Es gibt diese Lebensphasen, auf die man vorbereitet wird. Zumindest theoretisch. Pubertät? Aufklärungsunterricht, Zeitschriften, Eltern, Freundinnen und eine ganze Kultur voller Geschichten über das Erwachsenwerden. Schwangerschaft? Bücherregale, Podcasts, Apps und vermutlich inzwischen einen eigenen Instagram-Account für jede einzelne Schwangerschaftswoche.
Und dann kommen die Wechseljahre.
Und erstaunlich viele Frauen stehen irgendwann da und denken: Was zur Hölle passiert eigentlich gerade mit mir?
Plötzlich verändert sich etwas. Vielleicht schläft man schlechter. Vielleicht wird einem heiß. Vielleicht verändert sich der Zyklus, die Stimmung, der Körper, die Sexualität oder die Energie. Vielleicht ist man dünnhäutiger als früher. Vielleicht auch weniger bereit, Dinge hinzunehmen, die man zwanzig Jahre lang irgendwie hingenommen hat. Und manchmal weiß man überhaupt nicht, ob das, was gerade passiert, mit den Wechseljahren zu tun hat oder einfach mit dem Leben.
Denn das hört währenddessen ja unverschämterweise nicht auf.
Man arbeitet weiter. Kümmert sich. Liebt. Streitet. Funktioniert. Hat Eltern, Partner:innen, Kinder oder eben keine Kinder. Hat einen Beruf, Verpflichtungen, Wünsche, Müdigkeit, Pläne und einen Körper, der plötzlich beschlossen hat, einige seiner bisherigen Regeln neu zu verhandeln.
Ich habe in den vergangenen Jahren deshalb immer wieder Bücher über Wechseljahre, Menopause, Frauengesundheit und das Älterwerden gelesen. Nicht, weil ich irgendwann die eine ultimative Anleitung finden wollte. Die gibt es nämlich nicht.
Sondern weil jedes gute Buch einen anderen Teil dieser Lebensphase sichtbar macht.
Das eine erklärt.
Das andere beruhigt.
Das nächste macht wütend.
Eines bringt einen zum Lachen.
Und manche Bücher sorgen vor allem für diesen wunderbaren Moment beim Lesen:
Ach. Das bin nicht nur ich.
Genau deshalb habe ich meine bisherigen Rezensionen noch einmal zusammengesucht und daraus diese Liste gemacht. Keine theoretische Bestenliste und keine Ansammlung von Büchern, die ich anhand ihrer Klappentexte empfehle. Die Bücher hier habe ich gelesen und auf Dunkelrot bereits einzeln besprochen oder sie berühren Themen, die für mich unmittelbar zu dieser Lebensphase gehören.
Das hier ist also meine persönliche Bibliothek für ziemlich wechselhafte Zeiten.
Warum wir überhaupt Bücher über die Wechseljahre brauchen
Vielleicht ist das für mich inzwischen der wichtigste Punkt: Wir brauchen nicht ein Buch über die Wechseljahre.
Wir brauchen viele.
Denn schon der Begriff täuscht ein bisschen darüber hinweg, wie unterschiedlich diese Jahre erlebt werden können. Während die eine Frau vor allem mit Hitzewallungen kämpft, liegt die andere nachts wach. Eine dritte bemerkt Stimmungsschwankungen, Konzentrationsprobleme oder Veränderungen ihres Körpers. Manche erleben die hormonelle Umstellung als massive Belastung, andere deutlich milder.
Und dann gibt es noch all die Veränderungen, die sich nicht sauber in eine medizinische Symptomliste pressen lassen.
Was will ich eigentlich noch?
Wie möchte ich leben?
Warum ertrage ich bestimmte Dinge plötzlich nicht mehr?
Was bedeutet Weiblichkeit für mich, wenn Fruchtbarkeit nicht mehr die Rolle spielt, die Gesellschaft ihr jahrhundertelang zugeschrieben hat?
Wie verändert sich mein Blick auf meinen Körper?
Was passiert mit Lust und Sexualität?
