Kernstück: Ein Wunsch ist noch keine Aufgabe
Über das Gefühl, für alles und jeden zuständig zu sein
Ich habe lange geglaubt, Verpflichtungen entstünden dadurch, dass jemand etwas von mir möchte.
Jemand schreibt mir. Also muss ich antworten.
Jemand möchte mich sehen. Also muss ich überlegen, wie ich es möglich machen kann.
Jemand ist enttäuscht. Also muss ich etwas reparieren.
Jemand braucht mich. Also darf ich nicht gehen.
Jemand hat es schwer. Also wäre es herzlos, Nein zu sagen.
Jemand wartet auf mich. Also muss ich mich beeilen.
Jemand hat eine Erwartung an mich.
Und plötzlich liegt diese Erwartung auf meinem Schreibtisch wie eine Aufgabe, die ich angenommen habe, obwohl mich niemand gefragt hat.
Vielleicht ist das einer der anstrengendsten Irrtümer meines Lebens.
Denn ein Wunsch eines anderen Menschen ist noch keine Aufgabe für mich.
Ich schreibe diesen Satz noch einmal, weil ich selbst ihn offenbar ungefähr fünfzig Jahre lang nicht richtig verstanden habe:
Ein Wunsch eines anderen Menschen ist noch keine Aufgabe für mich.
Die unsichtbare To-do-Liste
Es gibt die offensichtlichen Aufgaben im Leben.
Arbeit. Rechnungen. Steuer. Einkaufen. Wäsche. Termine. Menschen und Tiere versorgen. Dinge, die tatsächlich erledigt werden müssen.
Und dann gibt es diese zweite, unsichtbare To-do-Liste.
Sie besteht aus Erwartungen.
Du könntest doch …
Wann meldest du dich?
Warum hast du nicht geantwortet?
Ich würde mich freuen, wenn …
Kannst du nicht …?
Ich brauche dich gerade.
Du hast doch sonst immer …
Niemand schreibt diese Dinge auf meine Liste.
Ich mache das selbst.
Aus „Er möchte“ wird in meinem Kopf „Ich muss“.
Aus „Sie wäre enttäuscht“ wird „Ich darf nicht Nein sagen“.
Aus „Er braucht gerade jemanden“ wird „Ich bin zuständig“.
Und irgendwann ist mein Tag voll mit Aufgaben, die ich niemals angenommen habe.
Und irgendwann werde ich wütend
Das ist vielleicht der Teil, den ich am längsten nicht verstanden habe.
Wenn man ständig Ja sagt, obwohl irgendwo im Inneren längst ein Nein sitzt, verschwindet dieses Nein nicht.
Es wartet.
Man antwortet noch einmal freundlich. Man macht noch einen Termin möglich. Man hört noch einmal zu. Man erklärt noch einmal. Man vertröstet. Man versucht, niemanden zu verletzen.
Und irgendwann fühlt sich die Bitte des anderen nicht mehr wie eine Bitte an.
Sie fühlt sich an wie ein Übergriff.
Dabei hat der andere manchmal gar nichts anderes getan, als etwas zu wollen.
Ich war diejenige, die aus seinem Wunsch eine Verpflichtung gemacht hat.
Und plötzlich bin ich wütend auf jemanden, weil ich etwas getan habe, das ich eigentlich gar nicht tun wollte.
Das ist eine ziemlich bittere Erkenntnis.
Aber auch eine befreiende.
Denn wenn ich die Verpflichtung selbst erzeugt habe, kann ich damit aufhören.
Enttäuschung ist nicht automatisch meine Verantwortung
Vielleicht ist das der schwierigste Satz.
Andere Menschen dürfen enttäuscht von mir sein.
Sie dürfen sich mehr Kontakt wünschen.
Sie dürfen sich wünschen, dass ich komme.
Sie dürfen traurig sein, wenn ich gehe.
Sie dürfen meine Entscheidung falsch finden.
Sie dürfen sogar sauer sein.
Ihre Reaktion verwandelt mein Nein nicht in ein falsches Nein.
Ich kann jemanden mögen und trotzdem keine Zeit haben.
Ich kann Mitgefühl haben und trotzdem nicht verfügbar sein.
Ich kann dankbar sein und trotzdem nichts schulden.
Ich kann jemanden enttäuschen, ohne ihn schlecht behandelt zu haben.
Und ich kann jemanden lieben und trotzdem feststellen:
So möchte ich nicht leben.
Eine Grenze ist keine Anweisung an den anderen
Vielleicht habe ich Grenzen deshalb so lange schwierig gefunden, weil ich sie mit Forderungen verwechselt habe.
Eine Grenze lautet nicht:
Du musst dich anders verhalten.
Sie lautet:
Du darfst dich verhalten, wie du möchtest. Und ich entscheide, woran ich teilnehme.
Du musst mir nicht schreiben.
Aber ich muss auch keine Beziehung führen, in der mir Kontakt fehlt.
Du darfst etwas von mir wollen.
Aber ich darf Nein sagen.
Du darfst enttäuscht sein.
Aber ich muss deine Enttäuschung nicht beseitigen.
Du darfst gehen.
Und ich muss dir nicht hinterherlaufen, damit du bleibst.
Das ist keine Härte.
Das ist Freiheit auf beiden Seiten.
Vielleicht muss ich früher Nein sagen
Ich glaube, ich muss gar nicht lernen, härter zu werden.
Ich muss früher werden.
Früher merken, dass ich etwas nicht möchte.
Früher sagen, dass mir etwas zu viel wird.
Früher einen Abend für mich behalten.
Früher eine Nachricht unbeantwortet lassen, wenn ich gerade keine Antwort habe.
Früher sagen: Das möchte ich nicht.
Denn ein kleines Nein am Anfang erspart manchmal ein sehr großes, sehr wütendes Nein am Ende.
Vielleicht entsteht Leichtigkeit genau dort.
Nicht dadurch, dass niemand mehr etwas von mir will.
Sondern dadurch, dass nicht mehr jeder Wunsch eines anderen automatisch auf meiner To-do-Liste landet.
Drei Fragen, bevor ich wieder „muss“
Ich möchte mir deshalb angewöhnen, kurz innezuhalten, sobald dieses alte Verpflichtungsgefühl auftaucht:
- Habe ich tatsächlich zugesagt?
- Möchte ich das überhaupt?
- Was würde ich tun, wenn ich keine Angst hätte, dass der andere enttäuscht oder sauer auf mich ist?
Vielleicht lautet die Antwort dann trotzdem Ja.
Aber dann ist es mein Ja.
Und wenn die Antwort Nein lautet, muss daraus kein Streit werden.
Manchmal reicht:
Heute nicht.
Das möchte ich nicht.
Dafür habe ich gerade keine Kapazität.
Ich melde mich, wenn es für mich passt.
Oder schlicht:
Nein.
Das Kernstück
Vielleicht muss ich nicht weniger fürsorglich werden.
Vielleicht muss ich nur endlich verstehen, dass Fürsorge freiwillig sein muss, damit sie Fürsorge bleibt.
Ich darf großzügig sein.
Ich darf für Menschen da sein.
Ich darf helfen, zuhören, lieben, schenken, antworten, tragen.
Aber ich möchte es tun, weil ich Ja gesagt habe.
Nicht weil jemand anderes gefragt hat.
Ein Wunsch ist noch keine Aufgabe.
Eine Erwartung ist noch keine Verpflichtung.
Eine Enttäuschung ist noch keine Schuld.
Und mein Nein braucht keinen anderen Menschen, der es für mich rechtfertigt.
