriösem und lächerlichem Wissen nicht nur entlang von Beweisen verläuft, sondern auch entlang von Zugang. Dass sie gezogen wurde, als Frauen bei der Ziehung nicht im Raum saßen. Und dass der Spott von heute eine Vorgeschichte hat, die mit Erkenntnistheorie wenig und mit Zuständigkeit viel zu tun hat.
Deshalb funktioniert diese Reihe so, wie sie funktioniert. Die Zeiten stimmen auf die Sekunde, weil sie berechnet sind. Die Deutung wird als Deutung gekennzeichnet, weil sie eine ist. Beides darf nebeneinanderstehen, solange klar bleibt, was was ist.
Das ist keine Ausrede. Das ist genau die Sorgfalt, die Maria Margaretha Kirch aufbringen musste, um überhaupt gehört zu werden — und die man ihr trotzdem nicht angerechnet hat.
7. Warum ich nicht zwölf Absätze schreibe
Ich hätte diese Reihe auch anders anfangen können.
Zwölf Absätze im Monat, für jedes Sternzeichen einen. Freundlich, unverbindlich, gut teilbar. Das läuft. Das kostet niemanden etwas.
Ich wollte das nicht.
Die Küche. Das Zentrum jeder Party, immer.
Oder draußen beim Rauchen, Kopf im Nacken, weil oben etwas zu sehen war.
„Ja klar. Du glaubst also, dass da oben irgendwas steht.“
Den Satz habe ich oft gehört. Meistens freundlich gesagt — das macht ihn nicht besser.
Denn danach kommt immer dasselbe Lächeln.
Nicht böse.
Nachsichtig.
Als hätte man mich bei etwas Kindlichem erwischt und wolle es mir nicht kaputtmachen.
Und meine Hand zuckt. Jedes Mal.
Das Getränk steht nicht mehr ganz so sicher im Glas.
Die Flasche wird ein bisschen fester gehalten.
Der Körper weiß es vor mir.
Dann relativiere ich. Nur so zum Spaß. Nehme ich nicht ernst. Ist ja bloß ein Zeitvertreib.
Bis mir auffiel, dass ich mich für eine Behauptung entschuldige, die ich nie aufgestellt habe.
Was mich an dieser Geschichte festhält, ist nicht die Ungerechtigkeit. Die gibt es überall, und dreihundert Jahre alte Ungerechtigkeit korrigiert niemand mehr.
Es ist die Rechnung.
Achtzehn Jahre Himmelsmechanik.
Ein Komet, den jemand anders unterschrieben hat.
Anderthalb Jahre Warten auf eine Antwort, die Nein hieß.
Und danach nicht Rückzug, sondern: weitermachen. Als Assistentin des eigenen Sohnes. Die Töchter dreißig Jahre lang an denselben Tabellen.
Diese Frauen haben nicht protestiert. Sie haben gerechnet.
Und das Haus, das sie nicht betreten durften, stand auf ihren Zahlen.
Ich schreibe diese Reihe, weil man in den Himmel schauen kann, ohne den Verstand abzugeben. Und weil mir auffällt, wie viele Frauen sich für ihr Interesse daran entschuldigen, noch bevor sie den Satz zu Ende gesprochen haben.
Es gibt keinen Grund dafür.
8. Dunkelrot-Reminder: Du musst dich nicht entschuldigen
Wenn du auf Mondphasen achtest, ein Horoskop liest oder dir merkst, wann Merkur rückläufig ist, tust du nichts, wofür du dich rechtfertigen müsstest.
Du behauptest nichts über Physik.
Du widersprichst keiner Messung.
Du benutzt ein Ordnungssystem, um über dein Leben nachzudenken.
Das tun alle. Manche nennen es Sternzeichen, manche Persönlichkeitstest, manche Jahresrückblick.
Der Unterschied ist nicht die Beweislage. Der Unterschied ist, welches System gerade Ansehen genießt.
Und Ansehen ist etwas, das vergeben wird. Von jemandem. Aus Gründen, die nicht immer mit Wahrheit zu tun haben.
Astrologie war nie Frauenwissen.
Sie wurde es, weil die andere Hälfte des Himmels abgeschlossen wurde.
Und der Schlüssel hing außen.
🌙 Diese Reihe: Die Himmelschronik erscheint einmal im Monat — über das, was am Himmel passiert und sich zu erklären lohnt.
📮 Newsletter: Die nächste Himmelschronik kommt direkt zu dir ins Postfach — zusammen mit allem anderen, was hier auf Dunkelrot passiert. Kein Rauschen, keine Untergangs-Schlagzeilen. Nur der Hinweis, wenn es sich lohnt, wach zu sein.
📖 Weiterlesen: Himmelschronik #1 — Die Nacht, in der du den Schatten der Erde siehst
💬 Wann hat zuletzt jemand über etwas gelacht, das du ernst nimmst?