Und warum wird ein Mann mit grauen Haaren interessant, während Frauen jahrzehntelang vermittelt wurde, sie müssten das Altern möglichst erfolgreich vertuschen?
Willkommen in einem Themengebiet, bei dem Hormone, Medizin, Psychologie, Feminismus, Arbeit, Beziehungen und gesellschaftliche Erwartungen fröhlich durcheinanderpurzeln.
Ein einziges Buch kann das kaum abdecken.
Deshalb unterscheiden sich auch meine Empfehlungen sehr deutlich voneinander.
1. Diana Helfrich: „Wechseljahre – Ich dachte, ich krieg das nicht!“
Mit diesem Buch beginnt meine Liste ganz bewusst.
Denn der Titel beschreibt ziemlich genau das, was vermutlich viele Frauen irgendwann denken: Wechseljahre? Klar. Aber doch noch nicht ich.
Oder zumindest nicht jetzt.
Oder nicht so.
Diana Helfrich nähert sich dem Thema unaufgeregt, verständlich und gleichzeitig fundiert. Genau das mochte ich beim Lesen. Hier wird nicht versucht, aus den Wechseljahren entweder eine Katastrophe oder eine spirituelle Wiedergeburt zu machen.
Sie sind zunächst einmal eine körperliche Veränderung.
Und Wissen darüber hilft.
Als ich das Buch gelesen habe, fand ich besonders hilfreich, wie nachvollziehbar viele Fragen beantwortet werden, die im eigenen Kopf herumschwirren können. Hormone, körperliche Veränderungen, Beschwerden und die unterschiedlichen Erfahrungen von Frauen bekommen einen Zusammenhang.
Das klingt banal. Ist es aber nicht.
Denn ein Symptom, das man nicht einordnen kann, macht häufig mehr Angst als eines, dessen Ursache man zumindest versteht.
Und vielleicht beginnt Selbstbestimmung genau dort: beim Wissen über den eigenen Körper.
Ich mochte an diesem Buch deshalb besonders dieses Gefühl, mit meinen Fragen ernst genommen zu werden. Keine Panikmache. Kein „Da musst du jetzt eben durch“. Kein rosa Glitzer über etwas streuen, das durchaus anstrengend sein kann.
Sondern Information.
Für mich ist „Wechseljahre – Ich dachte, ich krieg das nicht!“ deshalb nach wie vor eines der Bücher, die ich Frauen empfehlen würde, die gerade beginnen, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Für wen? Für alle, die erst einmal verstehen möchten, was in dieser Lebensphase überhaupt passiert.
→ Meine vollständige Rezension zu „Wechseljahre – Ich dachte, ich krieg das nicht!“ findest du hier.
2. Miriam Stein: „Die gereizte Frau“
Und dann kommt die Wut.
Was ich an „Die gereizte Frau“ besonders interessant fand: Miriam Stein betrachtet die Wechseljahre nicht ausschließlich als biologischen Prozess.
Sie stellt eine andere Frage:
Was hat unsere Gesellschaft eigentlich mit meinen Wechseljahren zu tun?
Und plötzlich wird aus einem vermeintlich privaten Frauenthema ein politisches.
Frauen werden über Jahrhunderte mit bestimmten Rollen verbunden. Jugend. Schönheit. Sexualität. Fruchtbarkeit. Mutterschaft. Fürsorge.
Und irgendwann fällt zumindest ein Teil dieser Zuschreibungen weg.
Was bleibt dann?
Oder viel spannender: Was kommt dann?
Ich fand beim Lesen besonders interessant, wie Stein die gesellschaftlichen Bilder der alternden Frau untersucht. Während männliches Altern erstaunlich häufig mit Erfahrung, Reife und Souveränität verbunden wird, existiert für Frauen ein ganzes Arsenal wenig schmeichelhafter Figuren.
Und genau deshalb ist die Gereiztheit, von der dieses Buch handelt, eben nicht nur eine Frage schwankender Hormone.
Vielleicht ist man manchmal auch gereizt, weil man genug hat.
Genug vom Gefallenwollen.
Genug vom Funktionieren.
Genug von Erwartungen.
Genug davon, dass weibliche Körper kommentiert, bewertet und medizinisch noch immer nicht überall mit derselben Selbstverständlichkeit erforscht werden wie männliche.
Ich war bei meiner ursprünglichen Rezension nicht in jedem Punkt restlos begeistert und habe dem Buch damals keine uneingeschränkte Höchstwertung gegeben. Aber genau deshalb gehört es in diese Liste.
Denn eine Empfehlung muss nicht bedeuten, dass ich jedes Wort eines Buches unterschreibe.
Ein gutes Buch darf mich auch reiben.
„Die gereizte Frau“ hat bei mir Gedanken ausgelöst. Und die sind geblieben.
Für wen? Für Frauen, die neben Hormonen auch über Rollenbilder, Feminismus, Alter und gesellschaftliche Erwartungen nachdenken möchten.
→ Hier geht es zu meiner ausführlichen Rezension von „Die gereizte Frau“.
3. Louann Brizendine: „Gehirnpower Wechseljahre“
Was passiert eigentlich im Kopf?
Eine ziemlich wichtige Frage, wenn man plötzlich das Gefühl hat, der eigene Kopf funktioniere gelegentlich nach einer Betriebsanleitung, die heimlich ausgetauscht wurde.
Louann Brizendine schaut in „Gehirnpower Wechseljahre“ auf die Veränderungen des weiblichen Gehirns und verbindet sie mit der hormonellen Umstellung.
Ich fand vor allem die erste Hälfte des Buches ausgesprochen stark.
Die körperlichen und hormonellen Zusammenhänge werden nachvollziehbar beschrieben und die Wechseljahre nicht einfach als Verlustgeschichte erzählt. Stattdessen steht die Idee im Raum, diese Phase könne auch eine Art Veränderungsprozess sein, aus dem neue Klarheit entstehen kann.
Diesen Gedanken mag ich.
Nicht, weil ich glaube, wir müssten aus jeder Hitzewallung noch eine Selbstoptimierungslektion herauspressen. Frauen müssen aus den Wechseljahren kein „bestes Ich 2.0“ produzieren.
Manchmal darf etwas auch einfach anstrengend sein.
Aber die Vorstellung, dass Veränderung nicht automatisch Verschlechterung bedeutet, empfinde ich als wohltuend.
Beim zweiten Teil des Buches war ich deutlich weniger begeistert. Einige Themen haben mich eher verunsichert und manches zog sich für mich. Auch das gehört zu einer ehrlichen Empfehlung.
Trotzdem ist die erste Hälfte so informativ und hilfreich, dass „Gehirnpower Wechseljahre“ seinen Platz in dieser Liste verdient.
Und genau hier zeigt sich übrigens, warum ich solche Sammelartikel sinnvoll finde: Ihr müsst nicht neun Bücher kaufen. Ihr könnt auswählen, welche Perspektive gerade zu euch passt.
Für wen? Für alle, die besonders die Zusammenhänge zwischen Hormonen, Gehirn, Stimmung und Veränderungsprozessen interessieren.
→ Alle Details stehen in meiner Einzelbesprechung von „Gehirnpower Wechseljahre“.
4. Uli Heppel und Sabine Fuchs: „Ist dir auch so heiß?“
Man kann sich den Wechseljahren mit medizinischen Studien nähern.
Oder man kann zwischendurch auch einfach lachen.
Bitte Letzteres nicht unterschätzen.
Uli Heppel und Sabine Fuchs gehen in „Ist dir auch so heiß?“ mit viel Humor an das Älterwerden und die Wechseljahre heran.
Das Buch ist leicht, unterhaltsam und liebevoll gestaltet.
Und gleichzeitig muss ich etwas sagen, was ich schon in meiner ursprünglichen Rezension festgestellt habe: Wer einen umfassenden medizinischen Ratgeber sucht, wird hier nicht unbedingt fündig.
Das ist aber vielleicht auch gar nicht seine Aufgabe.
Nicht jedes Buch muss ein Nachschlagewerk sein.
Manchmal möchte man lesen und denken: Ja. Genau. Kenne ich.
Manchmal möchte man sich über Dinge amüsieren, die einem gestern noch den letzten Nerv geraubt haben.
Und manchmal tut es einfach gut, wenn Frauen offen über Erfahrungen sprechen, die lange Zeit verschämt behandelt wurden.
Humor kann schließlich ebenfalls eine Form von Enttabuisierung sein.
Was ich daran besonders mag: Älterwerden wird hier nicht als trauriger Abstieg erzählt. Es gibt Lebenserfahrung, Freiheit, Selbstironie und dieses zunehmende Wissen darüber, was man nicht mehr möchte.
Das kann ausgesprochen befreiend sein.
Für wen? Für alle, die einen leichten, humorvollen Einstieg suchen und nicht mit einem medizinischen Lehrbuch anfangen möchten.
→ Was ich sonst noch über „Ist dir auch so heiß?“ geschrieben habe, liest du in der Rezension.
5. Suzann Kirschner-Brouns: „Die Kraft der Wechseljahre“
Schon der Titel nimmt eine andere Perspektive ein.
Nicht die Last.
Nicht das Problem.
Die Kraft.
Suzann Kirschner-Brouns verbindet als Ärztin Wissen über körperliche Veränderungen mit Themen wie Wohlbefinden, Ernährung, Bewegung, Sexualität, Selbstakzeptanz und Lebensqualität.
Was mir daran gefällt, ist der ganzheitliche Blick.
Denn wir sind eben keine wandelnden Hormonwerte.
Wenn sich der Körper verändert, verändert sich häufig auch die Beziehung zu ihm. Bedürfnisse verschieben sich. Prioritäten werden neu sortiert. Und irgendwann taucht vielleicht die Frage auf, ob man die zweite Hälfte des Lebens eigentlich genauso verbringen möchte wie die erste.
Ich finde diese Frage inzwischen enorm spannend.
Nicht jede Frau erlebt die Wechseljahre als Aufbruch. Das sollte man auch nicht verlangen. Wer nachts kaum schläft und tagsüber funktionieren muss, braucht nicht noch jemanden, der ihr erklärt, sie möge diese großartige Transformationsreise bitte angemessen genießen.
Aber irgendwann kann neben die Belastung noch etwas anderes treten:
Was brauche ich jetzt?
Nicht die Familie.
Nicht der Arbeitgeber.
Nicht die Gesellschaft.
Ich.
Das ist keine egoistische Frage. Vielleicht ist es eine Frage, die viele Frauen viel zu spät stellen.
„Die Kraft der Wechseljahre“ gibt diesem Perspektivwechsel Raum und gehört deshalb für mich zu den Büchern, die über reine Symptombeschreibungen hinausgehen.
Für wen? Für Frauen, die die Wechseljahre nicht nur verstehen, sondern diese Lebensphase bewusst gestalten möchten.
→ Zur kompletten Rezension von „Die Kraft der Wechseljahre“.
6. Dr. Ute Brambrink und Claudia Rieß: „Das Meno Power Buch“
Ein Thema wird in vielen Gesprächen über die Wechseljahre erstaunlich gern vergessen:
Arbeit.
Als würden Hitzewallungen, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten oder Erschöpfung höflich am Werkstor warten und erst nach Feierabend wieder einsetzen.
Tun sie bedauerlicherweise nicht.
Und Frauen zwischen Mitte vierzig und Mitte fünfzig stehen häufig mitten im Berufsleben. Sie tragen Verantwortung, leiten Teams, unterrichten, pflegen, organisieren, führen Unternehmen oder versuchen schlicht, ihren ganz normalen Arbeitsalltag zu bewältigen.
Genau deshalb fand ich „Das Meno Power Buch“ von Dr. Ute Brambrink und Claudia Rieß wichtig.
Es bringt Wechseljahre und berufliche Realität zusammen.
Das ist für mich mehr als ein individuelles Thema. Wenn ein erheblicher Teil der arbeitenden Bevölkerung diese Lebensphase durchläuft, kann die Antwort nicht ausschließlich lauten: Kümmert euch privat darum und funktioniert im Job bitte weiter wie bisher.
Wir brauchen auch dort mehr Wissen.
Bei Betroffenen.
Bei Kolleg:innen.
Bei Führungskräften.
Und in Unternehmen.
Besonders wertvoll finde ich deshalb Bücher, die Frauen nicht vermitteln, sie müssten ihre Beschwerden irgendwie verstecken, um weiterhin als leistungsfähig zu gelten.
Man kann kompetent sein und trotzdem eine schlechte Nacht gehabt haben.
Man kann Verantwortung tragen und gleichzeitig körperliche Veränderungen erleben.
Das eine löscht das andere nicht aus.
Für wen? Für berufstätige Frauen und eigentlich genauso für Menschen, die Personalverantwortung tragen.
→ Meine ausführliche Besprechung des Meno Power Buchs findest du hier.
7. Dana Spiotta: „Unberechenbar“
Jetzt verlassen wir die klassischen Ratgeber.
Und das finde ich wichtig.
Denn manchmal kann Literatur etwas, das ein Sachbuch nicht schafft: Sie lässt uns eine Veränderung erleben, statt sie zu erklären.
In Dana Spiottas Roman „Unberechenbar“ steht Sam Raymond im Mittelpunkt, 53 Jahre alt, und plötzlich gerät ihr bisheriges Leben in Bewegung.
Sie kauft spontan ein heruntergekommenes Haus und verändert damit mehr als nur ihre Adresse.
Was mich an diesem Roman so gepackt hat, war die schonungslose Frage nach dem eigenen Leben.
Was passiert, wenn eine Frau irgendwann nicht mehr bereit ist, ausschließlich die Person zu sein, die sie für andere geworden ist?
Ist das egoistisch?
Ist es mutig?
Ist es eine Krise?
Oder vielleicht von allem etwas?
Ich habe das Buch damals teilweise im englischen Original weitergelesen, weil ich mit der deutschen Übersetzung nicht richtig in einen Lesefluss kam. Aber inhaltlich hat mich der Roman stark beschäftigt.
Sam ist keine nette Symbolfigur für „gelungenes Älterwerden“.
Zum Glück.
Sie zweifelt. Sie handelt impulsiv. Sie verletzt. Sie sucht. Sie versucht, sich selbst wiederzufinden.
Und genau deshalb passt dieser Roman für mich in eine Liste über Bücher für die Wechseljahre.
Denn Frauen in dieser Lebensphase brauchen nicht nur Bücher über Östrogen.
Wir brauchen auch Geschichten über Frauen mittleren Alters, die kompliziert sein dürfen.
Frauen, die begehren.
Frauen, die Fehler machen.
Frauen, die wütend werden.
Frauen, die ihr Leben verändern.
Frauen, deren Geschichte mit 50 nicht langsam in den Abspann übergeht.
Für wen? Für alle, die lieber einen starken Roman lesen als den nächsten Ratgeber und sich für weibliche Selbstbestimmung und Umbruch interessieren.
→ Die ganze Rezension zu „Unberechenbar“ gibt es hier.
8. Tabea Lorch: „Frauen trainieren anders“
Auch dieses Buch ist kein reines Wechseljahrebuch. Trotzdem gehört es für mich in diesen Zusammenhang.
Denn wenn wir über weibliche Gesundheit sprechen, landen wir erstaunlich schnell bei allgemeinen Empfehlungen, die so tun, als seien Körper geschlechtslose Maschinen.
Mehr Sport.
Mehr Disziplin.
Mehr Leistung.
Danke, das war sicher noch niemandem eingefallen.
Tabea Lorch setzt bei einem anderen Gedanken an: Weibliche Körper haben eigene Voraussetzungen und hormonelle Veränderungen können Einfluss darauf haben, wie sich Training und Belastung anfühlen.
Ich mochte an „Frauen trainieren anders“, dass der weibliche Körper nicht als Sonderfall behandelt wird.
Er ist der Ausgangspunkt.
Und das sollte selbstverständlich sein.
Ist es aber noch längst nicht überall.
Gerade in einer Lebensphase, in der man möglicherweise ohnehin das Gefühl hat, der eigene Körper habe sich ohne Rücksprache verändert, kann ein anderer Blick auf Bewegung sehr hilfreich sein.
Nicht: Ich muss meinen Körper wieder unter Kontrolle bekommen.
Sondern: Ich möchte verstehen, was mein Körper jetzt braucht.
Das ist ein ziemlich großer Unterschied.
Bewegung kann Kraft geben. Sie kann Wohlbefinden fördern. Und sie kann ein Weg sein, wieder eine freundlichere Verbindung zum eigenen Körper herzustellen.
Aber sie sollte keine Strafe dafür sein, dass dieser Körper älter wird.
Für wen? Für Frauen, die Bewegung und Training stärker an den weiblichen Körper und unterschiedliche Lebensphasen anpassen möchten.
→ Mehr dazu in meiner Rezension von „Frauen trainieren anders“.
9. Elke Heidenreich: „Altern“
Und irgendwann führt ein Text über Wechseljahre zwangsläufig zu einem größeren Wort.
Altern.
Ich weiß, wahnsinnig beliebt.
Wir sollen möglichst alt werden, aber dabei bitte nicht alt aussehen. Wir sollen Lebenserfahrung sammeln, aber keine Falten. Wir sollen gelassener werden, gleichzeitig fit, sexy, leistungsfähig, neugierig, erfolgreich und selbstverständlich zwanzig Jahre jünger wirken.
Vielleicht liegt der Fehler nicht beim Altern.
Vielleicht liegt er in unseren absurden Erwartungen daran.
Elke Heidenreichs „Altern“ ist kein klassisches Buch über die Menopause. Es ist eine persönliche, kluge Auseinandersetzung mit dem Älterwerden.
Und gerade deshalb wollte ich es hier dabeihaben.
Denn die Wechseljahre sind keine isolierte medizinische Episode. Sie liegen mitten in einem größeren Übergang. Wir merken, dass Zeit vergangen ist. Dass der Körper eine Geschichte hat. Dass Dinge sich verändern und manche Möglichkeiten verschwinden, während andere überhaupt erst entstehen.
Ich finde, darüber dürfen wir reden, ohne sofort in zwei Extreme zu verfallen.
Wir müssen das Altern weder schrecklich finden noch jeden Morgen jubelnd unsere Falten begrüßen.
Ambivalenz ist erlaubt.
Man darf sein Leben lieben und Veränderungen trotzdem betrauern.
Man darf älter werden wollen und das Älterwerden manchmal trotzdem beschissen finden.
Man darf dankbar sein und gleichzeitig Angst haben.
Vielleicht ist genau diese Widersprüchlichkeit etwas, das mir an Büchern über diese Lebensphase immer wichtiger wird.
Für wen? Für Frauen, die nach den konkreten Wechseljahresthemen weiterdenken und sich mit dem Älterwerden selbst auseinandersetzen möchten.
→ Meine vollständige Rezension zu „Altern“ von Elke Heidenreich.
Welches Wechseljahre-Buch passt zu mir?
Nach all diesen Büchern würde ich gar nicht versuchen, das beste Wechseljahre-Buch zu bestimmen.
Ich würde anders auswählen.
Wenn du gerade am Anfang stehst und vor allem wissen möchtest, was eigentlich mit deinem Körper geschieht, würde ich mit Diana Helfrich beginnen.
Wenn du dich für Gehirn, Hormone und die neurologische Perspektive interessierst, schau dir Louann Brizendine an.
Wenn du gerade keine Lust auf einen weiteren umfangreichen Ratgeber hast und lieber lachen möchtest, könnte „Ist dir auch so heiß?“ passen.
Wenn dich die gesellschaftliche und feministische Dimension interessiert, nimm Miriam Stein.
Wenn du die Wechseljahre stärker als Phase einer persönlichen Neuorientierung betrachten möchtest, ist Suzann Kirschner-Brouns interessant.
Wenn Arbeit und Leistungsfähigkeit gerade deine großen Themen sind, schau in „Das Meno Power Buch“.
Wenn du überhaupt keinen Ratgeber willst, sondern Literatur, dann lies „Unberechenbar“.
Wenn du dich mit Bewegung und deinem sich verändernden Körper beschäftigen möchtest, ist „Frauen trainieren anders“ eine gute Ergänzung.
Und wenn du merkst, dass deine Gedanken längst über Hormone hinausgehen und du dich grundsätzlich mit dem Älterwerden auseinandersetzt, dann wartet Elke Heidenreich.
Vielleicht brauchst du heute ein anderes Buch als in einem Jahr.
Auch das ist völlig in Ordnung.
Wechseljahre sind mehr als Hitzewallungen
Je länger ich mich mit diesem Thema beschäftige, desto weniger kann ich Wechseljahre auf eine Sammlung körperlicher Symptome reduzieren.
Natürlich gehören körperliche Beschwerden dazu. Und natürlich sollte niemand ernsthafte oder belastende Beschwerden einfach mit einem Schulterzucken und dem Satz „Das sind halt die Wechseljahre“ abtun.
Medizinische Fragen gehören in medizinische Hände.
Bücher können informieren, Erfahrungen sichtbar machen und dabei helfen, die richtigen Fragen zu stellen. Sie ersetzen keine individuelle medizinische Beratung.
Aber sie können noch etwas anderes.
Sie können Sprache geben.
Für Veränderungen.
Für Unsicherheit.
Für Wut.
Für Lust.
Für Trauer.
Für dieses merkwürdige Gefühl, gleichzeitig dieselbe Frau zu sein und sich doch manchmal vollkommen neu kennenzulernen.
Und vielleicht ist das einer der Gründe, weshalb ich inzwischen so gern über dieses Thema schreibe.
Wir müssen die Wechseljahre nicht schönreden.
Aber wir sollten endlich über sie reden.
Offen.
Laut.
Neugierig.
Und ohne dieses seltsame gesellschaftliche Flüstern, das Frauenkörper immer dann umgibt, wenn sie nicht mehr ganz in die vorgesehenen Kategorien passen.
Mein Fazit: Die eine richtige Anleitung gibt es nicht
Wenn ich aus all diesen Büchern eine Erkenntnis mitnehmen müsste, wäre es wahrscheinlich diese:
Es gibt nicht die Wechseljahre.
Es gibt deine.
Und meine.
Es gibt Frauen, die diese Zeit relativ problemlos erleben. Andere kämpfen jahrelang mit Beschwerden. Manche entdecken eine neue Freiheit. Andere möchten von der ganzen angeblichen Transformation nichts hören und einfach endlich wieder schlafen.
Alles davon darf existieren.
Vielleicht brauchen wir deshalb keine neue Erzählung, die die alte negative Geschichte einfach durch eine zwanghaft positive ersetzt.
Die Wechseljahre müssen weder Untergang noch Erweckung sein.
Sie sind eine Lebensphase.
Eine ziemlich große sogar.
Und Wissen kann helfen, sie selbstbestimmter zu erleben.
Genau deshalb stehen diese Bücher hier nebeneinander. Sachbuch neben Roman. Humor neben Feminismus. Körper neben Gehirn. Arbeit neben Sexualität. Bewegung neben der großen Frage nach dem Älterwerden.
Denn unser Leben besteht schließlich auch nicht aus einzelnen Schubladen.
Und vielleicht ist das sogar das Schönste, was ich nach all diesen Büchern über diese Jahre sagen kann:
Wir verschwinden nicht.
Wir verändern uns.
Wir dürfen uns neu kennenlernen, ohne alles Alte wegwerfen zu müssen. Wir dürfen Grenzen verschieben. Wir dürfen unseren Körper ernst nehmen. Wir dürfen Hilfe suchen. Wir dürfen unsere Meinung ändern. Wir dürfen wütend werden. Wir dürfen genießen. Wir dürfen müde sein. Wir dürfen uns neu verlieben, in Menschen, Ideen oder in ein Leben, das plötzlich wieder ein bisschen mehr uns selbst gehört.
Und wir dürfen endlich aufhören, so zu tun, als müsste all das möglichst diskret passieren.
Die Wechseljahre gehören zum Leben.
Also gehören ihre Geschichten auch ins Bücherregal.
Und auf Dunkelrot sowieso.
